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Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 8 / Ansichten

Impfastrologe des Tages: Heinrich August Winkler

Von Arnold Schölzel
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Kuba hatte der Historiker Heinrich August Winkler bei seiner Brandmarkung des Marxismus als Aberglauben nicht auf seinem Zettel ...

Zwischen Südwest- und Osteuropa gibt es ein erhebliches Gefälle bei Impfungen gegen Covid-19. Portugal mit 86,6 Prozent zweimal geimpften Einwohnern und Spanien mit 79,3 Prozent stehen vorn, in Russland, Belarus, der Ukraine, Rumänien und Bulgarien verfügt zumeist weniger als ein Drittel der Bevölkerung über vollen Schutz. Der deutschsprachige Raum liegt in der Mitte. FAZ-Korrespondent Reinhard Bingener fragte zwei Historiker – den Verfasser einer Sozialgeschichte des Impfens Malte Thießen und den bundesdeutschen Staatslegendenautor Heinrich August Winkler – nach den Ursachen. Am Dienstag teilte er mit: Beide hätten wegen methodischer Schwierigkeiten zur Vorsicht bei solchem Unterfangen geraten. Thießen hielt sich offenbar etwas zurück, Winkler deutete wie stets die Sterne. Seine erste »Erkenntnis«: Im Osten hätten die orthodoxen Kirchen Vorbehalte gegen moderne Wissenschaften sowie Renaissance, Reformation und Aufklärung verpasst. Diese »Rückständigkeit« habe dazu beigetragen, dass die Kommunisten zuerst in Russland die Macht ergreifen konnten. Deren jahrzehntelange Diktatur habe »in allen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang das Vertrauen in staatliche Institutionen geschwächt«. Weil die Roten den Marxismus als wissenschaftliche Erkenntnis ausgegeben hätten, sei zudem der Wissenschaftsbegriff korrumpiert worden. Daher tun sich nach Winkler »vor allem jene Staaten schwer, die das 20. Jahrhundert hauptsächlich unter kommunistischen Diktaturen verbracht haben«.

So trägt wenigstens einer das Licht der Aufklärung in die Finsternis des marxistischen Aberglaubens: Der ist schuld. Dabei war es schlimmer: KGB und »Stasi« zwangen jeden an die Nadel. Thießen spricht zwar von »Prophylaxe«, die im Sozialismus üblich gewesen sei. Aber Kuba (80 Prozent zweimal geimpft) hatte keiner auf dem Zettel.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gerhard R. H. aus Halberstadt (24. November 2021 um 19:37 Uhr)
    »Deren jahrzehntelange Diktatur habe ›in allen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang das Vertrauen in staatliche Institutionen geschwächt‹«: Falsch, ganz falsch, Herr Winkler! Es sind gerade die Kenntnis des dialektischen und historischen Materialismus und die damit verbundene Erkenntnis über die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus, die die Menschen an der Aufrichtigkeit der Willensbekundungen, des Tuns und Handelns kapitalistischer Staaten und deren Eliten zweifeln lassen. Es ist das Wissen darüber, dass es in einem kapitalistischen System immer und immer wieder nur um die Erzielung von Maximalprofit geht. Das beginnt beim Schacher im Kleinen, setzt sich fort über – gelinde ausgedrückt – falsche Versprechungen im Vorfeld von Wahlen und reicht bis hin zur offenen Lüge von einer sogenannten »Friedensmission«, wenn in Wirklichkeit Kriege gemeint sind, um an Rohstoffe und Absatzmärkte zu kommen. Der Mensch steht schon lange nicht mehr im Mittelpunkt des Tuns und/oder des Unterlassens. Im Mittelpunkt steht der Profit, und daraus erwächst das Misstrauen. Ich hatte in der Deutschen Demokratischen Republik keinen Grund, dem Gesundheitssystem nicht zu trauen. Ganz im Gegenteil. Das ist heute etwas anders. Es ist aber nicht das Misstrauen als Teil des Bewusstseins, das das Sein, sprich: die Wirklichkeit, bestimmt, sondern es ist das Sein, also die gesellschaftliche Wirklichkeit, die das Bewusstsein, also in diesem Fall das Misstrauen, bestimmt.

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