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Aus: Ausgabe vom 25.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Die unglückliche Königin

Archetypen, wohin man schaut: Liesl Tommy hat das Leben der großen Soulsängerin Aretha Franklin verfilmt
Von Peer Schmitt
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Zurück in der Kirche: Aretha Franklin (Jennifer Hudson)

Familienangelegenheiten. Unvermeidliche Konstellationen. Blut ist dicker als Wasser, und jede Familie ist auf ihre eigene Art und Weise unglücklich. Aus dem Unglück hat auch der Blues seine Knochen geschnitzt und sie dann auf den Markt geworfen.

Familienangelegenheiten haben im Leben von Aretha Franklin wahrlich keine unbedeutende Rolle gespielt, schon weil ihre Familie prominenter war als andere, eine der prominentesten Predigerfamilien des Landes. Die halbe ­(afroamerikanische) Welt war regelmäßig zu Gast im Haus von Aretha Franklins Vater Reverend Clarence ­LaVaughn, genannt C. L. Franklin. Dessen Predigten verkauften sich auf Schallplatte wie geschnitten Brot, »the million dollar voice« nannte man ihn. Er wurde nicht nur eine Berühmtheit weit über die New Bethel Baptist Church hinaus, er war auch alles andere als ein Kind von Traurigkeit, schmiss gern Partys im eigenen Haus.

»In einem Zimmer lief das Radio, in einem anderen der Plattenspieler, im Wohnzimmer klimperte das Klavier. Als ich klein war, kamen Leute wie Art Tatum, Arthur Prysock, Dinah Washington, Lionel Hampton, Sam ­Cooke, James Cleveland und Clara Ward zu uns nach Hause. Ich war daran gewöhnt, unter berühmten Leuten zu sein« ­(Aretha Franklin, zitiert nach Mark Bego, ­»Aretha Franklin: The Queen of Soul«, 1989). Mit einer dieser Partys beginnt auch das Aretha-Franklin-Biopic »Respect« von der TV-Serien-Regisseurin Liesl Tommy. Auf einem Fest wird sozusagen die Legende geboren, 1952 in Detroit. Das Unglück nimmt seinen Lauf – Familienleben.

Willst du singen?

Man hört Klaviergeklimper (Art ­Tatum?). Die zehnjährige Aretha (Skye Dakota Turner) schläft in ihrem Kinderzimmer. C. L. Franklin ­(Forest ­Whitaker) öffnet die Tür. »Wach auf, Ree. Die Leute wollen dich singen hören. Möchtest du singen?« »Yes, ­please.« Die Zehnjährige irrt mit großen Augen durch das Partylabyrinth. Sie schnappt Gesprächsfetzen auf. Eine Frau spricht ihren Vater an: »Komm mal mit, Clarence. Ella will dich sprechen.« Eine andere Frau sagt: »Communism is absolutely for the negro« (Richard Wright, Herbert Aptheker oder Paul Robeson hätten nicht widersprochen). »Wie sollen wir denn sonst bekommen, was wir wollen?« Die Zehnjährige sagt »Hallo« zu Onkel Sam (Cooke, P. S.). In einem anderen Zimmer berichtet Dinah Washington (Mary J. Blige), wie sie drüben in England die »angebliche« Königin auf ihren Platz verwies: »Es kann nur eine Königin geben« (und die heißt Dinah Washington). Die Zehnjährige, die einmal eine Königin werden wird, singt dann für die Partygesellschaft Ella Fitzgeralds »My Baby Likes to Bebop«. Sie scheint ein wenig frühreif zu sein. Weiß sie, was sie da singt?

Der Legende nach soll an einem dieser Abende eine volltrunkene Dinah Washington von einem gewissen Ted White (Marlon Wayans) aus dem Haus getragen worden sein. Dieser Ted White gab sich als Plattenproduzent und Tourmanager aus. In Wirklichkeit war er ein stadtbekannter Zuhälter. »Pimps and producers were often the same people« wird die Soulsängerin Bettye LaVette in der Aretha-Franklin-Biographie von David Ritz (»Respect: The Life of Aretha Franklin«, 2014) zitiert. Und ohne die Figur des »Pimp« keine Musikszene in Detroit bzw. zu Beginn der 60er überhaupt.

Ted White wird 1961 der erste Ehemann (und Manager) von Aretha Franklin werden. Die ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und hat ihren ersten Plattenvertrag bei Columbia unterschrieben. Außerdem ist sie bereits Mutter zweier unehelicher Kinder. Mit dem ersten Kind war sie schwanger, als sie zwölf Jahre alt war. Das war zwei Jahre nach dem Tod ihrer eigenen Mutter Barbara, die seit 1948 aufgrund der keineswegs diskreten Affären von Reverend Franklin von der Familie getrennt außerhalb von Detroit lebte – und 1952 an einem Herzinfarkt verstarb.

