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Aus: Ausgabe vom 04.12.2021, Seite 10 / Feuilleton
Metal

Mitgeteiltes Leid

Für die ganze Familie: »Kin« der Metalmetarmorphisten Whitechapel
Von Ken Merten
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Henry Ford: »Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.« Wenn ich Metalheads frage, was sie wollen, sagen die schneller, lauter, härter, noch mal »Ride The Lightning« und noch mal und noch mal.

Whitechapel, einst angetreten, um den Death Metal à la Cannibal ­Corpse ins digitale Zeitalter zu heben, haben nicht gefragt, und sie tunen nicht das totgerittene Pferd. Spätestens seit »The Valley« (2019) ist nicht mehr wegzuhören, dass das seit 15 Jahren bestehende Sextett aus Knoxville (Tennessee, USA) zwar noch Bock auf ­Deathcore hat, aber eben nicht mehr nur. Ihr neues, bereits achtes Album »Kin« unterstreicht den Wunsch, vieles für viele zu sein.

Leise Töne sind dazugekommen, Phil Bozeman trällert jetzt manchmal schwer erträglich säuselig ins Mikro. An den besten, wohlig-apathischen Stellen klingt er nach Maynard James Keenan von Tool – als würde Bozeman nur nebenbei singen, während er ein Raumschiff von der noch weniger erträglichen Erde wegsteuert. Ob dies oder das: Die Kluft ist gigantisch von dort zu seinem wie eh und je weltenbrechend-voluminösen Gutturalgesang – so schrie außer ihm zuletzt die gesammelte Unterwelt auf, als die Nachricht eintraf, Maggie Thatcher sei zu ihr auf dem Weg.

»Kin« hebt im ersten Song »I Will Find You« zage mit dunklem Akustik-Country an, dann fetzt es plötzlich los. Zum Verfremdungseffekt übersteuerter Metal-Mechaniken kommt der befremdliche Umstand, dass auf Tracks, die einen mit Blastbeats an die Wand dreschen und dabei mit Gitarrensoli im Höchsttempo noch abverlangen, die Luftgitarre auszupacken (»To The Wolves«), Klöße in Hälsen werfende Grungeballaden folgen (»Orphan«).

Es gibt niemanden unter der Sonne, dem nicht mindestens ein Song der eierlegenden Wollmilchsau »Kin« gefallen wird, und man kann das Album getrost im späteren Verlauf jeder Familienfeier anmachen. Das kann man Pop-Populismus nennen. Ganz so einfach machen es sich Whitechapel dann aber auch wieder nicht, wenn sie in »History Is Silent« aus der einen, Herz antastenden Melancholie, in die andere, Krach machende, wechseln. Whitechapel verprellen damit fortwährend. Zum einen diejenigen, die gerne mit dem alten Pferd bis zur Apokalypse galoppieren wollen, in der Gewissheit, für immer den Blitz zu reiten, auch wenn der Saft längst raus ist. Und die, denen das alles zu laut, zu schockierend, zu emotional extrem, zu kompliziert zu hören, das Thema zu dunkel schattiert ist.

Wie das Album »The Valley« seziert auch »Kin« (englisch: Verwandtschaft, Familie, Sippe) die beschissenen Erfahrungen von Sänger Bozeman, der früh zum Vollwaisen wurde. Wenn der Vater mit zehn plötzlich einen Herzstillstand hat und fünf Jahre darauf die Mutter, mit einem Arschloch wieder verheiratet, an einer Überdosis stirbt, dann hat man einiges an Leid mitzuteilen. So viel, dass es nicht nur in Geschmetter reinpasst, oder nur in Lagerfeuerklampfenmusik. Etwa die Zeile »Will, the will of a beast is ­nothing compared to the will of a god« aus »I Will Find You«. Sie geht gen wertlos, wenn sie nicht geschrien wird und am Ende kaum herauszuhören ist, ob es nun »the will of a god«, oder »the will of a guy« heißt und die einst so christlich-konservative Familienidylle mit deren Zerstörung durch zuerst den unerwarteten Vatertod und vollends durch den Einfluss des Junkiestiefvaters zerfließt. Die Tragweite dieses Wahnsinns wird erst durch die gezupfte Bridge deutlich, die Luft zum Räsonieren lässt – nur wer Zeit hat, drüber nachzudenken, hat Einfluss darauf, wie wütend er sein will.

Whitechapel machen sich die Mühe des Deckelanhebens und schauen mit »Kin« aus der Schwermetallbox heraus. Am Alternative Rock, bei dem sie sich bedienen, schrauben sie wenig. Das Neue ist, dass er nach, vor, zwischen schneisenbrechendem Death Metal arrangiert ist. Wer die Kreuzung gerne feiner hätte, wird von »Kin« wohl am wenigsten bedient, zu harsch sind die meisten Übergänge.

Im Vergleich zu experimentellen Ausfallschritten anderer Genregrößen wie dem selbstbetitelten, holprig gen Deftones progressierenden Album von Suicide Silence (2017, vom Stammpublikum gehasst), ziehen Whitechapel mit ihrer Metamorphose fortwährend jene an sich zurück, die sie verstoßen. Immer wird man dann abgeholt, wenn man nicht mehr mitgehen mag, weil hier zu heavy, weil da zu poppig, mal auf die, mal auf die Art zu klischiert. Das Beisammenhalten von Auseinanderdriftendem. Ein Familiending.

Whitechapel: »Kin« (Metal Blade Records)

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