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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
NATO gegen Russland

Angriff mit 100.000 Mann?

US-Überlegungen zu einer möglichen russischen Offensive gegen die Ukraine
Von Reinhard Lauterbach
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Ein russischer Marinesoldat der Baltischen Flotte während einer Militärübung in Kaliningrad (Mittwoch)

In der Sache sind die von den USA verbreiteten Fotos russischer Truppenkonzentrationen uneindeutig. Das gibt Washington selbst zu. Außenminister Antony Blinken kommentierte die Aufnahmen mit den Worten, er wisse nicht, was Russlands Präsident Wladimir Putin vorhabe. Andererseits wüssten die USA, was Russland in der Vergangenheit getan habe. Gemeint war die Übernahme der Krim 2014, die allerdings – da ist Blinkens Argument schon immanent schief – ohne einen einzigen Schuss ablief, unter anderem deshalb, weil die auf der Krim stationierten ukrainischen Soldaten in großer Zahl auf die russische Seite übergingen oder jedenfalls keinen Widerstand leisteten.

Dies wäre, wenn man Russland einmal unterstellt, es wolle die Ukraine militärisch angreifen, heute sicherlich anders. Die ukrainische Armee ist im Innern erheblich fanatisierter und motivierter als vor sieben Jahren, sie hat im Donbass Kampferfahrung gewonnen, und sie ist vom Westen in dieser Zeit erheblich aufgerüstet worden. Kürzlich meldete die Londoner Tageszeitung Daily Mirror überdies, Großbritannien habe eine 600 Mann starke Eingreiftruppe aus Fallschirmjägern und Spezialkräften aufgestellt, die kurzfristig in die Ukraine in Marsch gesetzt werden könnten. Ein russischer Angriff in diesem Winter, wie ihn die USA als Möglichkeit darstellen, wäre militärisch kein Spaziergang mehr, politisch wegen der damit gegebenen Gefahr einer unmittelbaren Konfrontation mit NATO-Truppen erst recht nicht. Es stellt sich also die Frage, ob die unterstellten 100.000 Mann auf der russischen Seite für einen ebenfalls unterstellten Angriff auf die Ukraine viel oder wenig sind.

Für einen Großangriff ist diese Zahl nicht überwältigend, auch wenn ukrainische Militärs wahrscheinlich recht haben mit der Aussage, ein solcher Krieg würde nicht mehr ablaufen wie im Zweiten Weltkrieg, als Panzerarmeen Grenzpfähle überrollt hätten. Heute würde demnach ein solcher Krieg mit gezielten Raketenschlägen gegen Führungszentren des Gegners beginnen. Bodentruppen kämen erst anschließend zum Zuge. Allerdings: Die russisch-ukrainische Grenze ist insgesamt knapp 2.300 Kilometer lang, und im Falle eines Krieges müssten natürlich auch die Abschnitte davon gegen ukrainische Gegenangriffe gesichert werden, in denen Russland nicht in die Offensive ginge. Im Verhältnis dazu wirkt die russische Kräftegruppierung, wenn sie denn existiert und dieses Ziel hätte, nicht übermäßig groß.

Die US-Quellen der Angriffsgerüchte nennen drei mögliche Stoßrichtungen: von Norden, aus dem russischen Gebiet Brjansk, in Richtung auf Kiew, von Osten aus dem Gebiet Rostow entlang der Küste des Asowschen Meeres in Richtung auf die Krim und den Unterlauf des Dnipro und drittens aus der Krim selbst heraus. Die letztere Option ist von allen die am wenigsten plausible. Denn die Krim ist mit dem Festland über zwei enge Landzungen verbunden. Das begünstigt automatisch den Verteidiger, in diesem Fall wäre es die Ukraine. Ein mögliches Ziel für einen russischen Ausbruch aus der Krim, die Staudämme am unteren Dnipro, wäre eher ein Fall für eine Luftlandeoperation, um die Sprengung der Anlagen zu verhindern, die für die Wasserversorgung der Halbinsel wichtig wären. Vorbereitungen zu einer solchen Operation wollen aber auch die USA nicht beobachtet haben. Wenn also, wie es dieser Tage ein Mitarbeiter der in Kiew angesiedelten Organisation Conflict Intelligence Team im US-finanzierten Fernsehsender Current Time TV erläuterte, russische Panzer auf der Krim derzeit mit Schutzschirmen gegen die in der Regel von oben angreifenden »Javelin«-Raketen ausgerüstet würden, dann hat das in der Sache wenig zu bedeuten.

Auch der von den USA als angeblicher Termin angegebene Zeitraum ab Ende Januar – weil erst dann die Sümpfe im Nordosten der Ukraine zufrören – wird sogar bei deren Alliierten nicht ganz ernst genommen. Wenn das Passieren von Sümpfen für die russische Armee ein Problem darstellen würde, sollte sie sich jeden Gedanken an einen Angriff lieber gleich aus dem Kopf schlagen, zitierte die polnische ­Rzeczpospolita am Dienstag einen ukrainischen Militäranalysten.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (25. November 2021 um 22:41 Uhr)
    Reinhard Lauterbach schürt die Kriegsangst mehr, als es begründet ist, weil der Westen im Prinzip keine »Munition« mehr hat und trotzdem weiterzuschießen versucht, damit der Feind im Osten davon nichts merkt. Gut, zugegeben, die US-Welthegemonie und -Strategie beruhte ein Jahrhundert lang darauf, dass überall auf der Welt Kriege gezündelt, Waffen verkauft und davon zum eigenen Vorteil profitiert wird. Das ist auch Russland bekannt, die russische Diplomatie ist dagegen gut gerüstet. Russland wäre schlecht beraten, sich die Ukraine zu einverleiben, und wenn es dies wollte, dann hätte es dies auch schon längst tun können. Das Problem des Donbass, wo die Bevölkerung mehrheitlich Russen sind, ist aber noch immer nicht gelöst, es gibt gar keine Fortschritte oder Aussichten auf eine akzeptablere Lösung. Sicher ist es nicht gern gesehen im nationalistisch geprägten Russland, wie in der Ukraine mit der russischen Minderheit umgegangen wird. Also, eine Befreiung der Landsleute wäre politisch und militärisch leicht durchsetzbar. Jedoch der politische Preis dafür wäre sehr hoch. (...)

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