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Aus: Ausgabe vom 29.11.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Generalstreik

Der Dank der Republik

Lesenswerte Einführung: Gerhard Weiß über den Kapp-Lüttwitz-Putsch von 1920 und die Niederschlagung der Massenbewegung gegen die Konterrevolution
Von Gerd Bedszent
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Hakenkreuz und Maschinengewehr: Soldaten der Marinebrigade Ehrhardt im März 1920 in Berlin

Die Ereignisse des Jahres 1918/19 – militärische Niederlage im Ersten Weltkrieg, Aufstands- und Rätebewegung, Konterrevolution und Entstehung der Weimarer Republik – sind in den Grundzügen allgemein bekannt. Ebenfalls bekannt, aber ungeachtet des 100. Jahrestages im vergangenen Jahr fast ganz aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, ist, dass es im März 1920 einen großangelegten Versuch gab, die Arbeiterbewegung zu vernichten und die Republik durch eine monarchistisch-bürgerliche Diktatur zu ersetzen. Die offenbar immer noch als peinlich empfundene Rolle der deutschen Sozialdemokratie und der in Teilen mit den Putschisten sympathisierenden bürgerlichen Parteien dürfte eine Erklärung dafür sein, dass der sogenannte Kapp-Lüttwitz-Putsch von der Publizistik sehr zurückhaltend behandelt wird. Auch die Zahl der Neuerscheinungen zum Thema rund um den Jahrestag im vergangenen Jahr war bemerkenswert überschaubar.

Der Sozialwissenschaftler und Gewerkschafter Gerhard Weiß liefert in seinem gerade erschienenen Buch eine straffe und gut geordnete Schilderung des Putschversuchs und seiner wichtigsten Akteure: Reichswehrgeneräle, in präfaschistischen Freikorps organisierte ehemalige Offiziere sowie hohe Beamte. Als führende Köpfe galten Wolfgang Kapp, 1917 bereits einer der Gründer der ultrarechten Vaterlandspartei, und der General Walther von Lüttwitz. Ihre soziale Basis hatten die Putschakteure in dem um seine ökonomische und politische Stellung fürchtenden ostelbischen Adel sowie in reaktionären Kriegerverbänden. Die bürgerlichen Rechtsparteien verhielten sich offiziell abwartend. Ähnlich war die Haltung des Beamtenapparates und der großen Unternehmerverbände.

Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert sowie der ebenfalls sozialdemokratische Reichskanzler verzichteten auf ernsthaften Widerstand und unternahmen keinen Versuch, Polizeitruppen und »loyale« Reichswehreinheiten gegen die Putschisten einzusetzen. Vielleicht hielten sie den Versuch selbst für aussichtslos: Der sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav Noske hatte persönlich der Umbau der demobilisierten Weltkriegsarmee zu einer konterrevolutionären Bürgerkriegstruppe beaufsichtigt. Dass die nur gegen links, aber nicht gegen rechts funktionierte, war der SPD-Spitze klar. Wie Weiß betont, bestand die Absurdität der damaligen Ereignisse auch darin, dass die Putschtruppen zuvor mit dem Ziel der Zerstörung der radikalen Linken und der Rätebewegung von der Sozialdemokratie gepäppelt worden waren.

Den Widerstand gegen den Putsch trug fast ganz allein die politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung. An dem vielerorts spontan ausgerufenen und geschlossen durchgeführten Generalstreik, dem sich wenig später auch die Angestellten- und Beamtenverbände anschlossen, waren Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligt – und zwar keineswegs nur in den großen Städten und Industriegebieten. Vielerorts kam es zu bewaffneten Zusammenstößen. Im Unterschied zur SPD-Führung forderte die radikale Linke – die KPD und der linke Flügel der USPD – zusätzlich zur Wiederherstellung der Republik die konsequente Entmachtung der kaisertreuen Eliten und eine »Arbeiterregierung«.

Der Streikaufruf wurde im wesentlichen befolgt – das ganze Land kam zum Stillstand. Es fuhren keine Züge mehr; der ganze Verkehr ruhte. Es erfolgte keine Postzustellung, die meisten Fabriken schlossen, der Staatsapparat funktionierte nicht mehr. Die Führung der Putschisten war faktisch im abgeriegelten Regierungsviertel gefangen – und der Staatsstreich damit gescheitert. In Industriezentren bildeten sich Arbeiterwehren, die gegen putschende Reichswehreinheiten bewaffnet vorgingen. Binnen weniger Tage gerieten die Putschisten vollkommen in die Defensive: Im Bürgertum machte sich schlotternde Angst vor der Errichtung einer Räteherrschaft breit.

Der Staatsstreich dauerte vom 13. bis zum 17. März 1920 und endete mit dem Rücktritt der Kapp-Regierung. Der Generalstreik wurde am 22./23. März abgebrochen. Die sozialdemokratische Regierung beeilte sich dann, die gerade eben noch putschenden Reichswehr- und Freikorpsverbände gegen die Arbeiter einzusetzen. Die vom Autor detailliert geschilderten Rückzugskämpfe der Linken dauerten bis Anfang April 1920. Was folgte, wird vom Autor treffend als »Justizterror« charakterisiert. Insgesamt liefert Gerhard Weiß eine rundum gelungene Einführung in das Thema. Vielleicht entdecken die Leser seines Buches im Anschluss auch die vielen großartigen, heute leider fast ganz vergessenen literarischen Bearbeitungen dieser Ereignisse – genannt sei hier nur Karl Grünbergs »Brennende Ruhr« – neu.

Gerhard Weiß: Wie eine Republik gerettet wurde und ihren Rettern dankte. Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Papyrossa, Köln 2021, 174 Seiten, 14,90 Euro

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