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Aus: Ausgabe vom 06.12.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Ökonomie ohne Markt

Kein Subjekt

Ohne Akteure: Robin Hahnel und Erik Olin Wright diskutieren über Alternativen zum Kapitalismus und ignorieren die Arbeiterklasse
Von Helge Buttkereit
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Neuere »linke« Debatten kommen ohne sie aus: Streikende Arbeiter (Ruhrgebiet, September 1969)

Wir leben zwar in unruhigen, aber nicht in revolutionären Zeiten. Alternativen zum Kapitalismus stehen nicht auf der Tagesordnung. Der Kapitalismus wandelt sich, aber eine wirkliche Bewegung zu seiner Abschaffung ist nicht in Sicht. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – lohnt es sich, Alternativen zu thematisieren, Utopien einer anderen, besseren Gesellschaft. Die kleinen handlichen Bände der Reihe »Realität der Utopie« aus dem Berliner Verlag Bertz + Fischer nehmen solche Utopien in den Blick. Wobei man sich durchaus darüber streiten kann, ob die bisher erschienenen drei Bände der Reihe wirklich erstrebenswerte Ziele bzw. die Wege dorthin beschreiben.

Das gilt auch für den gerade herausgekommenen vierten Band, der sehr weitreichend mit »Alternativen zum Kapitalismus« überschrieben ist. Die Erstausgabe des Buches ist bereits 2014 in den USA erschienen. Interessant ist dabei zunächst die Darstellungsweise, mit der die beiden Autoren Robin Hahnel und Erik Olin Wright das Thema verhandeln. Die beiden Autoren legen in jeweils drei Beiträgen ihre Standpunkte dar und gehen auf die Entgegnungen des jeweils anderen ein. Gelungen ist dieser grundsätzlich interessante Ansatz unter dem Strich nicht. Die Argumentationen der beiden Autoren wirken blutleer und ermüdend, sie sind fixiert auf Institutionen und Systeme. Und sie lassen dabei in auffälliger Weise die Akteure weithin außen vor, die die Alternativen zum Kapitalismus zu erkämpfen haben.

Dem Ökonomen Hahnel, Professor an der Portland State University im Nordwesten der USA, geht es um die »partizipatorische Ökonomie«, die er gemeinsam mit Michael Albert entwickelt hat. Alberts Buch »Parecon« ist in Deutschland vor eineinhalb Jahrzehnten breit diskutiert worden. Hahnel selbst trat zumindest hierzulande weniger in Erscheinung. Im vorliegenden Band beschreibt er die Vorstellungen »eines voll entwickelten Systems der fairen Kooperation«, das »weder eine Transformationsstrategie noch ein politisches Programm« sei. Die »partizipatorische Ökonomie« ist also vor allem ein Gedankenexperiment, das beweisen soll, dass Ökonomie auch ohne Markt funktionieren würde, dass die Produzenten und Konsumenten partizipatorisch planen könnten und daraus ein kohärenter und fairer Plan entstünde. Der abstrakte Beweis ist natürlich nicht schwer, wenn sich der Plan nicht in der Realität beweisen muss und will.

Der 2019 verstorbene Soziologieprofessor Wright hingegen sucht in seinen Texten nach Rissen im System. Dabei bringt er hier anders als in seinem 2017 auch auf Deutsch erschienenen Hauptwerk »Reale Utopien« kaum konkrete Beispiele dafür und bleibt ebenfalls bei einer Kritik an Institutionen und Systemen stecken. Und er kritisiert Hahnel. Dabei verbeißt er sich in die Frage, ob eine alternative Gesellschaft nur ohne Märkte denkbar ist (so Hahnel) oder Märkte auch »anders« organisiert sein können als im Kapitalismus (so Wright). Dabei wird man zuweilen das Gefühl nicht los, dass die Diskutanten aneinander vorbeischreiben – im luftleeren Raum einer konstruierten Alternative.

Interessanter ist Wrights Typologie der Herrschaftsformen, die er über die verschiedenen Verhältnisse von »staatlicher Macht«, »gesellschaftlicher Macht« und »wirtschaftlicher Macht« zu beschreiben versucht. Seine Kurzdarstellung – die längere steht in »Reale Utopien« – kann durchaus helfen, sich strukturell über Alternativen zum Kapitalismus Gedanken zu machen. Konkrete Schritte deutet er an, wenn er über Genossenschaften spricht, die realutopische Institutionen werden könnten – wobei die gegebenen Bedingungen dagegen wirken. Er nennt einige andere Beispiele, in denen die Logik des Kapitalismus nicht wirke. Er beschreibt sie als Risse, die es zu nutzen gelte. Konkret nennt er Open-Source-Software, Creative Commons oder kostenlose, öffentlich bereitgestellte Güter. Wie sie im genannten Sinne nutzbar wären, erläutert er nicht.

Während Wright einen Bruch mit dem System offensichtlich ablehnt, ist für Hahnel ein solcher unerlässlich, um wirkliche Alternativen entwickeln zu können. Erst als es im Buch um diesen Bruch geht, deutet sich zaghaft an, dass sich nicht nur Institutionen, sondern auch die Menschen wandeln müssen. Die Art Mensch, die der Kapitalismus erfordert, schreibt Hahnel, sei eine andere Art Mensch als die des Sozialismus. Deswegen spricht er sich auch so vehement gegen Märkte aus, die Gier und Angst stimulierten. An dieser Stelle ergänzen sich dann die Vorstellungen beider Autoren. Hahnel hält zwar einen Bruch mit dem System für notwendig, fordert aber Menschen, die zumindest eine Ahnung von kooperativen und solidarischen Verhaltensformen haben. Den Kampf um reale Utopien sieht er demnach als Zwischenschritt.

Es lohnt sich, dieses Büchlein mit dem fünften Beitrag zu beginnen. Denn im Grunde nur hier geht es darum, wie Menschen zu überzeugen sind, wie Zweifel und Ängste beseitigt werden und die Vision einer Alternative begreifbar wird. Hier wird das Subjekt der Befreiung zumindest in Ansätzen sichtbar. Konkretisiert wird es nicht.

Die Bedeutung der Klassenlage, die Frage, wer überhaupt in welcher Weise Subjekt der propagierten Alternativen sein könnte, ist kein Thema der Autoren. Was wiederum umgekehrt auch erklärt, warum die Alternativen von Hahnel und Wright blutleer bleiben. Wer die Klasseninteressen und die Entwicklungsgeschichte der Arbeiterklasse außen vor lässt, kann zwar vielleicht theoretisch konstruieren, aber er wird nie die konkreten Subjekte, die Lohnabhängigen organisieren. Und nur organisiert wird aus einer Alternative zum Kapitalismus eine reale Utopie.

Robin Hahnel, Erik Olin Wright: Alternativen zum Kapitalismus. Vorschläge für eine demokratische Ökonomie. Bertz und Fischer, Berlin 2021, 240 Seiten, 15 Euro

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