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Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Situation in Afghanistan

Vor dem Kollaps

Afghanistan: UN warnen vor Zusammenbruch des Bankensystems. Finanzkrise verschärft Hungersnot
Von Jakob Reimann
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Dem afghanischen Finanz- und Bankenwesen droht der Zusammenbruch – mit fatalen Folgen für die Menschen (Kabul, 4.9.2021)

Die Vereinten Nationen (UN) haben vor schweren Folgen eines Zusammenbruchs des afghanischen Bankensystems gewarnt. Die wirtschaftlichen Kosten sowie die folgenden gesellschaftlichen Auswirkungen wären »kolossal«, heißt es laut dpa in einem am Montag veröffentlichten Bericht des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP). Die UNO schätzt, dass ein Anstieg der Zahl derer, die ihre Kredite nicht zurückzahlen können, ein Rückgang der Einlagen und eine Liquiditätskrise das afghanische Finanzsystem »innerhalb weniger Monate zum Zusammenbruch bringen könnten«, so Reuters am Dienstag. Laut UNDP könne der Wiederaufbau des Bankensystems Jahrzehnte dauern. Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sehen die afghanische Wirtschaft 2021/2022 um bis zu 30 Prozent schrumpfen. Kleine und mittlere Unternehmen, die für die Bevölkerung von zentraler Bedeutung seien, wären laut Report besonders betroffen.

Mit Beginn des Abzugs der NATO-Truppen im Sommer hatten die Taliban weite Teile des Landes erobert und waren am 15. August kampflos in die Hauptstadt Kabul eingezogen. Aus Protest gegen die neue De-facto-Regierung waren Hilfszahlungen eingestellt worden. US-Regierung, IWF und Weltbank froren Auslandsreserven der afghanischen Zentralbank ein; allein die US-Notenbank-Filiale in New York hält Berichten zufolge neun Milliarden US-Dollar aus afghanischen Vermögen zurück. Internationale Überweisungen nach Afghanistan über das SWIFT-System sind ausgesetzt, was die Bereitstellung humanitärer Hilfe erheblich einschränkt.

Ausbleibender Dollar-Zufluss, oft wurden Dollar physisch ins Land importiert, führte zu einer Liquiditätskrise. Kontoinhaber können nur kleine Geldbeträge abheben. Um einen Ansturm auf die Einlagen zu verhindern, wurden wöchentliche Abhebungslimits festgelegt, und die Kreditvergabe durch Banken wurde eingestellt. Laut UNDP-Bericht sinken Einlagen auf afghanischen Banken Schätzungen zufolge bis Jahresende im Vergleich zu Ende 2020 um rund 40 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl notleidender Kredite von rund 30 Prozent Ende 2020 auf 57 Prozent im September. Sollte dieser Trend anhalten, »werden viele Banken die nächsten sechs Monate möglicherweise nicht überleben«, erklärte Abdullah Al-Dardari, UNDP-Chef in Afghanistan, gegenüber Reuters, »und ich bin noch optimistisch«.

Der abrupte Abzug eines Großteils der ausländischen Entwicklungshilfe hat die afghanische Wirtschaft in freien Fall versetzt. Nach Angaben der Weltbank machten internationale Hilfszahlungen 2020 43 Prozent des afghanischen Bruttoinlandsprodukts aus. Der Staatshaushalt speiste sich zu 80 Prozent aus Auslandszahlungen. Die Entscheidung der US-Regierung, afghanische Vermögen einerseits zurückzuhalten und andererseits Hilfszahlungen herunterzufahren, wird damit begründet, dass man die Taliban nicht unterstützen wolle. Doch es handelt sich um einen doppelten Angriff auf die afghanische Wirtschaft und die Bevölkerung. »Ohne den Bankensektor gibt es keine humanitäre Lösung für Afghanistan«, wird Dardari auch von Deutsche Welle zitiert. »Wollen wir wirklich, dass die Afghanen völlig isoliert werden?«

Die afghanische Bevölkerung steht am Rande einer Hungerkatastrophe. Mitte November berichteten verschiedene UN-Organisationen, 18,8 Millionen der rund 39 Millionen Afghaninnen und Afghanen litten unter Hunger; die Zahl könne bis Ende des Jahres auf mehr als 22 Millionen ansteigen. Jedes zweite Kind ist unterernährt. Gründe hierfür sind steigende Konsumpreise, die aufgrund der Liquiditätskrise rasant steigende Armut sowie eine verheerende Dürre im Land. »Wir brauchen für die Bekämpfung unserer Probleme den Zugang zu unserem eingefrorenen Vermögen im Ausland und auch die Möglichkeit, am internationalen Zahlungsverkehr teilzunehmen«, stellte Mohammed Younis Mohmand, Leiter der afghanischen Handels- und Investitionskammer, im Gespräch mit Deutsche Welle klar.

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