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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 16 / Sport
Skisport

Alles aus ­Liebe

Hübsche Mogelpackung: Skisport soll jetzt angeblich »klimapositiv« werden
Von Gabriel Kuhn
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Hält am besten: Skisprungschanzen sind längst aus Keramik (Lahti, Finnland)

Im Juni 2021 wurde der Multimilliardär Johan Eliasch zum neuen Präsidenten des Internationalen Skiverbandes FIS gewählt. Am 9. November verkündete er nun, dass die FIS der »erste klimapositive Wintersportverband« werden solle. Ein ambitiöses Ziel für einen Mann, der seine ersten Millionen als Berater von Erdgasunternehmen verdiente. Und überhaupt: »Klimapositivität« im Skisport? Wie soll das gehen?

Die Pisten und Loipen der alpinen und nordischen Weltcuprennen werden seit langem mit Hilfe von Schneedepots, Kunstschneekanonen und Chemikalien produziert. Naturschnee stört. Als er vor der Nordischen Ski-WM in Seefeld 2019 in dichten Flocken vom Himmel fiel, wurde er umgehend weggeräumt. Die Veranstalter erklärten das so: »Naturschnee ist zwar schön, man kann ihn aber nicht formen. Wir müssen hier aber etwas Symmetrisches bauen, dafür eignet sich nun einmal der Kunstschnee.« Zum Glück muss man sich bei den Anlaufspuren von Skisprungschanzen nicht mehr zwischen Natur- und Kunstschnee entscheiden. Die sind längst aus Keramik. Das hält am besten.

Aber damit nicht genug. Im alpinen Skiweltcup werden Rennen in sensiblen Gletschergebieten abgehalten. Vielerorts werden wegen ein oder zwei Wettkämpfen pro Saison neue Hänge erschlossen und Lifte gebaut. Der Weltcuptross reist monatelang durch drei Kontinente. Bald könnte er auch im Nahen Osten aufschlagen. Vom 17. bis 20. November wurden in der »Mall of the Emirates« in Dubai erstmals FIS-Rennen veranstaltet. In einer Skihalle kämpften Rennläufer aus Ghana, Indien, Jordanien oder Osttimor um die für eine Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2022 nötigen Punkte.

Der konkreteste Schritt, den Eliasch angekündigt hat, um das FIS-Ziel der »Klimapositivität« zu erreichen, folgt einer Strategie, die andere Umweltsünder schon seit langem verfolgen, allen voran die Flugindustrie: Man behauptet kühn, die eigenen Umweltsünden durch umweltfreundliche Projekte auszugleichen. In diesem Fall soll eine NGO namens »Cool Earth« die Abholzung großer Regenwaldgebiete verhindern. Zufällig ist der Gründer von Cool Earth Johan Eliasch. Cool Earth rühmt sich, der Abholzung des Regenwaldes durch die Unterstützung sozialer Initiativen vor Ort vorzubeugen.

Den Vorsitzenden der Deutschen Umweltstiftung, Jörg Sommer, beeindruckt das wenig. In einem Interview mit der ARD-»Sportschau« sprach er im Zusammenhang mit den Praktiken von Cool Earth von »Neokolonialismus«. Der FIS gehe es um nichts anderes, als sich den eigenen CO2-Ausstoß schönzureden. Es gäbe keine konkreten Vorschläge, ihn zu verringern. »Lassen Sie es mich freundlich formulieren«, meinte Sommer: »Es klingt unseriös. Mir fallen durchaus noch drastischere Worte dafür ein.«

Wintersportler haben immer wieder ihre angebliche Umweltliebe zur Schau gestellt. Der dreifache Riesenslalomweltmeister Ted Ligety aus den USA ließ sich 2014 von der vom ehemaligen US-Vizepräsidenten Albert »Al« Gore gegründeten Organisation »Climate Reality Project« nach Grönland fliegen. Dort unterhielt er sich mit einer animierten Schneeflocke über den Klimawandel. Das Video hat Unterhaltungswert.

Gegenwärtig machen sich vor allem zwei ehemalige Wintersportstars für Nachhaltigkeit stark. Felix Neureuther, Deutschlands erfolgreichster Slalom- und Riesenslalomläufer der Weltcupgeschichte, ist hierzulande besonders präsent. Er spricht sich gegen Gletscherrennen und die weitere Ausdehnung von Skigebieten aus. Außerdem fordert er von Skiorten, die Kunstschneeproduktion mit erneuerbaren Energiequellen zu betreiben. Der größten deutschen Sportnachrichtenagentur, dem Sportinformationsdienst, erklärte Neureuther Anfang Oktober, dass die Olympischen Spiele nachhaltig werden müssen, »sonst sterben sie aus«.

Björn Ferry, Biathlonolympiasieger in der Verfolgung 2010, fährt nur noch mit dem Zug zu den Weltcuprennen, die er als Experte für das schwedische Fernsehen kommentiert. Gemeinsam mit seiner Frau Heidi Andersson, einer mehrfachen Weltmeisterin im Armdrücken, will er bis 2025 komplett fossilfrei leben.

Das Umweltengagement von Neureuther und Ferry ist auch Beruf. Neureuther ist Mitbegründer der Marketingagentur »Green Game«, die »nachhaltiges Sponsoring« verspricht. Ferry lässt seinen Blog »#fossilfri2025« von schwedischen Holzbauunternehmen sponsern. Der grüne Kapitalismus soll es richten.

Aufsehen erregte zuletzt der US-amerikanische Superstar Mikaela Shiffrin. In einer Onlinemedienrunde vor den Weltcupslaloms der Damen am vergangenen Wochenende im finnischen Levi erklärte die Siegerin von 70 Weltcuprennen, dass sie sich aufgrund der Klimakrise ein frühes Karriereende vorstellen könne. Bereits 2019 hatte Shiffrin in einem Interview mit der französischen Nachrichtenagentur AFP festgestellt, dass es in 40 Jahren vielleicht gar keinen Skisport mehr geben werde. Mit der »Mall of the Emirates« als Austragungsort hatte sie wohl nicht gerechnet. Kein Wunder, dass Johan Eliasch weniger pessimistisch ist. Auf der Website seiner Umweltorganisation Cool Earth grüßt ein Text mit dem Titel »100 Gründe für Klimaoptimismus«. Na dann.

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