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Aus: Ausgabe vom 08.12.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
BItcoin und co.

Seriös aus der Kurve

Ein deutlicher Kurseinbruch bei Kryptowährungen könnte langfristig trotzdem für hohe Gewinne an der Börse sorgen
Von Matthias Monroy
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Bitcoin bald seriös? In San Salvador wurde im September gegen die Kryptowährung als legales Zahlungsmittel protestiert

Nach einer rasanten Talfahrt hat sich der Börsenkurs von Kryptowährungen gestern wieder vorsichtig erholt. Am Wochenende waren etwa die Bitcoin-Kurse von 57.000 US-Dollar (etwa 51.000 Euro) um rund 20 Prozent abgesackt, auch die zweitgrößte Digitalwährung Ether stürzte deutlich ab. Über die Gründe ist sich die Finanzwelt uneins. Einschlägige Magazine und dort zitierte Sachkundige verweisen auf umfangreiche Verkäufe von Bitcoin-Reserven, wodurch der Kurs gedrückt worden sei. Dies könnte zur Kettenreaktion bei weiteren Anlegern geführt haben.

Sogenannte Kryptowährungen existieren nur virtuell, sie werden nicht in Scheinen oder Münzen ausgegeben und tragen keine Seriennummern. Deshalb werden sie heutzutage auch kaum als Währungen für den alltäglichen Gebrauch genutzt. Als Pionier trat zuerst der heute gebräuchlichste Bitcoin auf den weltweiten Markt, inzwischen gibt es weit über tausend Anbieter. Gemeinsam ist ihnen ein dezentrales Buchungssystem, das bei Ether beispielsweise auf der Blockchain-Technologie basiert. In dieser bei allen Teilnehmern (»Peers«) vorhandenen Datenbank werden sämtliche Zahlungen gespeichert und bei jeder neuen Transaktion auf allen angeschlossenen Computern aktualisiert. Dadurch gilt das verschlüsselte System als fälschungssicher. Das so erzielte Kryptogeld kann aber dennoch verlustig gehen, etwa wenn die in einer »Wallet« (deutsch: Portemonnaie) auf einem Rechner gespeicherten privaten Schlüssel gestohlen werden.

Inzwischen liegt der Preis für Bitcoins wieder deutlich über der 50.000-Dollar-Marke. Auch mit dem Einbruch der letzten Tage verzeichnen die Digitalwährungen also langfristig ein sehr hohes Kursplus. Im Januar kostete ein Bitcoin beispielsweise noch 32.000 US-Dollar. Im Börsensprech gilt die Währung deshalb trotzdem als »bullish«, es werden weiter steigende Preise erwartet. Das oftmals propagierte Überschreiten der 100.000-Dollar-Marke bis Jahresende ist dadurch aber vermutlich nicht mehr erreichbar.

Der kurze Absturz der Kryptowährungen ist womöglich auch Ausdruck eines allgemeinen Trends und geht damit auf Maßnahmen der US-Notenbank zurück. Ihr Chef Jerome Powell will die hohe Inflation in den Vereinigten Staaten bekämpfen und die Leitzinsen erhöhen. Die Ankündigung hatte an den weltweiten Finanzmärkten für Panik gesorgt. Weitere Sorge erregt der zweitgrößte chinesische Immobilienkonzern Evergrande, der kurz vor der Pleite steht. Etwaige Gegenmaßnahmen der Regierung in Peking könnte einen Dominoeffekt für das chinesische und anschließend auch weltweite Finanzsystem auslösen. Schließlich hat auch die Ausbreitung der Coronavirusvariante »Omikron« Verunsicherung an den Börsen ausgelöst. Erst nach dem Wochenende wurde hingegen bekannt, dass Hacker die Kryptobörse Bitmart um bis zu 200 Millionen Dollar erleichtert haben, betroffen sind davon verschiedene Währungen.

In den USA geraten Bitcoin und Co. auch durch eine drohende Regulierung unter Druck. Die Börsenaufsicht verlangt die Einrichtung einer Arbeitsgruppe für digitale Vermögenswerte, der neben den Regulierungsbehörden auch Finanzinstitute und Anbieter von Kryptowährungen angehören sollen. Sie soll die regulatorischen nationalen und internationalen Gesetze untersuchen und Empfehlungen für weitere Maßnahmen aussprechen. Heute werden dazu die Vertreter von acht großen Kryptowährungsanbieter vor einen Ausschuss des US-Repräsentantenhauses geladen.

Die in den USA dräuenden Daumenschrauben haben also möglicherweise auf die Kurse der Kryptowerte an den Börsen gedrückt. Langfristig könnten sie aber von neuen Regulierungen profitieren, denn damit würden Digitalwährungen herkömmlichen Währungen gleichgestellt und ihr Image als »unseriös« abstreifen.

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