75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 28. Januar 2022, Nr. 23
Die junge Welt wird von 2569 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.12.2021, Seite 10 / Feuilleton
Jazz

Gute Gefahr

Improvisieren müssen: Das neue Album »Open the Gates« von Irreversible Entanglements
Von Thomas Salter
imago0086433106h.jpg
Intensives musikalisches Erlebnis: Irreversible Entanglements (Berlin, 2018)

Warum, verdammt, fühlt sich das US-amerikanische Jazzkollektiv Irreversible Entanglements radikal an? Kontrabass, Live-Drums, Bläser (ein paar Synths, aber das lassen wir kurz beiseite), Gruppenimprovisation, dazu Poesie – ja, das klingt konventionell, ein bisschen nach Fire Music. Und zur Erinnerung: Archie Shepps Album »Fire Music«, das diesem Genre seinen Namen gab, erschien 1965. Das Jahr, in dem Malcolm X erschossen wurde. Das Jahr der Watts Riots.

Nun, vielleicht klingt das neue Album von Irreversible Entanglements »Open The Gates« bei aller »Konventionalität« deswegen noch radikal, weil sich eben sonst so wenig geändert hat. Zugegeben: Die prominenten schwarzen US-Politiker von heute sind nicht mehr in der Schusslinie des Establishments. Aber wer die Jahre 1965 und 2021 vergleicht, wird, was die Lebensrealität der Afroamerikaner betrifft, nicht viel Neues sehen.

Und diese Lebensrealität gibt den Stil von Irreversible Entanglements vor. Es war eine Veranstaltung gegen Polizeigewalt, auf der die Musiker 2015 zusammenkamen, das freie Zusammenspiel ist laut Bassist/Percussionist Luke Stewart die logische formale Ausprägung dieses inhaltlichen Kerns: Eine Gesellschaft, die gemeinsam improvisieren muss, organisieren muss, braucht eine Musik, die dasselbe tut.

Und das klingt etwa so: Nach dem überraschend optimistischen Opener »Open The Gates« kommt der 13minüter »Keys to Creation«. Der Synthesizer spielt ein Motiv aus zwei Akkorden, langsam tastet sich eine Low-Tom in den Groove, die Bassdrum steigt mit ein paar Akzenten ein, die Drums sammeln sich zu einem stabilen Groove. Eine in ihrer ätherischen Gebrechlichkeit an Miles Davis erinnernde Trompete singt, der Kontrabass schreitet, schließlich erklimmt die Stimme von Poetin Camae Ayewa (Moor Mother) dieses Klangpodest: »The blueprint of creation, a possible history. A big bang (…) future waves, vibrations, holograms, lights (…), and this one is for the black saints / Together in holy sound / the blueprint of creation / And I know it’s possible because I’ve seen it / ­United / ­Intertwined / The foundation / The foundation of a possible history« (Die Blaupause der Schöpfung, eine mögliche Geschichte. Ein Urknall …, Zukunftswellen, Vibrationen, Hologramme, Lichter …, und dieser Song ist für die schwarzen Heiligen / Vereint in heiligem Sound … Und ich weiß, dass es möglich ist, da ich es gesehen habe / Vereint / Verwoben / Das Fundament einer möglichen Geschichte). In der Mitte kollabiert der Song, die Drums rollen unrhythmisch, aber langsam baut sich der ganze Song wieder auf wie ein Gewitter mit Synth-Bleeps, White Noise und Ornette-Coleman-artigen Saxophonpassagen.

Das ganze Album, das dritte nach »Homeless/Global« (2019) und »Who Sent You« (2020), ist ein intensives musikalisches Erlebnis, besser: ein Miterlebnis. Als Hörer fühlt man, wie sich hier eine wütende gemeinsame Stimmung formiert. Ein Gefühl, das im kontemporären Jazz nicht sehr häufig ist. Nicht nur in Deutschland ist Jazz weitgehend zu einer Hochschulmusik geworden, virtuos, aber kodifiziert. Dort, wo er »modern« ist, spielt er mit Elementen des HipHop und elektronischer Musik. Die US-Szene an der Westküste um Kamasi Washington und Thundercat hat die Szene zwar wieder verjüngt. Und Christian Scott und sein New Orleans Stretch Sound haben auch politische Höhepunkte, etwa den Song »KKPD« über Polizeiwillkür. Aber Irreversible Entanglements fühlen sich oft richtig gefährlich an, eine gute Gefahr. In den Worten von Moor Mother: das Fundament einer möglichen Geschichte.

Irreversible Entanglements: »Open The Gates« (International Anthem/Don Giovanni)

Zeitung gegen Profitlogik

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Mehr aus: Feuilleton