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Aus: Ausgabe vom 13.12.2021, Seite 7 / Ausland
Jahresrückblick 2021

Krieg geht weiter

Jahresrückblick 2021. Heute: Jemen. Ansarollah rücken trotz westlicher Waffenexporte an saudische Koalition vor. Humanitäre Lage verschärft sich
Von Wiebke Diehl
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»Größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit«: Wasserstelle in einem Flüchtlingscamp in Marib (3.11.2021)

Das Jahr 2021 brachte für den Jemen weder Erholung noch eine Verbesserung des humanitären Desasters – im Gegenteil. Eingeleitet wurde es mit einer neuen Eskalation: Nur wenige Tage vor dem Jahreswechsel ereignete sich auf dem Flughafen von Aden kurz nach Ankunft der gerade vereidigten »Regierung« von Abed Rabbo Mansur Hadi, der schon seit 2014 nicht mehr demokratisch legitimiert ist, eine heftige Explosion, die mindestens 25 Todesopfer und 110 Verletzte forderte. Viele Finger zeigten umgehend auf die auch »Huthi« genannten Ansarollah, die sich aber nicht zu dem Anschlag bekannten.

Tatsächlich ist die Kooperation zwischen der »Regierung« Hadis und den Separatisten des Südübergangsrats, die gemeinsam die »Regierung« bilden, seit Jahren äußerst konfliktreich. Auch Milizen wie Al-Qaida, der »Islamische Staat« (IS) und andere Dschihadistengruppen kämen als Autoren des Anschlags durchaus in Frage. Dennoch flog die von Saudi-Arabien angeführte Kriegskoalition sogleich Angriffe auf 15 Ziele mitten in Sanaa. Das Militärbündnis führt solche Bombardements mit vielen Toten regelmäßig durch und greift dabei häufig zivile Ziele an. Insbesondere nach Drohnen- und Raketenangriffen der Ansarollah auf Öleinrichtungen oder militärische Ziele in Saudi-Arabien war dies auch 2021 immer wieder der Fall.

Der Westen zündelt

Möglich sind die Luftangriffe der Kriegskoalition nur aufgrund der erheblichen Rüstungsexporte aus den westlichen Industrienationen an die Mitglieder des Militärbündnisses sowie die stillschweigende politische und diplomatische Unterstützung ihres Angriffskrieges. Auf die Spitze trieb es der ehemalige US-Präsident Donald Trump: Quasi zum Abschied erklärte er am 19. Januar – nur einen Tag vor Übergabe der Amtsgeschicke an seinen Nachfolger Joseph Biden – die Ansarollah zur Terrororganisation. Er tat dies ungeachtet eindringlicher Warnungen der Vereinten Nationen und von Hilfsorganisationen, dass die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln und Medikamenten durch eine solche Listung aller Wahrscheinlichkeit nach erheblich erschwert würde. David Beasley, Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms (WFP), sprach von einem »Todesurteil für Hunderttausende, wenn nicht Millionen unschuldiger Menschen«.

Zwar nahm die neue US-Regierung die Ansarollah im Februar wieder von der Terrorliste. Doch das in Bidens erster außenpolitischer Grundsatzrede gemachte Versprechen, »jede US-amerikanische Unterstützung für Angriffshandlungen im Jemen-Krieg ein(zu)stellen, inklusive der relevanten Rüstungsexporte«, war allenfalls halbherzig. Washingtons Unterstützung für die Kriegskoalition geht nahezu ungemindert weiter. Im Sommer verweigerte die US-Regierung in einer Antwort an 41 Kongressabgeordnete eine Spezifizierung, welche Art von Rüstungsgütern Biden gemeint hat. US-Militärbeamte mussten zudem zugeben, dass Washington weiterhin saudische Kriegsflugzeuge wartet. Auch verhängte Washington neue Sanktionen gegen Persönlichkeiten im »Umfeld« der Ansarollah. Wie eine im Juli veröffentlichte Recherche der britischen Investigativplattform Declassified UK ergab, bilden sowohl US-amerikanische Truppen als auch etwa 30 britische Soldaten in Al-Ghaida im Südosten des Jemen saudische Truppen aus. Recherchen von Al-Dschasira haben vergangenes Jahr ergeben, dass Riad in der Nähe den Bau eines Ölterminals plant.

