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Aus: Ausgabe vom 25.11.2021, Seite 10 / Feuilleton
Ökologie

Wo ist es versteckt, das Subjekt?

Bewegungslinker Alltagsverstand: Milo Probst wirbt für einen intersektionalistischen »Umweltschutz der 99 %«
Von Christian Stache
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Kapitalismus tötet und Atomkraft stinkt – jenseits dieser linken Allgemeinplätze beginnen die spannenden Fragen

Der Titel klingt verlockend. In seiner schmalen »Flugschrift« zum »Umweltschutz der 99 %« macht der junge Basler Historiker und Aktivist Milo Probst zweierlei. Zunächst umreißt er Inhalt und politische Kräfte des titelgebenden Projektes, sodann porträtiert er dessen historische Vorläufer im 19. und 20. Jahrhundert, die er maßgeblich im »transatlantischen Anarchismus und libertären Sozialismus« verortet.

Vorab sei gesagt: Natürlich grenzt Probst seinen Ansatz zu Recht vom »Umweltschutz für die 1 %« ab, dessen Vertreter im Namen der Menschheit die Lösung ökologischer Widersprüche geographisch verschieben und deren Folgen der Arbeiterklasse aufbürden. Links des ökomodernistischen Blocks dürfte unstrittig sein, dass der Kapitalismus für die aktuellen Naturzerstörungen verantwortlich ist. Auch die Einsichten, dass soziale und ökologische Fragen miteinander zu verbinden sind und eine tragfähige Bündnispolitik zu entwickeln ist, welche die Ein-Punkt-Orientierungen sozialer Bewegungen transzendiert, dürften hier keinen Widerspruch finden. Den im Buch dargelegten theoretischen und politischen Positionen eines »intersektionalen und klassenkämpferischen Umweltschutzes der 99 %« dagegen ist zu widersprechen. Auf ihr Studium sollte man deshalb dennoch nicht verzichten, vermitteln sie doch ein treffendes Bild vom Typus des libertären, bewegungslinken Common Sense, der im Milieu ökologisch Engagierter vorherrscht.

Ein erstes Element dieser Bewusstseinsform ist die zum Ökonomismus komplementäre, politizistische Reduktion der politisch-ökonomischen Ursachen von Klimawandel und Co. auf »gesellschaftliche Machtverhältnisse«. Diese vereinseitigende Problemdiagnose korrespondiert mit einem »breiten Verständnis von Kapitalismus«, demzufolge dessen historische Triebkraft und Besonderheit nicht mehr die Mehrwertakkumulation durch Ausbeutung der Lohnarbeit sei, sondern die Aneignung ihres »›Außens‹«. Darunter subsumiert Probst fälschlicherweise gleichermaßen Natur und nicht kommodifizierte, menschliche Arbeiten, obwohl die Natur immanenter Teil der kapitalistischen Produktion ist, die Hausarbeit dagegen etwa nicht.

Probst leugnet die Ausbeutung des Proletariats nicht, nur betrachtet er sie als eine Form der Herrschaft unter vielen. Entsprechend konstruiert er einen Hauptwiderspruch »zwischen der Produktion des Profits und den körperlichen, geistigen und sozialen Bedürfnissen der 99 %«. Dieser bestehe »auf einer viel grundlegenderen Ebene als im Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital«. Wo man diese Ebene findet, was sie ausmacht, wieso sie grundlegender ist? Eine richtige Erklärung erhält man nicht.

Aus seinen Erörterungen zieht Probst einige Schlussfolgerungen. Erstens sei der Umweltschutz der 99 Prozent »letzten Endes eine Frage der Demokratie« – so als ob die politischen Kräfteverhältnisse nicht auf den sozioökonomischen Eigentumsverhältnissen gründeten. Zweitens müsse eine »sozialökologische Transformation von den Bewegungen und Kämpfen aus« gedacht werden. Theorie der Gesellschaft, Ziele des Klassenkampfs? Offenbar sekundäre Parameter. Drittens imaginiert Probst in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen »Momente, in denen eine andere Welt schon jetzt fühlbar und denkbar wird«. Die Kritik der Vorstellung eines »richtigen Lebens im falschen« oder der Defizite identitätspolitischer Bewegungskultur scheint vergessen oder verdrängt.

Probsts Argumentation konvergiert schließlich darin, »die möglichen Subjekte der Kämpfe für eine soziale, ökologische und solidarische Welt näher zu bestimmen«. Er behauptet, das Subjekt des Umweltschutzes der 99 Prozent ergebe sich zum einen erst in und durch die »vielfältigen, dissonanten und ungleichzeitigen Kämpfe«, die es »zu verknüpfen« gelte. Zum anderen müsse man die Opfer des »Unrechts schlechthin« in den Blick nehmen und deren »Erfahrungen der Unterdrückung« zusammenbringen. Mit anderen Worten: Das revolutionäre Subjekt entstehe in einem politisch-kulturellen Formationsprozess sozialer Gruppen, die im Kapitalismus unterdrückt werden und gegen ihn kämpfen. Das ist nicht sonderlich originell. Vor allem aber ist es eine »ideologistische« (Gramsci) Alternative zur ökonomistischen Klassenanalyse.

Auf der Suche nach historischen Vorläufern der anvisierten Ökologiebewegung von heute berichtet Probst schließlich im zweiten Teil des Buchs von sozialen Konflikten, in denen sich der Schutz der Natur mit anderen progressiven Anliegen überschnitten hat. So geht es unter anderem um die Kampagne des Sozialisten Edward Carpenter (1844–1929) gegen die Luftverschmutzung durch Produktionsanlagen im englischen Sheffield Ende des 19. Jahrhunderts und dessen Versuche, Arbeiter für sie zu gewinnen. Probst blickt auch auf die Ökologie von Kommunen geflüchteter Sklaven in den Amerikas zurück, die nachhaltige Anbaumethoden zwecks Selbstversorgung und Walderhaltung zum Schutz vor Verfolgung verbanden. Diese lesenswerten Streifzüge durch die politische Geschichte können das Projekt eines intersektionalistischen Umweltschutzes aber nicht retten. Auf falsche Fragen an die Geschichte bekommt man keine richtigen Antworten.

Milo Probst: Für einen Umweltschutz der 99 %. Eine historische Spurensuche. Edition Nautilus, Hamburg 2021, 200 Seiten, 16 Euro

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