75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 30. November 2021, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Energiepreise

Kampf um den Sprit

US-Präsident Joseph Biden gibt ein Zwölftel der Strategischen Erdölreserve seines Landes zum Verkauf frei
Von Knut Mellenthin
OIL-RESERVE.JPG
Die Ölreserven werden in der Nähe des Golfs von Mexiko an der Südküste der USA gelagert

Seit Jahresanfang ist Erdöl um rund 60 Prozent teurer geworden und hat unter anderem auch die Benzinpreise mitgezogen. In den USA ist das ein äußerst wichtiger Faktor, den jeder Präsident im Interesse seiner Zustimmungsraten berücksichtigen muss. Als Reaktion hat Joseph Biden am Dienstag den Verkauf von 50 Millionen Barrel Öl aus der sogenannten Strategischen Reserve (englisch: Strategic Petroleum Reserve, SPR) angeordnet, um den Markt zu entlasten. Im Vorfeld hatte er die Regierungen mehrerer anderer Staaten überredet, sich diesem Schritt anzuschließen. Dass auch China dazu gehört, hat besondere Beachtung hervorgerufen.

»Koalition der Willigen«

Praktisch gesehen ist der Beitrag dieser Staaten – neben der Volksrepublik sind es Indien, Japan, Südkorea und Großbritannien – zur »Koalition der Willigen« viel geringer als der der USA. Internationale Beobachter schätzen die Summe der geplanten Verkäufe aus ihren Reserven auf elf Millionen Barrel. Den größten Anteil daran hat nach bisherigen Erkenntnissen Indien mit fünf Millionen Barrel. Die Volksrepublik hält sich vorerst noch bedeckt und betont, dass sich die Höhe ihres Beitrags ausschließlich an ihren eigenen Interessen orientieren werde.

Die SPR der USA wurde 1975 als Antwort auf die vorangegangene internationale »Ölkrise« geschaffen. Viele Länder veranlassten damals ähnliche Maßnahmen. Die arabischen Produzenten hatten nach dem Oktoberkrieg 1973 gegen Israel ihre Lieferungen stark reduziert und damit letztlich eine längst überfällige Korrektur der viel zu niedrigen Ölpreise zu ihren Gunsten erzwungen. Die SPR sollte anfangs bis zu eine Milliarde Barrel umfassen, erreichte schließlich eine maximale Kapazität von 700 Millionen Barrel und enthält gegenwärtig etwas mehr als 600 Millionen Barrel. Das Öl wird in riesigen Salzstöcken gelagert, die sich in der Nähe des Golfs von Mexiko an der Südküste der USA befinden.

Die 50 Millionen Barrel, die in den kommenden Monaten zum Verkauf freigegeben werden sollen, entsprechen ungefähr der Hälfte des ­globalen ­Tagesbedarfs oder dem, was in den USA an zweieinhalb Tagen verbraucht wird. Das ist zwar der größte Abzug aus der Strategischen Reserve seit deren Schaffung, aber materiell betrachtet trotzdem nur eine geringe Menge. Die Mehrheit der Beobachter schätzt die Wirkung daher nur als kurzzeitig und nicht sehr groß ein. In der Hauptsache handelt es sich um eine theatralische Geste Bidens, der erstens seine Fürsorge für die Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen demonstrieren und zweitens unter Beweis stellen will, dass mit ihm als Präsidenten die USA wieder imstande sind, »die Welt um sich zu sammeln« wie in ihren besten Zeiten.

Preise gesunken

Über die Option von Verkäufen aus der SPR war schon seit einigen Wochen gesprochen worden. Das hatte kurzzeitig zu einem Sinken der Ölpreise um bis zu zehn Prozent geführt. Nach der offiziellen Bekanntgabe der Maßnahme durch eine Ansprache Bidens stiegen die Preise jedoch wieder auf die frühere Höhe. Viele Beobachter hatten ­anscheinend damit gerechnet, dass der Umfang der Freigabe größer ausfallen könnte. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die angekündigten Verkäufe sich über mehrere Monate erstrecken sollen und erstmals im Dezember Öl aus der SPR auf den Markt gelangen wird.

Reaktion auf Maßnahme

Die Arbeitsgemeinschaft »OPEC plus«, in der sich 23 erdölfördernde Länder unter Führung Saudi-Arabiens und Russlands zusammengeschlossen haben, reagierte auf die Ankündigung aus Washington gelassen. Um den von der Coronapandemie ausgelösten Preisverfall des Erdöls zu stoppen und umzukehren, hatten sie im April 2020 ihre Produktion um insgesamt 9,7 Millionen Barrel pro Tag gekürzt. Gegenwärtig steigern sie ihre Förderung jeden Monat um 400.000 Barrel pro Tag. Diese Entscheidung könnten sie ändern, falls die Maßnahme der Biden-Reaktion ein Sinken der Ölpreise zur Folge hätte. Die nächste Konferenz der Fachminister der Gruppe soll am kommenden Donnerstag stattfinden.

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • Moskau erklärt, es sei nur noch »eine Frage von Wochen«, bis Gas...
    13.08.2021

    Kampf um jeden Meter

    Arbeiten an Gaspipeline Nord Stream 2 auf der Zielgeraden. USA ernennen »Aufpasser« zur Kontrolle der Leitung
  • Sind die Ölpreise nur heiße Luft? Leere Fässer werden in Santo D...
    06.03.2021

    Ölpreis im Aufwind

    Erdölfördernde Länder zweifeln an baldigem Ende der Coronakrise und bleiben bei ihren Produktionssenkungen
  • Russische Spezialschiffe zur Verlegung der Pipeline Nord Stream ...
    05.02.2021

    Streitobjekt Nord Stream 2

    USA haben offenbar BRD Bedingungen für Duldung der deutsch-russischen Ostseepipeline gestellt

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit