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Aus: Ausgabe vom 01.12.2021, Seite 8 / Inland
Massengrab Mittelmeer

»Wir wollen mehr Menschen vor dem Ertrinken bewahren«

SOS Méditerranée Deutschland macht sich unabhängig und soll neues Rettungsschiff betreiben. Ein Gespräch mit Verena Papke
Interview: Kristian Stemmler
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Helfer retten ein Kind aus einem Schlauchboot im Mittelmeer (31.7.2021)

Zum Anfang des neuen Jahres will sich Ihr Verein aus dem europäischen Verbund SOS Méditerranée International lösen. Was ist der Grund für diesen Schritt?

Wir erleben seit sechs Jahren, dass die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer andauert. Diese gefährliche Fluchtroute bleibt eine der tödlichsten der Welt. Es fehlt an Rettungsschiffen. Wir als deutscher Verein haben beschlossen, ein weiteres Rettungsschiff aufs Mittelmeer zu bringen, weil wir mehr Menschenleben retten wollen. Den Schiffskauf, -umbau und -betrieb können wir als unabhängiger Verein effizienter und zügiger umsetzen.

Das neue Schiff soll vom Typ »Fast Support and Intervention Vessel« sein. Was ist darunter zu verstehen?

Der Rettungsflotte von zivilen Hilfsorganisationen im Mittelmeer fehlt ein solcher Schiffstyp. Wir wollen diese mit unserem besonders schnellen und wendigen Schiff optimal ergänzen, denn ein solches kann einen Seenotfall schneller erreichen. Bei Schiffsbrüchen zählt jede Minute, und Verzögerungen können Menschenleben kosten. Unser Ziel ist, mit diesem Schiff und gemeinsam mit den anderen zivilen Rettungsschiffen insgesamt mehr Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren und möglichst flexibel agieren zu können.

Wie gehen Sie bei der Suche nach einem geeigneten Schiff vor, und ab wann könnte es einsatzbereit sein?

Wir haben bereits interessante Angebote. Wir wollen mit dem neuen Schiff ab 2022 im Einsatz sein, daher möchten wir den Kauf so schnell wie möglich umsetzen. Denn das Schiff muss noch umgebaut, also mit Rettungsequipment, Schutzräumen und einer Bordklinik zur medizinischen Erstversorgung der Geretteten ausgestattet werden.

Dass es ein weiteres Rettungsschiff geben soll, hat einen traurigen Hintergrund: Weiterhin flüchten Menschen übers Mittelmeer, weiterhin ertrinken viele. Wie ist da die Entwicklung in diesem Jahr?

Es flüchten mehr Menschen als im vergangenen Jahr, und es sind bereits über 1.600 Kinder, Frauen und Männer auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken. Erschreckend ist auch die besonders hohe Zahl an rechtswidrigen Rückführungen durch die sogenannte libysche Küstenwache: Mehr als 30.000 flüchtende Menschen hat sie 2021 auf dem Meer abgefangen und völkerrechtswidrig in die entsetzlichen Internierungslager in Libyen geschleppt.

Die Berichterstattung über die Lage an der polnisch-belarussischen Grenze hat die Nachrichten über das Sterben auf dem Mittelmeer zeitweise verdrängt. Sie wollen auch in der Medienarbeit mehr tun. Wie soll das aussehen?

SOS Méditerranée Deutschland ist der Ansicht, dass es nicht reicht, rein humanitär zu agieren – Menschen werden auch durch politische Entscheidungen an Land gerettet. Zusätzlich zum Retten auf See wollen wir daher verstärkt die Öffentlichkeit aufklären. Was wir auf See bezeugen, wollen wir noch besser vermitteln, denn es ist ein Skandal. Zum Beispiel ist es immer noch kaum bekannt, dass die EU die libysche »Küstenwache« finanziert, die Seerecht nicht einhält – das ist ein Völkerrechtsbruch durch die Hintertür, dafür ziehen wir die EU zur Verantwortung. Von der neuen Bundesregierung fordern wir, die inhumane Abschottungspolitik zu beenden.

Zur Finanzierung des neuen Schiffes soll eine Benefizveranstaltung vom 11. bis 14. Dezember stattfinden. Was ist genau geplant, und wer ist dabei?

Bei den viertägigen »SOS Sessions« werben prominente Unterstützende mit einem vielfältigen Programm aus Konzerten, Talks, Stand-up-Comedy und Lesungen um Spenden für das neue, eigene Schiff von SOS Méditerranée Deutschland. Mit dabei sind unter anderen die Band K. I. Z, Pierre Baigorry alias Peter Fox und Frank Dellé von Seeed, Campino und Thees Uhlmann, Clueso und viele mehr. Diverse Schauspielende aus »Tatort« und »Polizeiruf 110«, wie Ulrike Folkerts und Peter Kurth, lesen im »Tatort Mittelmeer« Zeugenberichte von Geretteten.

Verena Papke ist die bisherige Geschäftsführerin von SOS Méditerranée Deutschland

Zeitung für Internationale Solidarität

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