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Aus: Ausgabe vom 14.12.2021, Seite 2 / Inland
Kriegsdienst

»Bei der Bundeswehr geht es ums Töten«

Gegen Verherrlichung von Soldaten: Aktivisten erinnern an Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann. Ein Gespräch mit Katharina-Dorothea Vogelsang
Interview: Gitta Düperthal
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Erinnern an Ludwig Baumann: Plakat an einem Berliner S-Bahnhof

Aktivisten der Gruppe Friedenstat haben am Wochenende mit Plakaten daran erinnert, dass am 13. Dezember vor 100 Jahren der Antifaschist Ludwig Baumann geboren wurde. Baumann, der von 1921 bis 2018 lebte, wurde als angeblicher »Kriegsverräter« geächtet. Wieso ist es wichtig, heute an ihn zu erinnern?

Ludwig Baumann ist eine wichtige Person, wenn es um die Geschichte der Kriegsdienstverweigerung geht. Aus unserer Sicht ist es skandalös, dass erst 2009, 64 Jahre nach Kriegsende, pauschal alle Deserteure aus der Zeit der Nazidiktatur rehabilitiert wurden. Bis dahin hatte das die Bundesregierung verweigert. Ohne Ludwig Baumann, seine Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz und deren langjährigen Kampf darum wäre das wohl selbst zu dem Zeitpunkt immer noch nicht möglich gewesen.

Was genau hatte Ludwig Baumann damals gemacht?

Gemeinsam mit seinem Freund Kurt Oldenburg desertierte er am 3. Juni 1942 bei Bordeaux in Frankreich. Sie wurden von deutschen Grenzposten gestellt. Bemerkenswert ist, dass er es auch in dieser Lage noch falsch fand, Nazis zu erschießen, die ihn verfolgten und mit der Todesstrafe bedrohten. Später sagte er dazu, dass die Deserteure damals zwar Waffen für die Flucht geklaut, sie aber nicht eingesetzt hätten. Baumann wurde 1942 zum Tode verurteilt, hatte aber letztlich »Glück«, dass das Urteil in eine Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Er saß zehn Monate angekettet in der Todeszelle, kam später ins Strafbataillon 500. NS-Verurteilte sollten an gefährlichen Frontabschnitten verheizt werden, an denen man täglich mit dem Tod rechnen musste.

Nun hat Ihre Gruppe 60 Plakate mit Baumanns Konterfei und dem Slogan »Kriegsverrat ist Friedenstat« in Werbevitrinen auf Berliner S-Bahnhöfen aufgehängt. Welche Reaktionen gab es darauf?

Viele fanden unsere Aktion gut. Manche warteten lächelnd, bis wir die Plakate angebracht hatten, um sie dann zu fotografieren. Aktivistinnen hatten auf dem Heimweg beobachtet, wie ein Polizist völlig verunsichert davor stand und aufgeregt telefonierte. Es gab viel Aufmerksamkeit.

In einem Interview mit junge Welt sagte Ludwig Baumann 1997: »Desertion gilt eben auch heute in der Bundeswehr als Unrecht, wird mit bis zu fünf Jahren bestraft. Damit bleiben wir gedemütigt, die wir ein Leben lang bedroht und als Feiglinge, Dreckschweine und Vaterlandsverräter beschimpft wurden.« Ist das heute noch aktuell?

Allerdings. Zwar wurde die Einberufung zum Wehrdienst 2011 ausgesetzt und auf den Spannungs- oder Verteidigungsfall beschränkt. Doch könnte die Kriegsdienstpflicht jederzeit wieder eingeführt werden. Das Strafmaß bei »Fahnenflucht« hat sich nicht geändert: Wer gegen Paragraph 16 Wehrstrafgesetz verstößt, dem droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Das gilt also für Soldatinnen oder Soldaten, falls die im Auslandseinsatz in Mali oder anderswo auf den Gedanken kommen, dass die Bundeswehr keineswegs in Friedensmission unterwegs ist, sondern dass es ums Töten geht – und daraus ihre Konsequenzen ziehen. Oder wenn sie zu spät bemerken, dass es bei Kriegen nicht um die Verteidigung von Menschenrechten geht, sondern um die Stabilisierung westlicher Vorherrschaft. Pro Jahr gibt es Schätzungen zufolge 50 Fälle von Fahnenflucht in Deutschland. Der Paragraph gehört abgeschafft.

In der Coronapandemie wird das Image der Bundeswehr aufpoliert, weil Soldaten im Inland Aufgaben übernehmen, die die kaputtgesparte öffentliche Verwaltung nicht mehr wahrnehmen kann. Mit welchen Argumenten halten Sie dagegen?

In Kriegseinsätzen »helfen« deutsche Soldatinnen und Soldaten nicht, ein Land zu sichern, damit andere Schulen und Straßen bauen, Brunnen bohren oder auch Lehrer und Polizisten ausbilden können. Wenn Menschen das festgestellt haben, dürfen sie nicht bestraft werden. Im Krieg geht es nicht darum, Menschenleben zu retten. Das könnte man an anderer Stelle tun, beispielsweise bei der Seenotrettung. Militärdienst hat mit Nationalismus und Dominanz zu tun. Da gilt Ludwig Baumanns Satz: Wer das nicht will, ist kein Feigling, sondern verdient im Gegenteil gesellschaftliche Anerkennung.

Katharina-Dorothea Vogelsang ist Sprecherin der Aktionsgruppe Friedenstat

Zeitung für Internationale Solidarität

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