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Aus: Ausgabe vom 02.12.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Nur die Rindviecher arbeiten

»House of Gucci« ist der perfekte Trümmerfilm für die Gegenwart
Von Peer Schmitt
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»Lady Gaga ist okay, sie gleicht mir« – Patrizia Reggiani, offensichtlich verrückt geworden

»Alles ist übertrieben, buffo, Karikatur an ihm, alles ist zugleich versteckt, hintergedanklich, unterirdisch«

Friedrich Nietzsche: Das Problem des Sokrates (1889)

»Mein ganzes Leben habe ich nicht gearbeitet, und ich werde jetzt kaum damit anfangen«, soll Patrizia Reggiani, zwischenzeitliche Patrizia Gucci, im Oktober 2011 gesagt haben, als man ihr die vorzeitige Haftentlassung unter den üblichen Bewährungsauflagen anbot, darunter die Teilnahme an einem Resozialisierungsprogramm, sogenannte Arbeit. Fünf Jahre später, im Oktober 2016, wurde sie dann wegen guter Führung tatsächlich entlassen, um fortan gelegentlich auf den Straßen von Mailand als Gespenst ihrer einstigen Grandezza herumzuspuken.

Im Jahre 1997 war sie wegen der Anstiftung zur Ermordung ihres geschiedenen Ehemannes Maurizio ­Gucci zu 29 Jahren Haft verurteilt worden. Maurizio Gucci wurde 1995 vor dem Eingang seines Mailänder Büros erschossen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die Kontrolle über das von ihm beinahe in den Ruin geführte Unternehmen weitgehend verloren. Kurz gefasst ist dies der tote Punkt der Geschichte des Hauses Gucci. Die Marke erlebte danach allerdings eine wilde Renaissance. Das Wall Street Journal nannte Gucci 1997 »den heißesten Namen bei den Luxusgütern für Fashion victims genauso wie für Fondsmanager«.

Vom Geld zum Trash

Das ist freilich ein anderer Aspekt der Geschichte. Verfilmt hat sie nun Ridley Scott als »House of Gucci«, nach der gleichnamigen, ziemlich romanesken Monographie von Sara Gay Forden (»The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed«, 2000).

Einerseits ist es die Geschichte des Luxuskonsums im 20. Jahrhundert: vom Kunsthandwerk (die Sattlerei, das »Haus«, die Gilde) zur Marke und von der Marke zur Börsennotierung. Vom Gürtel zum Geld und vom Geld zum Trash. Aufstieg des Geldes, Verfall der Ästhetik, die handelsübliche Moral. Symptomatischerweise hat Scott daraus nun einen endgültigen Trashfilm gemacht.

Andererseits ist es auch die Geschichte einer Frau, die offensichtlich verrückt wurde, nachdem sie, selbst aus dubiosen Verhältnissen stammend, in das ominöse Haus eingeheiratet hatte. »Für sie repräsentierte Gucci alles. Es bedeutete Geld, es bedeutete Macht, es bedeutete eine Identität für sie und ihre Töchter«, wird Patrizia Reggianis Komplizin und jahrelange intime Freundin Pina Auriemma in Fordens Buch zitiert. Im Film ist sie, gespielt von Salma Hayek, eine grotesk vulgäre TV-Wahrsagerin; die echte Giuseppina Auriemma stammt aus einer neapolitanischen Industriellenfamilie und legte zur gesellschaftlichen Unterhaltung wohl hin und wieder Tarotkarten.

Gezielt albern

»Niemals arbeiten!« Bekanntlich ein altes situationistisches Motto. Nur die Rindviecher arbeiten, die Schlauberger liefern lieber ein Bild der Arbeit. Zum anderen ist die Muße natürlich das Privileg vornehmer Herkunft und akkumulierten Wohlstands – eine der klassischen Lektionen aus Thorstein Veblens »Theorie der feinen Leute«, die sich um 1900 einen soziologischen Reim u. a. auf den Luxuskonsum machen wollte.

Dabei ist Patrizia Reggiani doch immer eine hart arbeitende Frau gewesen. Deshalb wird sie auch von Lady Gaga gespielt. Eine Figur, die sich selbst zu formvollendeter Verkörperung von Kommodifizierung hochgearbeitet hat.

