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Aus: Ausgabe vom 11.12.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Seit 40 Jahren im Knast

»Er hat noch immer die Hoffnung, freizukommen«

40 Jahre in US-Haft: Aktivisten fordern Freiheit für politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal. Ein Gespräch mit Mike Africa Junior
Von Annette Schiffmann
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»Kein Frieden ohne Gerechtigkeit«: Mike Africa Junior während eines Protests in Philadelphia am 28. April

Sie selbst sind in einem US-Gefängnis geboren worden. Erzählen Sie uns doch bitte ein wenig von Ihrem Werdegang.

Ich habe gefühlt tausend Jahre für die Freilassung meiner Eltern aus dem Gefängnis gekämpft und nach fast 25 Jahren Erfolg gehabt. Seit einem halben Jahr bin ich bei Prison Radio, das sich für die Freilassung zahlreicher politischer und weiterer Gefangener einsetzt. Zu meinen Schwerpunkten gehören Haftbedingungen und der Fall von Mumia Abu-Jamal. Es ist absurd, jemanden 40 Jahre lang einzusperren, das ist für jeden Menschen zu lang. In Europa ist das offenbar ein Ding der Unmöglichkeit, aber hier in den USA kann man sich noch immer nur schwer vorstellen, dass es auch anders geht.

Wie geht es Abu-Jamal?

Ich war vergangene Woche bei ihm. Er ist, wie soll ich sagen … Er ist stark, aber er ist müde. Sehr müde. Aber er hat immer noch große Hoffnung, dass er doch irgendwann rauskommen wird. Er ist begeistert, dass sich so viele Leute für ihn einsetzen, und weil in den vergangenen Jahren viele Gefangene in Pennsylvania freigelassen wurden, hat er neue Hoffnung.

Wie steht es mit anderen Gefangenen in den USA? Kämpfen sie auch?

Die Antwort ist eindeutig: Ja, sie tun es! Wir haben hier ein System, das uns in jeder Hinsicht angreift, und wir müssen uns in jeder Hinsicht verteidigen. Wir müssen das politische System ändern, das soziale Gefüge, draußen und im Gefängnis – und das tun die Leute. Drinnen und draußen. Auch das Gefängnissystem müssen wir ändern. Ein erster Schritt wären kürzere Strafen, so wie ihr das kennt.

Sie haben vor wenigen Jahren eine sehr aktive Bewegung namens »Decarcerate!« zur Abschaffung der Gefängnisse gegründet. Wie steht es darum?

Sie ist stärker als je zuvor, aber da fehlt noch viel für den Erfolg. Es gibt die Forderung nach Freilassung aller älteren Gefangenen. Inhaftierte über 55 Jahre haben eine Rückfallquote von weniger als einem Prozent, und Mumia ist 67! Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Selbst wenn er getan hätte, was man ihm vorwirft, und das hat er nicht, aber selbst dann müsste er unbedingt raus. So viele müssen raus. Sie werden alt im Gefängnis, sie sitzen dort 30, 40 oder sogar 50 Jahre, das ist einfach absurd. Und immer mehr Leute fangen an, das zu verstehen. Die Polizei kann Leute einfach töten, und nichts passiert – aber Schwarze wie Mumia und so viele andere sitzen für Jahrzehnte ein. Das alles hat mit Rassismus zu tun, auch das verstehen immer mehr Leute.

Ist dieser Kampf gegen das Gefängnissystem ausschließlich ein Kampf der Schwarzen?

Nein, definitiv nicht. Es gibt viele Menschen, die unter dem ungerechten Gefängnissystem leiden. Arme weiße Menschen werden in den USA sehr übel behandelt. Aber insgesamt und besonders in einer Stadt wie Philadelphia sind Schwarze in viel größerem Ausmaß betroffen.

Wie schätzen Sie die öffentliche Meinung bezüglich des Kampfs gegen Rassismus und das Gefängnissystem ein?

Es ändert sich etwas. Wir erleben in den vergangenen Jahren sehr viel mehr positiven Zuspruch, auch von Bürgerlichen.

Inzwischen lehnt die Mehrheit der Menschen in den USA die Todesstrafe ab. Hat das Auswirkungen auf die Forderung nach Freilassung aller Gefangenen über 55 oder 60 Jahren?

Es gibt inzwischen sehr viel mehr und größere Gruppen, die das fordern und unterstützen. Wenn sie sehen, wie Politiker oder Richter ungestraft Verbrechen begehen, dann finden sie, wir können doch wohl alte Männer und Frauen rauslassen, die seit Ewigkeiten im Gefängnis sitzen.

Hat sich etwas an der feindseligen Haltung des Justizapparats in Philadelphia und Teilen der Öffentlichkeit gegen Abu-Jamal geändert?

Bei der Polizei nur wenig. Der Fraternal Order of Police (Berufsverband US-amerikanischer Polizisten, jW) und Teile der Polizei wollen Mumia noch immer am liebsten tot sehen. Das ist völlig irrational und wird sich erst mal auch nicht ändern, weil diese Leute umgeben sind von weiteren feindseligen, rassistischen Menschen: Ihre Kollegen sind so, ihre Familien sind so, alle, die sie kennen. Da kannst du keinen anderen Gedanken fassen, die Tatsachen interessieren dich nicht. Was auch immer ihnen erzählt wird, es ist ihnen egal. Sie glauben es einfach nicht.

Hat sich etwas verändert, seit Lawrence Krasner 2017 Generalstaatsanwalt in Philadelphia wurde?

Ja! Ich habe miterlebt, wie er viele alte Fälle wiedereröffnet hat und daraufhin viele Leute aus dem Gefängnis entlassen wurden. Er hat auch dazu beigetragen, dass meine Eltern nach 40 Jahren entlassen wurden. Krasner hat sich für gleiche Rechte für alle eingesetzt und das auch durchgesetzt. Er ist angetreten als fortschrittlicher Staatsanwalt, und so ist er auch aufgetreten. Ich schätze ihn sehr dafür, und ich bin ihm dankbar.