Das zweite Kind bekam Aretha Franklin mit 14. Die Identität des Vaters bzw. der Väter hat Aretha Franklin zu Lebzeiten nie enthüllt. Der Film löst das Problem dieses nicht gerade kleinen Geheimnisses auf denkbar gruselige Weise.

Wieder öffnet sich an einem dieser Abende die Tür zum Kinderzimmer. Der anonyme Träger einer schmeichelnden Stimme tritt ein. »Sie wollen wissen, ob Aretha promisk war? Nun, es (die Gospelszene, P. S.) war eine promiske Kultur, und sie war das Produkt dieser Kultur. Sie war das Wunderkind dieser Kultur« (so Sängerin Ruth Bowen, zitiert von Ritz in »Respect«). Niemand schien es besonders zu wundern, dass die verehrte Tochter eines sehr berühmten Baptistenpredigers, gewissermaßen die rechte Hand von Martin Luther King Jr., noch vor ihrem vollendeten 18. Lebensjahr zwei Kinder von unbekannten Vätern hatte. Der Film deutet Kindesmissbrauch an, aber bereits das zweite Kind ist nur noch einfach so da.

Der Rest ist Geschichte

»Church people are nasty«, sagt Dinah Washington im Film an entscheidender Stelle, Kirchenleute sind scheußlich, fies. In einer kolportierten Szene stellt sie Aretha zur Rede: Weshalb sie so hemmungslos ihren Stil kopiere? Dinah Washingon war Aretha Franklins Idol. Praktisch die gesamten Aufnahmen ihrer Columbia-Periode unter der Ägide von John Hammond (Tate Donovan) sind ein lascher Abklatsch des Vorbilds. Franklin wollte eine Jazzsängerin für ein Crossover-Publikum sein und war zunächst nicht viel mehr als ein plagiatorischer Flop. Das änderte sich grundlegend mit ihrem Wechsel zu Atlantic Records und dem Vorschlag von Jerry Wexler (Marc Maron), die erste Single für das Label, »I Never Loved a Man the Way I Loved You«, in den Fame Studios von Rick Hall in Muscle Shoals, Alabama aufzunehmen. Die Studioband von Rick Hall bestand interessanterweise nur aus Weißen, die allerdings die Ambition hatten, so »schwarz« zu klingen wie irgend möglich. Es blieb bei der einen Aufnahme in dem Studio, weil Hall und Ted White sich aus tiefer Seele hassten, der Film breitet die legendäre Schlägerei der beiden genüsslich aus. Das Debütalbum für Atlantic wurde in New York fertiggestellt. Der Rest ist Geschichte, und der Film muss sie nur noch abhaken. Politisches taucht als Randnotiz auf: die Ermordung von Martin Luther King Jr. 1968 (wie gesagt, ein intimer Freund der Familie), die Verhaftung von Angela Davis, der Aretha Franklin öffentlich ihre Solidarität erklärte: »Angela Davis must go free. Black people will be free …«

In der Rolle der erwachsenen Aretha Franklin versucht – singt, spielt, tanzt – die im Film für solche Sachen nun zuständige Jennifer Hudson ihr Bestes (nur Zigaretten rauchen, kettenweise, wie das Original, darf sie nicht; Forest Whitaker wird immerhin die ein oder andere Filterkippe gestattet). Im Grunde aber hat man zweieinhalb Stunden lang nicht viel mehr gesehen als populärpsychologische Andeutungen und das Aufeinandertreffen der einschlägigen popmythologischen Figuren, Archetypen, wenn man so will: den »Pimp« (Ted White), den charismatischen Prediger zwischen politischer Mission und dubiosen Affären (C. L. Franklin) und natürlich den Stimmkörper der Sängerin, inklusive Suff, prügelnden Ehemännern, manipulativen Produzenten usw. »Ich mag erst 26 Jahre alt sein, aber ich bin eine uralte Frau in Verkleidung. 26 und gehe auf die 65 zu«, sagte sie dem Magazin Time für dessen berüchtigte Titelgeschichte im Juni 1968, in der auch Reverend Franklin als steuerbetrügerischer Hochstapler porträtiert wurde.

Der Film endet 1972. Bei den Aufnahmen für das Live-Gospel-Album »Amazing Grace«. Im Film bringt ausgerechnet der Geist der toten Mutter auf dem Schlafsofa die in tiefer Alkoholdepression förmlich verendende Aretha wieder auf den rechten Weg. Sie kehrt zurück in die Kirche. Sie hatte sie freilich nie verlassen.

»Respect«, Regie: Liesl Tommy, USA 2021, 145 Min., Kinostart: heute

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