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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Kapital und Schiffahrt

Geld in der Kasse

Reeder bestellen neue Schiffe und halten Klimaschutzziele für nicht umsetzbar
Von Burkhard Ilschner
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Das schwimmende »Dock 10« im Hamburger Hafen (22.2.2021)

Die Schiffahrt boomt, sagen 90 Prozent der deutschen Reeder. Neun von zehn heimischen Reedereien melden alle Schiffe als ausgelastet. Und dennoch, so die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC in ihrer aktuellen Studie über die Lage der Branche, herrsche keine unbeschwerte Stimmung: Trotz optimistischer Situationseinschätzung sähen sich rund 80 Prozent der Befragten durch »tief sitzende strukturelle Probleme« bedroht, allerdings weniger durch Corona als vielmehr durch Finanzierungsprobleme oder Umweltauflagen.

Zum mittlerweile 13. Mal hat PwC mit »Topentscheidern« heimischer Hochseereedereien insgesamt 103 Interviews führen lassen. Im Ergebnis sprechen die Autoren der Studie von einer »Achterbahn der Gefühle«; es habe seit 2009 noch nie innerhalb eines Jahres »einen solch eklatanten Stimmungsumschwung« gegeben. Hatten 2020 noch 80 Prozent der Befragten »maßgebliche Beeinträchtigungen« durch die Pandemie befürchtet, bewerten jetzt 73 Prozent eben diesen Faktor als »nicht mehr so stark« wie noch vor einem Jahr.

Konjunkturaussichten und wachsendes Ladungsaufkommen sorgen ebenso für gute Stimmung wie die Charter- und Frachtraten, die in den vergangenen anderthalb Jahren geradezu exorbitant gestiegen und aktuell auf sehr hohem Niveau stabil sind. 83 Prozent der Befragten erwarten laut PwC bei der Charter weiteren Anstieg oder Stabilität, bei den Frachtraten sind es gar 87 Prozent. Wobei PwC die Containerschiffahrt ausdrücklich als Motor dieses Aufschwungs bezeichnet, die Entwicklung in diesem Segment »überstrahle« die der anderen Bereiche mit schwächeren Marktbedingungen.

»Nach monatelangem Handelsstau«, so die Autoren, hätten außerordentlich starker Konsum in den USA und Europa sowie Nachholbedarf bei Einkäufern der Indurstrie im Herbst für hohe Nachfrage gesorgt. Die führenden deutschen Reedereien hätten dank des Ratenanstiegs im vergangenen Jahr »in der Regel« mehr verdient, »obwohl es zunächst weniger zu transportieren gab«. 68 Prozent der befragten Reedereien rechnen künftig mit wenigstens stabilem Wachstum und gar 75 Prozent mit zunehmendem Ladungsaufkommen.

Fracht- und Chartererlöse bringen Geld in die Kasse, das führt angesichts fehlenden Transportvolumens zu einem deutlichen Anstieg der Neubaubestellungen, nachdem vor und zu Beginn der Pandemie die Flotte durch Abwracken und Verkäufe geschrumpft war. 22 Prozent der befragten Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten neue Schiffe bestellt, rund 47 Prozent plant dies fürs kommende Jahr. Allerdings beklagen sich nach wie vor 56 Prozent der Reedereien (2020: 85 Prozent) über Probleme bei der Schiffsfinanzierung: Erst langsam scheint das lange Jahre rückläufige Interesse traditioneller Kapitalgeber am maritimen Bereich wieder zuzunehmen. Aktuell gibt es laut PwC sogar ein leicht steigendes Interesse aus Kreisen, die bislang nicht im Schiffahrtssektor aktiv waren.

Zwar klagen vier von fünf Reedereien über anhaltende Crewwechselprobleme, die Studie gibt aber keine Auskunft darüber, was dagegen unternommen wird – am fehlenden Geld kann es ja kaum liegen. Statt dessen sorgen sich 48 Prozent der Reeder um Verzögerungen beim Löschen der Ladung oder dass man eines oder mehrere Schiffe der eigenen Flotte in Quarantäne habe schicken müssen (46 Prozent). Insgesamt haben 25 Prozent der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten Mitarbeiter entlassen, allerdings gehen 69 Prozent davon aus, in nächster Zeit wieder Einstellungen vornehmen zu müssen.

Auf der jüngsten Klimakonferenz in Glasgow hat die (Welt-)Schiffahrt keine Rolle gespielt, weil diese Runde dafür nicht zuständig ist. Hiesige Reeder sind aber konfrontiert mit den Zielvorgaben der EU-Kommission vom September 2020 – Emissionssenkung bis 2030 um 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990. So umstritten diese Festlegung bei Klimaexperten auch ist, den deutschen Reedern geht selbst sie zu weit: Laut der Studie hält die überwältigende Mehrheit dieses Ziel für nicht umsetzbar.

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