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Aus: Ausgabe vom 30.11.2021, Seite 6 / Ausland
Erfolg gegen Rechte

Deutlicher Vorsprung

Linkskandidatin Castro liegt bei Präsidentenwahl in Honduras vorn. Zwölf Jahre nach Putsch zeichnet sich Kehrtwende ab
Von Thorben Austen, Quetzaltenango
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Freude nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen bei Xiomara Castros Anhängern in Tegucigalpa

Bei der Präsidentenwahl in Honduras vom Sonntag zeichnet sich ein deutlicher Sieg der linken Kandidatin Xiomara Castro von der Partei Libertad y Refundación (Libre) ab. Nach Auszählung von rund 51 Prozent der abgegebenen Stimmen kommt Castro auf 53,6 Prozent, wie der Nationale Wahlrat (CNE) am frühen Montag bekanntgab. Für den Kandidaten der rechten Nationalen Partei (PNH), Nasry Asfura, stimmten 33,88 Prozent der Wählerinnen und Wähler, auf dem dritten Platz liegt mit 9,21 Prozent Yani Rosenthal von der Liberalen Partei. In 17 der 18 Departamentos liegt demnach Castro vorn, lediglich in El Paraíso zeichnet sich eine Mehrheit für den rechten Kandidaten ab.

Das honduranische Wahlrecht sieht keine Stichwahl vor, selbst mit einer einfachen Mehrheit wäre Castro die neue Präsidentin. Tausende Anhänger der Linken feierten bereits am Wahlabend den sich anbahnenden Sieg auf den Straßen der Hauptstadt Tegucigalpa, Sympathisanten der Nationalen Partei verließen dagegen nach Bekanntwerden der ersten Ergebnisse frustriert die PNH-Zentrale. »Heute hat das Volk für Gerechtigkeit gesorgt. Wir haben zwölf Jahre voller Tränen und Schmerz in Freude verwandelt. Die Opfer unserer Märtyrer waren nicht umsonst«, erklärte Castro in einer ersten Stellungnahme.

Mit rund 68 Prozent lag die Wahlbeteiligung auf einem historischen Höchststand. Der CNE sprach am Sonntag abend von einem insgesamt ruhigen Verlauf des Abstimmungstages, allerdings hätten rund 60.000 Wähler versucht, ihre Stimme zweimal abzugeben. Auch berichtete die Wahlbehörde über einen zwischenzeitlichen Ausfall ihres Computersystems. Beobachter berichteten von einem großem Andrang auf die Wahllokale, in einigen wurde die Frist zur Stimmabgabe von 17 auf 18 Uhr verlängert, so dass Wartende noch ihre Stimme abgeben konnten.

Ungeachtet des deutlichen Rückstands zeigte sich der Zweitplazierte Asfura am Sonntag abend ebenfalls optimistisch. »Es fehlt noch ein großer Teil der Stimmen, die Situation ist ähnlich der von 2017, wir werden die Wahlen gewinnen«, erklärte ein Sprecher der Nationalen Partei gegen 21 Uhr (Ortszeit), als erst rund 16 Prozent der Stimmen ausgezählt waren. Im weiteren Verlauf des Abends, als sich der linke Vorsprung stabilisierte, waren von der PNH keine Stellungnahmen mehr zu vernehmen.

2017 hatte der damalige Kandidat der Oppositionsallianz, Salvador Nasralla, zunächst mit rund fünf Prozentpunkten in Führung gelegen. Nachdem die Computersysteme jedoch zwischenzeitlich ausgefallen waren, lag plötzlich der Kandidat der Nationalen Partei und amtierende Präsident Juan Orlando Hernández vorn. Beobachter sprachen von Wahlbetrug, über Wochen kam es zu wütenden Protesten und heftiger Repression, mindestens 31 Menschen kamen ums Leben, rund 1.500 wurden inhaftiert. Schließlich griff die US-Botschaft ein und erklärte Hernández zum Sieger.

Die Partei Libre hat ihren Ursprung im Widerstand gegen den Putsch 2009, mit dem der damalige Präsident Manuel Zelaya aus dem Amt entfernt worden war. Sie fordert, die neoliberalen Umstrukturierungen und Privatisierungen der vergangenen zwölf Jahre rückgängig zu machen, tritt für kostenlose Bildung ein und kämpft gegen Korruption und Straflosigkeit. Die Partei beteiligte sich in den vergangenen Jahren aktiv an Protesten, eine zentrale Rolle nahm sie beim Widerstand gegen den Wahlbetrug 2017 ein. Am 13. Oktober dieses Jahres gelang es ihr, die Oppositionspartei Salvador de Honduras, die eher konservativ-liberale Positionen vertritt, sowie die sozialdemokratische Partei Pinu für ein Wahlbündnis zu gewinnen und sich auf Castro als gemeinsame Kandidatin zu einigen.

Seit dem Putsch gegen Zelaya hat sich die Situation für viele Menschen in Honduras enorm verschlechtert. Rund 70 Prozent der Bevölkerung leben heute in Armut, jeder dritte ist chronisch unterernährt. Die offizielle Erwerbslosenquote ist auf gut zehn Prozent gestiegen, allerdings liegt die Zahl in Wirklichkeit viel höher, da in Honduras wie in anderen Ländern Mittelamerikas große Teile der Bevölkerung im sogenannten informellen Sektor ums Überleben kämpfen. Die Mordrate ist auf 41 pro 100.000 Einwohner gestiegen, Honduras zählt damit zu den unsichersten Ländern der Welt. In der Folge sehen insbesondere junge Menschen keine Perspektive für sich, täglich verlassen Hunderte das Land in Richtung USA. Dass es jedoch durchaus auch viele gibt, die in Honduras selbst versuchen, die Zustände zu verändern, hat nicht zuletzt die Wahlkampagne von Libre gezeigt.

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