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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Coronatagebuch (Staffel 3, Welle 4)

Bodo muss nicht an der Stange tanzen

Von Pierre Deason-Tomory
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Kein Impfpass, keine Bratwurst: Weihnachtsmarkt in Erfurt

Montag, 22. November

Fünfter Tag in Quarantäne. Ich warte auf das Testergebnis. Verschicke inzwischen die Arbeiten vom Wochenende, fange neue an, erledige Bürokram, spüle ab – keiner ruft an. Gegen Mittag mache ich mich auf Verlängerung und Elfmeterschießen gefasst und bitte Volle, für mich einkaufen zu gehen. Um 16.46 Uhr kommt endlich der Anruf: Der Test war negativ. Ich erkläre erfreut die Selbstisolation für beendet und gehe selbst zum Nahkauf.

Dienstag, 23. November

Verunsicherte Teile der Politik schließen sich meiner Erkenntnis an, dass der Ernst der Lage sehr ernst ist, selbst Schlafwandler wie der Spahn (»Genesen, geimpft oder gestorben!«). Auch in Bussen und Bahnen gilt jetzt 3G, ich lese: Kontrolliert werden soll das bei der DB von den Zugbegleitern. Sollen sie mit dem Kartenzwicker drohen? Nicht einmal die notorischen Schläger der Polizei trauen sich, die Maskenpflicht durchzusetzen, zumindest nicht hier im Hirnfreistaat. Beim als »Weimarer Zwiebelmarkt« verniedlichten Traditionsbesäufnis im Oktober liefen sogar viele der uniformierten Ordnungshüterlis oben ohne rum, danach ist die hiesige Inzidenz innerhalb von zwei Wochen von 97 auf 277 gesprungen. Heute ist bei einer Inzidenz von über 400 der Weihnachtsmarkt eröffnet worden.

Die Stände und Glühweinbuden sind gut besucht und werden vermutlich schon morgen abend wieder geschlossen. Die unfähigste linke Landesregierung seit dem Kabinett Tiberius Sempronius Gracchus hat sich auf harte Maßnahmen geeinigt, die der Landtag morgen beschließen soll. Die Weihnachtsmärkte werden dichtgemacht, ebenso alle Bars, Diskotheken und die Restaurants ab 22 Uhr. Nachts dürfen die Ungeimpften nur noch an der Leine spazieren geführt werden, ihre Exkremente sind im Beutel mitzuführen. Wenn die mehrheits- und ahnungslose Regierung das durchkriegt. Sie ist auf Zustimmung der Fraktionen von CDU und FDP angewiesen, und denen ist durchaus zuzutrauen, dass sie den Ramelow erst mal eine Woche lang an der Stange tanzen lassen.

Mittwoch, 24. November

Weil ich seit Mitte Oktober mehrfach erfolglos meine Nürnberger Hausarztpraxis um einen Boosterimpftermin bat, habe ich heute morgen die Telefonnummer der Thüringer Kassenärztlichen Vereinigung gewählt. Um 8.15 Uhr schon überlastet. Die Homepage der KV bucht mich auf Donnerstag, 30. Dezember, also storniere ich den Termin gleich wieder und will einen anderen vereinbaren: Computer sagt nein. Trotz Storno behauptet die Maschine, ich hätte schon einen Termin. Ich werde mir einen funktionierenden Hausarzt suchen müssen. Schwierig in einem Bundesland, in dem nichts funktioniert außer den Erfurter Filialen der kalabrischen ’Ndrangheta. Wie finde ich heraus, in welcher Pizzeria ich den Briefumschlag abzugeben habe? Jedenfalls hat der Landtag gerade eben um 15.42 Uhr der Regierungsvorlage zugestimmt. Dann gehe ich mich jetzt frisch machen für einen langen Abend in der »Unnahbar«, in der schon seit Monaten 2G gilt und ab morgen 1G: geschlossen. Für länger.

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