Der Film zeigt sie – Reggiani/­Gucci/Gaga – zunächst mit wackelndem Arsch auf Highheels an den Angestellten des Speditionsunternehmens ihres Adoptivvaters vorbeistolzieren. Dann erledigt sie dort die Buchhaltung. Später angelt sie sich Maurizio Gucci (Adam Driver), der wiederum kurzzeitig die Persona des armen Jurastudenten annimmt. Schließlich kämpft sie in St. Moritz – Zweitwohnsitz und sicheres Refugium vor der Steuerfahndung für Maurizio Gucci – im signalroten Skianzug um ihre Ehe und ihr Überleben im Jet-set. Auch das ist harte Arbeit. So wie es harte Arbeit ist, aus dieser Geschichte einen so gezielt albernen und ausgesprochen dämlichen Film zu machen. Das beginnt schon bei der Bräsigkeit der handelsüblichen Drehbuchökonomie, die sich nicht allzulange bei Details aufhalten darf. (Ist es zu langweilig, dass aus der Ehe zwei gemeinsame Töchter hervorgingen und nicht scheinbar nur eine wie im Film?)

Monströse Soap

Drehbuchökonomie verwandelt historische Nebenfiguren grundsätzlich in Komposita – vieles ist nur auf beiläufiger Anspielungsebene vage wiedererkennbar, kranke Witze und Mozart-Persiflagen. Das Vorgehen ist grobschlächtig. Die Figuren sind böse Karikaturen und kämpfen ums Geld. Alle sprechen (in der englischen Originalversion) ganz selbstverständlich mit einem betont idiotischen italienischen Akzent. Nur Jeremy Irons weigert sich beharrlich und bleibt auch in der Rolle des Rodolfo Gucci seiner etablierten britischen Aristokratenpose treu.

»House of Gucci« könnte genausogut auch der etwas langatmige Pilotfilm zu einer monströsen »Soap« sein: »Dies ist die Geschichte zweier Brüder: Rodolfo und Aldo.« Rodolfo hatte eine leicht unglückliche Liebe zur Filmindustrie und mochte seine vulgäre, gierige Schwiegertochter nicht. Aldo Gucci (Al Pacino) wiederum brachte das Familienunternehmen auf den US-Markt. Sein Sohn Paolo (Jared Leto) brachte es auf den Hund. Seine Tochter aus zweiter Ehe Patricia (nicht zu verwechseln mit Patrizia Reggiani/Gucci/Gaga) verklagt nun die Produktionsfirma von »House of Gucci«: Soap. Wen kümmern schon Fakten.

»House of Gucci« ist der perfekte Trümmerfilm für eine Gegenwart, in der nicht viel mehr übriggeblieben ist als die Farce und die Konspiration. Die Geschäftswelt ist schließlich die Mutter aller Verschwörungen. Das steht schon so bei Adam Smith. Auch Maurizio Gucci hatte daran sein Mütchen zu kühlen. »Ich werde diese Firma nicht einfach den Arabern übergeben«, behauptete er kämpferisch. Vergeblich. Seine Inkompetenz war selbst den spendabelsten Arabern irgendwann zu eklatant. Im Film futtern die arabischen Geschäftsleute, die den Laden übernehmen, symbolträchtig das köstliche blutige Fleisch der toskanischen Rindviecher, mit deren Haut der Reichtum der Sattlerfamilie einst geschaffen wurde. Wie sagte doch Tom Ford (Reeve Carney), der als Chefdesigner zusammen mit dem Geschäftsmann Domenico De Sole (Jack Huston) das Haus ­Gucci in den 90ern wieder auf Vordermann brachte, so schön? »Too much good taste can be dull!« Zuviel guter Geschmack kann öde sein. Leider hat Ridley Scott seinen zwischenzeitlichen Kollegen Ford nicht richtig verstanden. Gar kein Geschmack ist schließlich auch nicht abendfüllend.

»House of Gucci«, Regie: Ridley Scott, USA/Kanada 2021, 157 Min., ­Kinostart: heute

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