Humanitäre Krise

Während die westlichen Rüstungsexporte an Mitglieder der Kriegskoalition weitergehen, kommen bei Geberkonferenzen zur Minderung der laut Vereinten Nationen »größten humanitären Krise unserer Zeit« jedes Jahr weniger finanzielle Mittel zusammen. Im März wurde noch nicht einmal die Hälfte der benötigten 3,2 Milliarden Euro zugesagt. US-Präsident Biden kürzte den Anteil seines Landes sogar noch stärker, als es bereits sein Vorgänger tat. Und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt nicht zuletzt aufgrund der von Saudi-Arabien verhängten Blockade allein 400.000 besonders unterernährte jemenitische Kinder kurz vor dem Hungertod standen.

UN-Generalsekretär António Guterres sprach im Nachgang der Geberkonferenz angesichts der mangelnden Spendenbereitschaft von einem »Todesurteil«. Erschwerend hinzu kommt die konstant abnehmende jemenitische Wirtschaftsleistung, die seit 2015, dem Jahr, in dem der Angriffskrieg begann, laut einem von dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) veröffentlichten Bericht um die Hälfte gesunken ist. Bereits 2019 hatte das UN-Entwicklungshilfeprogramms UNDP angegeben, der Jemen sei durch den Krieg in seiner Entwicklung um ein Vierteljahrhundert zurückgeworfen worden.

Offensive auf Marib

Riad und seine Verbündeten haben den Krieg, der nach den Worten des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman höchstens wenige Monate hätte dauern sollen, längst verloren. Besonders deutlich zeigte sich dies im öl- und gasreichen Marib, der letzten Hochburg der »Regierung« im Norden des Landes, auf die die Ansarollah im Februar eine Offensive gestartet haben. Trotz starker Luftangriffe der Kriegskoalition, die viele Todesopfer unter den Ansarollah forderten, rückten diese immer weiter auf die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz vor, wo sich über zwei Millionen Binnenflüchtlinge aus dem ganzen Land aufhalten.

In Marib, wo auf seiten der »Regierung« Mitglieder von Al-Qaida und des IS kämpfen, befindet sich das Verteidigungsministerium von Hadi. Zudem verläuft durch die Stadt die einzige Verbindungsstraße zwischen dem Südjemen und Saudi-Arabien. Eine vollständige Eroberung durch die Ansarollah gilt als kriegsentscheidend. Das etwa 120 Kilometer östlich der Hauptstadt Sanaa gelegene Marib gilt auch als »Tor« für weitere Eroberungszüge in den Süden des Landes bis hin zur Hafenstadt Aden, wo die »Regierung« residiert.

Darum haben die Vereinten Nationen, die US-Administration und andere westliche Regierungen sowie auch Riad ihre Bemühungen um einen Waffenstillstand intensiviert. Zugleich aber hat die Kriegskoalition ihre Luftangriffe nicht nur dort, sondern auch auf die für die Versorgung der Bevölkerung besonders relevante Hafenstadt Hodeida, über die schon vor dem Krieg 70 Prozent der Lebensmittel und Medikamente eingeführt wurden, verstärkt. Weder der Hafen Hodeidas noch der Flughafen in Sanaa sind trotz anderslautender Versprechen der Militärkoalition bislang freigegeben worden.

Neben den Regierenden in den westlichen Industrienationen mischen auch Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) im Jemen-Krieg mit. So hat er im August der jemenitischen »Regierung« im Sommer 2021 Reserven im Wert von 665 Millionen US-Dollar zugesprochen. Die leer ausgehenden Ansarollah protestierten, die Gelder gingen nicht nur an eine korrupte Regierung, sondern würden auch zur Kriegführung eingesetzt.

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