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Aus: Ausgabe vom 27.11.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das Schlossgespenst

Das Berliner »Humboldt-Forum« als Schnittpunkt und produktives Sinnbild deutscher Verirrungen
Von Johannes Vincent Knecht
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Schauerliches Disneyland: Das wiedererstandene Berliner Stadtschloss

Das wiedererrichtete Berliner Stadtschloss bietet dem polemischen Betrachter Schreibanlässe im Überfluss, und es wird Jahre dauern, bis alle Aspekte seiner ästhetischen, funktionalen und weltanschaulichen Verfehltheit in hinreichender Gründlichkeit benannt und beschimpft worden sind. Ätzende Kritik hat das staatliche Großbauprojekt seit seiner Planungsphase begleitet und dabei vieles zutreffend beschrieben: zuvorderst die geschichtspolitisch fatale Geste der steuerfinanzierten Wiedererrichtung feudaler Herrschaftsarchitektur in vermeintlich demokratischen Zeiten; dann die formale Bräsigkeit der architektonischen Kompromisslösung zwischen barockem Fassadenschwindel und kryptofaschistischem Modernismus; auch die gestalterische und handwerkliche Armut der Portale, Atrien, Foyers und Treppenhäuser, die nach kolossaler Imposanz streben und dabei über das falsch Megalomane vorstädtischer Riesenmöbelhäuser nicht hinauskommen; schließlich die fragmentierte Substanzlosigkeit und Unübersichtlichkeit des Nutzungskonzeptes, das sich zwischen Museum, Multimediazirkus, Eventschuppen und bloßer Touristenattraktion nicht entscheiden kann.

Kein Gestern, kein Morgen

So war es dem ornamentbehängten Betonklotz schon vor seiner Eröffnung gelungen, sich bei Links wie Rechts gleichermaßen unmöglich zu machen. Aus jeder progressiven und im weiteren Sinne republikanischen Perspektive musste das Vorhaben in seiner profunden Rückwärtsgewandtheit ohnehin peinlich sein. Die klassische Linke kann ihm zudem nicht verzeihen, dass der mit fingierten Argumenten durchgesetzte Abriss des Palastes der Republik und damit ein wesentlicher Schritt zur symbolischen Damnatio memoriae der DDR notwendige Bedingung seiner Errichtung war.

Aber auch die Kreise der Preußen-Nostalgiker und germanophilen Romantiker, die insbesondere für das handgefertigte Schmuckwerk der Verkleidung großzügig gespendet hatten, mussten sich schon im Zuge der kopflos geführten Nutzungsdebatten um das Ziel ihrer Zustiftung betrogen sehen: Zwar ist nun an drei der vier Außenseiten die gewünschte Illusion eines strahlenden deutschnationalen Märchenschlosses gewahrt. Im Innern aber erwartet den stolzgeschwellten Patrioten der revisionistische Coitus interruptus und die beschämende Einsicht, dass mit diesem erratischen und inkohärenten Bauwerk trotz aller Goldverbrämung kein positives Deutschgefühl zu erzeugen und das makronarrative Fernziel – die kollektivbewusste Auswaschung aller Schandflecken des 20. Jahrhunderts (verlorene Weltkriege, Massenmord, Bombennächte und als finaler Tiefschlag eine sozialistische Diktatur, zu deren Charakterisierung in diesen Kreisen einzig das Adjektiv »menschenverachtend« verwendet werden darf) – langfristig nicht zu erreichen ist. Zur Läuterung des deutschen Geschichtsbildes hatte man sich liebevoll rekonstruierte Hohenzollern-Interieurs mit Kronleuchtern, Tafelsilber und Seidentapeten erträumt. Statt solcher Plüschigkeiten findet sich der sentimentale Betrachter nun mit kaltem Licht und glatten Steinwänden konfrontiert, während mit der Ausstellung »Berlin global« eine der Tendenz nach »undeutsche«, »linksgrünversiffte« Sicht auf die Hauptstadt und mit den ethnologischen Museen etagenweise »volksfremder« Plunder aus exotischen Randgebieten der Welt ins Zentrum des damit nun schwer selbstentfremdeten nationalen Wonnetempels implantiert wurden.

