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Aus: Ausgabe vom 25.11.2021, Seite 16 / Sport
Turnen

Gelebte Ignoranz

Ein Jahr »Causa Frehse«. Ein Kommentar
Von Andreas Müller
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»Es gibt eine unfassbare Fokussierung der Kaderathletinnen auf ihre Trainerin, das kann man nicht einfach ignorieren« – Christian Dahms (Gabriele Frehse, 2014)

Wie verhält es sich mit dem menschlichen Spitzensport und dem mündigen Athleten, der ihn tragen, für den der humane Leistungssport gelebt und gestaltet werden soll? Diese Frage stellt sich in Chemnitz oder genauer am Bundesstützpunkt für Frauenturnen seit nunmehr einem Jahr mit besonderer Dringlichkeit. Vor zwölf Monaten veröffentlichte der Spiegel die Vorwürfe früherer Athletinnen gegen die Turntrainerin Gabriele Frehse. Sie klagten über Misshandlungen. Freilich besonderer Art: Nicht sexuelle Übergriffe, Schläge oder dergleichen halten sie Frehse vor, sondern »Schikanierungen« – also im Kern rhetorische Fehltritte plus die unlautere Verabreichung von Schmerzmitteln. Dafür gekündigt werden und das Höchstmaß an arbeitsrechtlicher Konsequenz auferlegt zu bekommen dürfte gewiss nicht alltäglich sein. Da verwundert es doch erheblich, dass Alfons Hölzl als Präsident des Deutschen Turnerbundes (DTB) es bis heute nicht für nötig hielt, persönlich in Chemnitz zu erscheinen, um sich vor Ort ein Bild von dem Fall zu machen.

Kritikwürdige Verfehlungen einer Trainerin sollen mitnichten beschönigt oder verniedlicht werden, sie gehören angemessen behandelt. Was jedoch bei der Aufarbeitung komplett fehlte, waren Augenmaß und Verhältnismäßigkeit in der Relation zwischen Vorwurf und Konsequenz. Schluss, aus, Ende, weg mit der Frau, lautete umgehend der Tenor bei eilig-voreiligen Ferndiagnosen wie der von Dagmar Freitag (SPD), damals noch Vorsitzende des Sportausschusses im fernen Berlin. Spätestens nachdem die angerufene Ombudsstelle sich nicht als der erhoffte Mediator erwiesen hatte, sondern als williges Organ des Auftraggebers DTB, war klar: Diese Trainerin sollte keine berufliche Zukunft mehr haben. Und so steht Chemnitz heute für das trauriges Paradoxon, im Namen eines menschlichen Spitzensports eine anerkannte Fachkraft eiskalt abserviert zu haben.

Die aktuellen Kaderathletinnen vom TuS Chemnitz-Altendorf – mit Ausnahme von Pauline Schäfer, die beim benachbarten Männerturnverein KTV trainiert – stehen jedenfalls ungeachtet der Vorwürfe ihrer Vorgängerinnen bis zum heutigen Tag zu Gabriele Frehse. »Es gibt eine unfassbare Fokussierung der Kaderathletinnen auf ihre Trainerin, das kann man nicht einfach ignorieren«, erklärte jüngst Christian Dahms, in Personalunion Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen und Vorstandsvorsitzender des Olympiastützpunktes Sachsen, wo Frehse angestellt ist. Dies sei eine »besondere Situation«, weswegen eine Mediation in der »Causa Frehse« nicht mehr völlig auszuschließen sei. Eine Einsicht, für die es ein geschlagenes Jahr brauchte.

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