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Aus: Ausgabe vom 10.12.2021, Seite 5 / Inland
Tesla in Grünheide

Raubbau durch Gigafabrik

Tesla-Fabrik in Grünheide wegen unabsehbarer Umweltfolgen in der Kritik. Aktivisten fordern Senatsparteien zum Handeln in puncto Gewässerschutz auf
Von Ralf Wurzbacher
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Protestkundgebung gegen die Tesla-Ansiedlung am Donnerstag vor dem Roten Rathaus in Berlin

Für reichlich feuchtes Nass war am Donnerstag morgen vorm Roten Rathaus in Berlin-Mitte gesorgt. Als rund 30 Aktivisten der Wassertafel Berlin-Brandenburg um zehn Uhr zum Protest vor dem hauptstädtischen Regierungssitz aufschlugen, rieselte es vom Himmel dicke Schneeflocken. Das war selbst dem »Wolf im Schafspelz« – alias Elon Musk – zuviel. Der sonst bei solchen Gelegenheiten aufgebotene Drei-Meter-Plüschriese habe wegen »einer Erkältung passen müssen«, beschied Bündnissprecherin Ulrike von Wiesenau. Dafür heizte ein Perkussionist mit seinem »Tesla-Electronic-Song« den Beteiligten mächtig ein. »Die Stimmung in der Truppe ist jedenfalls prächtig«, versicherte Wiesenau im Telefonat mit junge Welt. »Je größer der Gegner, desto lauter unser Alarm.«

Heiß ist auch das Thema, um das es ging. Nicht wenige Bürger treibt die Sorge um, Musks kurz vorm Produktionsstart stehende »Gigafabrik« im brandenburgischen Grünheide könnte Mensch und Natur über kurz oder lang das Wasser abgraben. Allein für die erste Ausbaustufe reklamiert der US-Autobauer jährlich 1,4 Millionen Kubikmeter des flüssigen Rohstoffs, was dem Verbrauch einer 40.000-Einwohner-Stadt entspricht. Und zweieinhalbmal soviel könnte Tesla im Fall eines Komplettausbaus samt angeschlossener Batteriefertigung beanspruchen. Das wird nicht nur den Brandenburgern zu schaffen machen, die wegen des Klimawandels in der inzwischen trockensten Region Deutschlands beheimatet sind. Auch Berlin als das in diesem Jahr heißeste Pflaster bundesweit droht der Aderlass in Mitleidenschaft zu ziehen.

Bis zu den aktuell und künftig in der Hauptstadt Regierenden hat sich das offenbar noch nicht herumgesprochen. Im Koalitionsvertrag von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke komme Trinkwasser- und Gewässerschutz gar nicht vor, beklagt die Wassertafel in einem offenen Brief an die Spitzendkandidaten der »R2G«-Parteien, Franziska Giffey (SPD), Bettina Jarasch (Grüne) und Klaus Lederer (Linke). »Sie übernehmen keinerlei Verantwortung für die Folgen für uns Berlinerinnen und Berliner durch den Bau der Tesla-Gigafactory und die damit verbundene Gewässerbelastung durch weitere Schadstoffe.« In dem gestern an den Senat übergebenen Schreiben wird unter anderem vor einer »Beeinträchtigung der Rohwasserqualität des Reinwasserspeichers Müggelsee der Wasserwerke Friedrichshagen (BWB)« gewarnt. Ein Störfall könnte »nicht absehbare Konsequenzen für die Berliner Trinkwasserversorgung« zur Folge haben.

Es sei »zwei Minuten vor zwölf«, betonte Dorothea Härlin, Mitbegründerin des Berliner Wassertischs in ihrem Redebeitrag. Man wolle den neuen Senat wachrütteln, der Verweis auf die Zuständigkeit der Brandenburger Regierung sei »absurd«, denn »Sie wissen genau wie wir, dass das Wasser zwischen den Ländergrenzen nicht Halt macht«. Härlin zählt zu den Initiatoren der »Blue Community Berlin«, die sich für den Schutz von Wasser als öffentliches Gut und dessen Anerkennung als Menschenrecht einsetzt. 2018 war das Land Berlin der Vereinigung per Beschluss des Abgeordnetenhauses als Mitglied beigetreten. Diese Selbstverpflichtung weise »einen besseren Weg« als mit dem Finger auf Potsdam zu zeigen, erklärte Härlin.

In der Wassertafel haben sich u.a. Naturschutzverbände, Geologen und Ökologen gegen die Tesla-Ansiedlung zusammengeschlossen. Neben Versorgungsengpässen befürchten sie die Verschmutzung des Grundwassers sowie von Binnengewässern durch die Einleitung von Industrieabwässern. Aufgrund der überregionalen Auswirkungen des Projekts fordert das Bündnis die Durchführung eines Raumordnungsverfahrens. In dem offenen Brief appellieren sie an die Senatsparteien, im Januar in entsprechende Gespräche einzusteigen. »Das laute Schweigen des Berliner Senats ist nicht erlaubt«, bekräftigte Mitstreiterin Gerlinde Schermer. »Tesla hat in Berlin nicht gewählt!«

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (10. Dezember 2021 um 08:43 Uhr)
    Das Land Brandenburg ist nicht erst und aufgrund des »Klimawandels« die »inzwischen trockenste Region Deutschlands«. Schon in der Brandenburg-Hymne ist von »märkischem Sand« die Rede. Es bedarf nicht erst eines Geologiestudiums, um zu wissen, dass Sand keinen besonders hohen Anteil an Wasser enthält.

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