Diese semantische Impotenz des Ortes, der weder in Richtung der Vergangenheit noch der Zukunft zu einer sinnvollen Aussage in der Lage scheint, findet bei einem kursorischen Gang durch die Säle der ethnologischen Sammlungen eindrückliche Bestätigung. Offenbar konnte in einem Planungshorizont von 20 Jahren niemand ahnen, wie völlig aus der Zeit gefallen die positivistische Aneinanderreihung außereuropäischer Artefakte heute wirken und wie sehr sie die mit dem Etikett »Humboldt« intendierte Propagandaschablone eines guten und weltgewandten Deutschlands im Lichte sich rasant verbreiternder Diskurse um Raubkunst und koloniale Verbrechen in ihr Gegenteil verkehren würde. Zwar hat die zuständige Stiftung Preußischer Kulturbesitz einige Mühe aufgewandt, um durch kuratorische Feigenblattstrategien Anschluss an diese Diskurse zu simulieren. Doch kann es bei einer Institution, die museologisch und ideologisch weitgehend in den Koordinaten des 19. Jahrhunderts denkt und arbeitet, kaum verwundern, dass diese potemkinschen Nostra-culpa-Gesten das Kerndilemma eher betonen als verschleiern: dass nämlich die Artefakte der ehemaligen Völkerkundemuseen auch in dieser Schau weiterhin europäisch-hegemonialer Aneignung, Ordnung und Betrachtungsweise unterworfen bleiben.

Vom höheren Sinne der Idiotie

Dennoch – und das wäre der hermeneutische Hebelpunkt der vorliegenden Betrachtung – offenbart sich in diesem in schauerlicher Disneylandhaftigkeit auferstandenen Herrschaftsbau bei aller multiplen Blödigkeit ex negativo auch etwas Produktives und ungewollt Aufrichtiges. Alle Kritik nämlich übersieht, wie trefflich sich das nach jeder Hinsicht misslungene Schloss als Dingsymbol des deutschen Status quo anbietet, wie griffig es den diffus herumirrenden Ungeist der Zeit bündelt und erlebbar macht.

Nichts nämlich wäre mit Blick auf den fortgeschrittenen Verwesungscharakter der Republik im postdemokratisch-totalitären Kapitalismus irreführender, ja verlogener als eine wie auch immer stimmige, schlüssige, sinnvolle Staatsarchitektur nach menschlichem Maß. Der politisch-ökonomische Komplex in Deutschland agiert als Vormacht eines global zunehmend marginalisierten Kontinents und befindet sich schon deshalb in perpetuierter Schizophrenie zwischen behaupteter Größe und halbbewusster Untergangspanik. Eben diese Gleichzeitigkeit des Gegenläufigen und die dadurch bewirkte pathologische Verwirrung aller Intentionen und Selbstbeschreibungen kommen in diesem Bauwerk markant zum Ausdruck, und man mag darin je nach theoretischer Geschmacksrichtung die nackte, nihilistische Kontingenz oder doch einen produktiven, erkenntnisleitenden Widerspruch im Hegelschen Sinne erkennen.

Eine derart interessierte Spurensuche findet ihren Ausgangs- und Endpunkt im geräumigen Museumsladen als dem heimlichen Herzstück jeder marktwirtschaftlichen Ausstellungsarchitektur. Ostentativ entrollen sich auf den Büchertischen am Eingang die Wogen neuester postkolonialer Anklageliteratur – ob zur Anprangerung, apotropäischen Abwehr oder klammheimlichen Inkorporation der forcierten Raubkunstdebatte, muss offenbleiben. Direkt nebenan hat sich die Königliche Porzellan-Manufaktur mit einem opulenten Shop-in-Shop eingemietet und verströmt mit ihren vorindustriellen Luxusartikeln den gediegenen Esprit des immerwährende Ancien Régime, während in den flankierenden Regalen und Postkartenständern die gute alte Zeit hochleben darf: wilhelminische und friderizianische Herrscherporträts, Adlerembleme für den Kühlschrank, Hohenzollern-Kitsch und Reichsdevotionalien aller Art, alles ohne Anführungsstriche und einen Hauch von Ironie.

Schon nach solchen dithyrambischen Kaufangeboten weiß man nicht mehr, welcher Geist in diesen Mauern spukt: der des feudalen Revisionismus, des postmodernen Zweifels, oder doch nur der der touristischen Vermarktung? Und je länger man durch die hohen Hallen schlendert, desto fernliegender scheint es, hier von einer geschichtsphilosophisch reizvollen »Zerrissenheit« zu sprechen. Es dominiert der Eindruck fundamentaler Gedankenlosigkeit, die im jahrelangen Kompetenzgerangel der beteiligten Interessengruppen ein geistig hohles Monster erschaffen hat, das nun wider Willen als Symbol einer tiefen Identitätskrise die historische Mitte der Hauptstadt dominiert.

