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Aus: Ausgabe vom 08.12.2021, Seite 15 / Antifa
Frankreich vor den Wahlen

Résistance gegen Kandidaten

Frankreich: Faschistenduo Le Pen und Zemmour konkurriert bei Präsidentschaftswahl. Jugendbewegungen organisieren breiten Widerstand
Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Junge Antifaschisten protestieren am Sonnabend in Paris gegen den Präsidentschaftskandidaten Zemmour

Mut gehört schon dazu, sich in eine riesige Halle mit mehr als zehntausend brüllenden Fanatikern und Helfern des neuen Stars der französischen Faschoszene, Éric Zemmour, zu wagen. Eine kleine Gruppe der Organisation »SOS Racisme – touche pas à mon pote« (Lass meinen Kumpel in Ruhe) hatte das am Sonntag in Paris geschafft. Sie wagte es sogar, mitten in dieser Masse aufgewiegelter Anhänger gegen den Rassisten, Hetzer und Frauenverächter aufzustehen und lauthals zu protestieren. Ganz alleine waren sie nicht – draußen gingen in der Stadt mehr als 2.000 Menschen auf die Straßen, die dem wachsenden rechten politischen Lager mit dem Schrei der Französischen Revolution von 1789 und der Pariser Kommune (März bis Mai 1871) begegneten: Liberté, égalité, fraternité.

Die im Februar 1871 von den Kommunarden Jules Vallès und Pierre Denis gegründete Zeitung Cri du peuple gibt es zwar längst nicht mehr. Der Aufschrei selbst allerdings ist auch 150 Jahre später nicht verhallt. Er gilt längst nicht mehr der sattsam bekannten rechten Truppe Rassemblement National (RN) und deren Führerin Marine Le Pen, sondern auch den neuen Gewächsen des Faschismus. Eines davon ist eben jener Éric Zemmour, ein 63 Jahre alter Journalist, der nicht in einer faschistischen Partei wie dem RN oder dessen Vorgänger, dem Front National (FN) aufstieg, sondern ein sozusagen »privater« Präsidentschaftskandidat des nach politischer Macht strebenden französischen Medienmoguls Vincent Bolloré ist. In Bollorés Radio- und Fernsehsendern – C News, Europe 1, C 8, Canal+ – wurde Zemmour, Autor des rechten Bürgerblattes Le Figaro, für den Kampf um die Meinungshoheit aufgebaut.

Bollorés Mann hatte bislang keine Probleme, seine Hetzschriften zu veröffentlichen. Seine Verlage Albin Michel und Fayard verdienen gut an dessen zigtausendfach veröffentlichten Büchern mit Titeln wie »Der französische Selbstmord«, »Das französische Schicksal« oder »Das erste Geschlecht«. Es ist für antifaschistische Gruppen wie die unlängst gegründete Bewegung »Jeune Garde« (Junge Garde) schwer, gegen das publizistische Unwetter einen stabilen Schutzschirm aufzuspannen. Der Milliardär Bolloré ist nicht nur der Gönner und Förderer der beiden politischen Arme der Faschisten – Zemmour und Le Pen –, er ist auch ein gern gesehener, weil streng katholischer Freund im Kreis des katholischen Präsidentenehepaars Emmanuel und Brigitte Macron.

Zemmours am vergangenen Sonntag gegründete Partei »Reconquête!« (Rückeroberung!) hat ihren Namen nicht von ungefähr: Er nimmt Bezug auf die »Reconquista«, die Vernichtung der islamischen Kultur durch die spanischen katholischen Monarchen auf der iberischen Halbinsel im 13. Jahrhundert, der wenig später die Inquisition folgte. Bolloré und sein Verkünder des angeblich bevorstehenden Untergangs des christlichen Frankreich wollen einen Machtapparat schaffen, der – offenbar wie im mittelalterlichen Spanien – eine Minderheit wenn nicht beseitigen, so doch mindestens mundtot machen soll. Nicht die Juden sind diesmal das Ziel, Zemmour stammt selbst aus jüdischem Elternhaus, sondern die muslimische Gemeinde mit ihren 2,1 Millionen Gläubigen und 2.200 Moscheen. Ein vom Rassismus geprägter und finanziell gesicherter Kulturkampf im Geiste des Faschismus, dem die französische Antifa ohne Geld bisher nur ihren Mut und ihre Entschlossenheit entgegenstellt.

Die Pariser Tageszeitung Libération zitierte am vergangenen Montag Raphaël Arnault, einen der Sprecher der »Jungen Garde«: Seine Organisation habe Zemmour, Le Pen und deren Hintermännern öffentlich den Kampf angesagt und dazu aufgerufen, ihn gemeinsam mit den Gewerkschaften auf die Straßen und ins Land zu tragen. »64 Organisationen haben geantwortet, wir werden sehr viel zahlreicher sein«, sagte Arnault dem Blatt. Das wird womöglich notwendig und entscheidend sein für die Auseinandersetzung mit den gewaltbereiten Anhängern Zemmours. Das halbe Dutzend junger Menschen des »SOS Racisme« bezahlte seinen Mut in der tobenden Halle in Paris mit Verletzungen. Schläger des Tribuns der Faschistenszene prügelten mit Fäusten und Stühlen auf die SOS-Aktivisten ein, blutüberströmt wurden sie von Polizisten in Zivil nach draußen gerettet.

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