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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 8 / Kapital & Arbeit
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»Wenn Waren raus müssen, gelten keine Regeln mehr«

Schlechte Arbeitsbedingungen in Amazon-Verteilzentren. »Black Friday« und Corona verschärfen Lage. Ein Gespräch mit Andreas Gangl
Interview: Kristian Stemmler
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Blick in das Amazon-Logistikzentrum im niedersächsischen Winsen (2020)

Vom Einzelhandel wird dieser Freitag als »Black Friday« beworben – eine aus den USA übernommene Aktion, mit der dort nach Thanksgiving die Weihnachtseinkaufssaison eröffnet wird. Was heißt dieser Tag für die Beschäftigten von Amazon?

Bei Amazon bedeutet der »Black Friday« mit vielen Rabatten und Sonderangeboten vor allem noch mehr Stress und Arbeitsdruck als sonst, da die Zahl der Bestellungen stark zunimmt. Deswegen rufen wir schon seit mehreren Jahren zu Streiks gerade in dieser Zeit auf. So ist es auch in diesem Jahr wieder. Geplant ist, dass an allen Standorten, an denen die Beschäftigten streikfähig sind, auch gestreikt wird. Das betrifft sechs von den insgesamt 18 – wobei es an den sechs Standorten sieben Logistikzentren gibt, da wir in Bad Hersfeld zwei haben, die beide beim Streik dabei sind. Die anderen zwölf machen leider noch nicht mit, aber daran arbeiten wir.

Die Coronainfektionszahlen steigen derzeit. Es gab schon diverse Ausbrüche bei Amazon in den vergangenen Monaten, etwa im neuen Verteilzentrum in Winsen nahe Hamburg. Wie ist die Lage bei Ihnen?

Wir hatten in Bad Hersfeld auch diverse Fälle. Es war allerdings nicht so schlimm wie in Winsen oder in Koblenz, wo eine ganze Nachtschicht 2020 in Quarantäne geschickt werden musste. Aber wir hatten in Bad Hersfeld über die gesamte Pandemiezeit bis heute immerhin Infektionen im dreistelligen Bereich.

In Winsen wurde kritisiert, dass die Coronaregeln nicht eingehalten wurden. Ist das an Ihrem Standort anders?

Am Arbeitsplatz gilt immer noch Maskenpflicht rund um die Uhr. Und die Abstände müssen eingehalten werden. Seit Mittwoch wird auch die 3G-Regel umgesetzt. Diese Maßnahmen gelten, offiziell zumindest. Aber dass Schichten reduziert werden, dass zum Beispiel nur die Hälfte der Belegschaft eingesetzt wird – in die Richtung ist bisher nichts geschehen. Man muss sich mal überlegen, dass an den beiden Standorten in Bad Hersfeld an die 4.000 Beschäftigte arbeiten. Dennoch werden die sogenannten Pickwege in den Lagern nicht verändert. Da kann es also durchaus sein, dass gleichzeitig 20 Leute in einen Gang hineinkommen. Offiziell wird gesagt, da müsse dann eben gewartet werden, bis der Kollege wieder weg ist, und die Abstände müssten eingehalten werden. Wenn es aber darum geht, dass die Waren raus müssen und der Lkw wartet, dann gelten keine Regeln mehr.

Vor Weihnachten nimmt der Stress ohnehin noch weiter zu, oder?

Auf jeden Fall. Da gehen dann Vorgesetzte herum und treiben die Leute an. Oder man bekommt irgendwelche Botschaften auf den Scanner geschickt wie: »Ihr seid klasse, aber gebt jetzt noch mal Gas!«

Amazon ist einer der großen Profiteure der Coronakrise. Kommt davon etwas bei den Beschäftigten an?

Bisher nicht. Amazon verdient sich dumm und dämlich und hat offenbar keinerlei Interesse daran, da mal etwas an seine Beschäftigten weiterzugeben. Einen Tarifvertrag gibt es nach wie vor nicht. Amazon will bis heute nicht mit der Gewerkschaft reden. Und wir sind von der Organisierung her auch nicht so stark – das muss man ehrlicherweise sagen –, dass wir den Konzern in die Knie zwingen können. Ein Problem ist für uns, dass das Netzwerk der Verteilzentren in den vergangenen Jahren so riesengroß geworden ist. Allein in Deutschland sind es inzwischen 18 Standorte. Dazu kommen die in Polen, wo es ein kompliziertes Streikrecht gibt, und von denen schon etwa 50 Prozent der deutschen Bestellungen geliefert werden.

Viele Beschäftigte in den Verteilzentren und bei den Kurierfahrern sind Migranten. Erschwert das die Organisierung?

Ja, das wird dadurch schwieriger. Es gibt sprachliche Probleme. Dann kennen viele oft ihre Rechte nicht. Erschwert wird die Organisierung auch durch Befristungen. Amazon befristet das Arbeitsverhältnis meist erst einmal auf zwei Jahre und entscheidet dann erst, ob daraus eine dauerhafte Anstellung wird.

Andreas Gangl ist Verdi-Vertrauensmann bei Amazon Bad Hersfeld. Er spricht an diesem Freitag auf der Veranstaltung »Kampf um Amazon« der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg im Bürgerhaus Wilhelmsburg, Beginn: 19 Uhr

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