In Mumias Fall fehlt ihm aber noch viel. Er muss den Fall erst noch verstehen lernen. Bisher schaut er aus der Perspektive und mit der Mentalität der alten Staatsanwaltschaft darauf. Die hatte einen Hass auf Mumia und hat sich um Fakten nicht gekümmert. Da muss er noch seine Hausaufgaben machen. Aber ich glaube, er wird sie im Laufe der Zeit noch erledigen. Ihr Bruder Michael Schiffmann hat mit seinem gründlichen Bericht »Facts Matter« einen wertvollen Beitrag dazu geleistet. Ich glaube fest daran, dass unsere ganze Arbeit Wirkung zeigen wird.

Sie selbst haben sehr schmerzhafte Erfahrungen mit dem Gefängnissystem gemacht. Möchten Sie darüber sprechen?

Ja, will ich. Es war hart. Es war schön, und es war fröhlich, und es war hart. Es war schön, meine Eltern zu sehen, von meiner Mutter in den Arm genommen zu werden, sie lachen zu sehen. Es war schön, mit ihr zu spielen. Und es war hart, wieder gehen zu müssen. Im Gefängnis gibt es Gitter, es gibt Metalldetektoren, es gibt dieses schrecklich hallende Türenknallen – und das Seltsame ist, du fängst an, diese Geräusche zu lieben, weil sie bedeuten, dass du jetzt gleich deine Eltern sehen wirst. Aber genau dieselben Geräusche hörst du, wenn du wieder rausgehst. Dann sind sie furchtbar, weil sie dir sagen, das war’s jetzt bis zum nächsten Jahr. So lang wirst du sie nicht mehr wiedersehen. Das tut mehr weh als man fühlen kann.

Nur einmal im Jahr?

Einmal im Jahr meine Mutter und einmal im Jahr meinen Vater. Einzeln natürlich. Weißt du, wir waren sehr arm, und öfter konnte meine Familie sich den Besuch einfach nicht leisten. Das Gefängnis ist von Philadelphia fünf Autostunden entfernt. Du musst das Benzin bezahlen, du musst die Autobahngebühren zahlen, du musst Essen für die Gefangenen mitnehmen und bezahlen. Die Erwachsenen können an dem Tag nicht arbeiten und müssen sich frei nehmen.

Sie waren doch noch ein kleiner Junge. Wer hat Sie in dieser schwierigen Lage unterstützt?

Das war meine Großmutter. Sie hat mich aufgenommen, sie hat alles für mich getan, und sie hat diese Fahrten organisiert. Und es gab andere Move-Leute, die mich unterstützt haben – Ramona, Pam und Mo Africa. Die Move-Organisation hat mir ein Leben möglich gemacht.

prisonradio.org

freiheit-fuer-mumia.de

kurzelinks.de/FactsMatter

Mike Africa Junior ist politischer Aktivist und Künstler. Er wird am 8. Januar 2022 an der XXVII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz teilnehmen und per Liveschaltung vom Kampf der Gefangenenbewegung in den USA berichten

Annette Schiffmann ist aktiv im bundesweiten »Free Mumia!«-Netzwerk

Zur Person: Mike Africa Junior

Mike Africa Junior wurde 1978 in einem Gefängnis in Philadelphia geboren. Seine im achten Monat schwangere Mutter Debbie und sein Vater Mike Africa Senior waren zuvor bei einer Polizeirazzia verhaftet und wegen Polizistenmordes zu 100 Jahren Haft verurteilt worden. Beide waren Mitglieder der afroamerikanischen Move-Organisation, die sich sowohl gegen Polizeibrutalität als auch für den Schutz von Tieren und der Umwelt engagierte. Bei der Gerichtsverhandlung wurde zwar kein Beweis dafür vorgelegt, dass Debbie einen Abzug betätigt oder überhaupt jemals eine Waffe angefasst hatte, verurteilt wurde sie dennoch.

Nach der Geburt von Mike Junior versteckte sie ihn zunächst in der Zelle unter einem Laken. Wenn er weinte, standen andere inhaftierte Frauen vor den Zellengittern und sangen oder husteten, um Mikes Weinen zu übertönen. Drei Tage nach der Geburt wurde Mike Junior jedoch vom Gefängnispersonal entdeckt, seiner Mutter weggenommen und in ein Waisenhaus gebracht. Dort wurde er körperlich und seelisch misshandelt, später wurde er von seiner Großmutter aufgenommen. Mit sechs Jahren wurde er am 13. Mai 1985 Zeuge des Bombenangriffs durch die Polizei auf das Haus seiner Familie. Dabei verlor er seinen Onkel, einen Cousin und neun weitere Familienmitglieder.

Mit 13 Jahren begann er, sich für die Befreiung seiner Eltern aus dem Gefängnis einzusetzen. Nach über 25 Jahren des Kampfes und im Alter von 40 konnte Mike mit Hilfe seiner Familie und seines Anwalts Brad Thomson seine Eltern aus dem Gefängnis holen. Am 16. Juni 2018 kam seine Mutter frei. Vier Monate später, am 23. Oktober 2018, auch sein Vater.

Mike Junior ist ebenfalls Mitglied der Move-Organisation und HipHop-Künstler. Bei seinen Spoken-Word-Auftritten thematisiert er unter anderem die Masseninhaftierung von Schwarzen in den USA, Polizeigewalt und die Klimakrise. Über seine Arbeit und seine Familiengeschichte erzählt er derzeit im Podcast »On a Move with Debbie Africa«. (jW)

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