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Aus: Ausgabe vom 25.11.2021, Seite 15 / Medien
Studie

Patriarchales Geschäft

Bei Darstellung geschlechtsspezifischer Gewalt im TV spielt Betroffenenperspektive keine Rolle. Auch strukturelle Dimensionen werden ausgeblendet
Von Claudia Wrobel
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Die Studie zeigt auch: Gewalt gegen Frauen nimmt einen erheblichen Raum im Abendprogramm der großen deutschen Sender ein

Stereotype in Medien helfen uns scheinbar, eine Situation sofort zu erfassen: Frau kniet weinend unter der Dusche? Sie wurde Opfer sexualisierter Gewalt. Das kann dazu führen, dass Opfer, die sich anders verhalten, beispielsweise die Täter selbstbewusst konfrontieren, nicht als solche wahrgenommen werden. Kurz gesagt: Darstellung prägt unsere Wahrnehmung und unser Bild der Realität. In einer Studie haben die Wissenschaftlerinnen Christine Linke und Ruth Kasdorf – gefördert von der Malisa-Stiftung und der UFA GmbH – deshalb erstmals untersucht, wie geschlechtsspezifische Gewalt im deutschen Fernsehen dargestellt wird. Die Ergebnisse wurden anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen an diesem Donnerstag bereits am Montag veröffentlicht.

Auffälligstes und besorgniserregendes Ergebnis ist, dass die Perspektive der Betroffenen und Opfer in mehr als 90 Prozent der untersuchten Sendungen keine oder maximal eine randständige Rolle spielt. Sie sind also nur Objekte, um eine Geschichte zu erzählen, die aber nicht die ihre zu sein scheint. Auch die strukturelle Dimension geschlechtsspezifischer Gewalt wird selten benannt. Das verwundert in einem Patriarchat wenig, verhindert aber natürlich wirksame gemeinschaftliche Gegenstrategien beziehungsweise verstellt den Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen geschlechtsspezifischer Gewalt. Für Studienleiterin Linke belegt die Studie demnach ganz klar, dass »Handlungsbedarf« besteht. Sie ergänzt: »Besonders ernüchternd ist, dass Möglichkeiten der Prävention und Hilfsangebote kaum vermittelt werden.« Denn auch individuelle Lösungsmöglichkeiten wie Beratungsstellen und Hilfsangebote werden kaum thematisiert. Nur selten werden Vorabwarnungen ausgesprochen, damit Zuschauerinnen und Zuschauer aktiv entscheiden können, ob sie einen Inhalt sehen wollen.

Dabei nimmt die geschlechtsspezifische Gewalt einen erheblichen Raum im (Vor-)Abendprogramm der großen deutschen Sender ein. Etwa ein Drittel der Sendungen hat sie zum Inhalt, häufig in Form besonders schwerer und expliziter Gewalt gegen Frauen und Kinder. Auffällig ist, dass wir uns diese Gewalt quasi freiwillig in unsere Wohnzimmer holen, denn sie fand sich zwar in allen Genres und untersuchten Sendungen, aber zu zwei Dritteln in fiktionalen Programmen, also Filmen und Serien.

Aus diesem Ergebnis ergibt sich auch die besondere Verantwortung der Filmschaffenden, die Erzählweisen um geschlechtsspezifische Gewalt zu verändern. »Bei der Entwicklung unserer Stoffe reflektieren wir viel zuwenig, dass immer wieder stereotypisierte Erzählmuster wiederholt werden ­beziehungsweise nicht in einen Kontext gesetzt werden, der diese Muster dramaturgisch einordnet«, muss denn auch Joachim Kosack, Geschäftsführer der UFA GmbH, angesichts der Studienergebnisse eingestehen. Es verwundert angesichts der patriarchalen Strukturen auch im Filmgeschäft nicht, dass Filmschaffende, die mit ihren Produktionen Gewinne erzielen wollen, erst eine Studie brauchen, um eine Sensibilisierung für dieses Thema anzumahnen. Dabei blenden sie aus, dass auch Betroffene große Teile des Publikums und der Mitwirkenden an diesen Produktionen ausmachen. Schließlich gibt in Deutschland jede dritte Frau über 15 Jahren an, dass sie bereits Gewalt erfahren hat. Auch diese realen Opfer werden allerdings nicht als Subjekte wahrgenommen.

Die Schauspielerin Maria Furtwängler wird so auch noch deutlicher und unterstreicht die Verantwortung der Medien, wenn über Gewalt gegen Frauen berichtet wird oder diese gezeigt wird: »Medien prägen unsere Wahrnehmung der Realität. (…) Wenn wir diese verzerrt darstellen, werden wir eher ein Teil des Problems, dabei können und sollten wir Teil der Lösung sein.« Furtwängler ist auch eine der Gründerinnen der Malisa-Stiftung, die sich für die Überwindung einschränkender Geschlechtsrollenbilder und gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen einsetzt.

Für die Studie wurde eine repräsentative Stichprobe der Programme von acht TV-Send ern (ARD, ZDF, RTL, RTL 2, Vox, Pro sieben, Sat.1 und Kabel eins) analysiert, die 2020 zwischen 18 und 22 Uhr ausgestrahlt wurden.

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