Neobarock

Auch in seiner Formensprache bringt das Gebäude mehr und anderes zum Ausdruck, als seiner verstreuten Urheberschaft lieb und bewusst sein kann. Über die scheinbar harte Konfrontation der barocken, ornamentüberladenen Fassaden mit der an Albert Speer geschulten minimalistischen Schießschartenarchitektur des Ostabschlusses ist reichlich diskutiert worden, ohne doch auch hier die verhohlen zeitgeistdiagnostische Richtigkeit im Falschen zu bemerken. Die vordergründige ästhetische Differenz der Bauglieder entlang der Ornamentfrage verstellt die formalen und ideologischen Wahlverwandtschaften – etwa die hier wie dort zwanghafte Suche nach übermenschlicher Proportion, sinnlicher Überwältigung und gestischer Unterwerfung, die jedem humanistischen Menschenbild und demokratischen Staatsverständnis Hohn spricht. So vermittelt das Stadtschloss die viel zu wenig verhandelte Einsicht, dass keiner Epoche mehr und fatalere Äquivalenzen und Ähnlichkeiten zur Gegenwart eignen als eben die Frühe Neuzeit des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese neobarocken Zeitgeisttendenzen verorten sich beispielhaft in der Schamlosigkeit des Geltungskonsums, der immer tieferen und immer undurchlässigeren Segregation von oben und unten, in der Folklorisierung der Armut im Sinne des Klassismus, überhaupt in der schicksalsseligen Hinnahme der Klassengesellschaft, deren Agenten und Apologeten ihren aggressiven Zynismus kaum mehr zu bemänteln sich die Mühe machen müssen. Auch der inszenatorische und rein rhetorische Charakter der gegenwärtigen Demokratiekulissen trägt barocke Züge, die sich nicht zuletzt in der traurigen Gewissheit manifestieren, dass kaum eine zurechnungsfähige Beobachterin mehr der Versuchung nachgeben wird, dem Gesagten der politischen Klasse überhaupt noch ein Gemeintes zu unterstellen.

Ausblick – Schluss

Wie der Keks neben der Kaffeetasse wird dieser Tage vor dem Hauptportal des Schlosses noch das nationale »Freiheits- und Einheitsdenkmal« drapiert. Auch dieses, als »Einheitswippe« bespöttelte Großspielzeug deutscher Geschichtspolitik trägt in seiner oberflächlichen Albernheit und metaphorischen Nichtsubtilität latent barocke Qualitäten. Das Partizipative und Harmlose seiner Erscheinung soll den Hochmut der Kolossalordnung vis-à-vis abfedern, vor allem aber soll es die ernste Absicht hinter der infantilen Geste verbergen. Denn wie das Schloss ist auch das Denkmal errichtet, um Macht über die Deutung deutscher Geschichte zu gewinnen. Im Schulterschluss von Springer-Verlag und Kanzleramt wird hier in volkserzieherischer Absicht das gewichtigste Motiv der jüngeren deutschen Selbsterzählung vorangebracht und allen folgenden Generationen ins historische Bewusstsein betoniert: Die Umdeutung der feindlichen Übernahme der DDR zum höchsten nationalen Schicksals-, Glücks- und Jubeltag. Mit der neuerlichen Inbetriebnahme des Boulevards Unter den Linden als militärische Paradestraße zum 3. Oktober und der naheliegenden Errichtung eines Bronzestandbildes für den »Kanzler der Einheit« Doktor Helmut Kohl wäre diese Phase der historischen Konsolidierung dann vorerst abgeschlossen.

Johannes Vincent Knecht ist Kunsthistoriker und Lehrer, er lebt in Kleinmachnow

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Bernd K. aus Bern (27. November 2021 um 08:47 Uhr)
    Sehr schöner Artikel mit vielen treffenden Formulierungen. Nur bzgl. der »Wippe« muss ich dem Autor widersprechen, verdeutlicht sie doch aufs Treffendste den Charakter dieser deutschen »Demokratur«: Die Seite, auf der sich die Mehrheit versammelt, sinkt nach unten und hebt damit die wenig(er)en auf der Gegenseite um so höher, je weniger es sind. Gibt es ein besseres Sinnbild des sich zum Abziehbild des Feudalismus stilisierenden Kapitalismus? Dass diese Interpretation nicht beabsichtigt war und niemandem als Gegenargument gegen das … nun ja … »Kunstwerk« in den Sinn gekommen ist, ist dann noch das ironisch-sarkastische Sahnehäubchen auf der unbeabsichtigten Selbstdekonstruktion dieser Staatskunst im allerschlechtesten Sinne. Fehlt eigentlich nur noch, dass zufällig mal ein Repräsentant dieses Staates unter der sich qua Besuchermasse senkenden Seite der Wippe zerquetscht wird … Aber dagegen wird sicherlich rechtzeitig vorgesorgt.

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