75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 28. Januar 2022, Nr. 23
Die junge Welt wird von 2569 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 8 / Inland
Ziviler Ungehorsam

»Wir lassen uns nicht wie Verbrecher behandeln«

Nach Protest in Tagebau: Musiker des Aktionsorchesters »Lebenslaute« gehen gegen RWE vor. Ein Gespräch mit Hans Christoph Stoodt
Interview: Gitta Düperthal
imago0140605438h.jpg
Kreativer Protest gegen die Kohleindustrie: Aktion in Lützerath (undatierte Aufnahme)

Am 15. August gab das sogenannte Aktionsorchester »Lebenslaute« drei Konzerte im Tagebau Garzweiler im Rheinischen Braunkohlerevier. Das erklärte Ziel: »mit Achtel und Triole gegen Klimakiller Kohle« zu protestieren. Nachdem Musikerinnen und Musiker in der Folge verletzt worden waren und Sachbeschädigungen zu beklagen hatten, erstatten Sie nun Strafanzeige gegen Mitarbeitende von RWE. Was war los?

Morgens um sechs Uhr waren wir an verschiedenen Stellen in den Tagebau eingedrungen, um dort mit drei Gruppen zur gleichen Zeit zu spielen. Etwa 100 Musikerinnen und Musiker hatten sich in die Grube abgeseilt, um die Förderbänder zu blockieren. Bei der Aktion griffen uns RWE-Mitarbeitende und Beschäftigte einer vom Kohlekonzern beauftragten Sicherheitsfirma tätlich an. Mehrere von uns wurden verletzt. So mussten wir einen Schulterkapselriss, eine Fußverstauchung, Hautabschürfungen, eine Hand- und Gesichtsverletzung beklagen. Auch ging unter anderem eine Kamera zu Bruch. Wir waren uns zunächst nicht sicher, ob wir den Vorfall zur Strafanzeige bringen. Aber da der Konzern seinerseits juristisch gegen uns vorgeht, muss der Sachverhalt nun vollständig geklärt werden.

Wie konnte es zu dieser Eskalation kommen?

Zunächst griffen die RWE-Mitarbeiter einen Pressevertreter an, der uns begleitete. Laut wurde die Anweisung geschrien: »Nehmt ihnen die Kameras weg!« Der Journalist hockte sich daraufhin auf den Boden, um seine Kamera zu schützen. Im Zuge der Auseinandersetzung kam ein Mitarbeiter zu Fall. Später verbreitete RWE gegenüber der Presse, wir hätten den Wachschutzmann tätlich angegriffen, der dann bewusstlos in einem Krankenhaus hätte behandelt werden müssen.

An dieser Version sind gleich drei Dinge falsch. Erstens war kein »Lebenslaute«-Aktivist involviert. Zweitens hatte der Wachmann den Journalisten angegriffen, war also nicht selbst Opfer. Drittens musste er in keine Klinik, sondern versah weiterhin seinen Dienst. Unsere Richtigstellung wurde von Zeitungen gedruckt. Erst dadurch wurde unsere Aktion so richtig bekannt – ein Eigentor von RWE also. Der Konzern aber stellt Anzeige gegen den Journalisten und gegen einen von uns.

Was versprechen Sie sich davon, wenn Sie jetzt juristisch gegen den Konzern vorgehen?

Wir legen uns mit einem Giganten an, können die kolportierte Version aber auch nicht so stehenlassen. Vorgeworfen wird uns, wir wären gewalttätig gegen RWE-Mitarbeiter vorgegangen. Seit wir uns 1986 gegründet haben, machen wir entschlossene Aktionen zivilen Ungehorsams, aber stets gewaltfrei. Wir wollen, dass dies gerichtlich bestätigt wird.

Zudem klagt »Lebenslaute« vor dem Verwaltungsgericht Aachen gegen die von der Polizei eingesetzten Maßnahmen. Worum geht es da?

Gleich zu Beginn der Aktion im Tagebau war die Stimmung zwischen uns und den RWE-Mitarbeitern aufgeheizt. Als nach kurzer Zeit die Polizei auftauchte, erleichterte uns das eher. Einige Musiker nahmen gleich Kontakt auf, um zu verhandeln. Weil 23 Leute aus unseren Reihen ihre Identität nicht preisgeben wollten, verbrachte die Polizei sie in die Gefangenensammelstelle, kurz Gesa, nach Aachen. Von dort berichteten Frauen des Ensembles in Gedächtnisprotokollen, sie hätten sich komplett ausziehen müssen. Eine weitere Musikerin zeigte sich ebenso erschüttert über die polizeilichen Maßnahmen: Der Transport zur Gesa habe stundenlang in großer Augusthitze stattgefunden, dennoch hätten sie kein Wasser erhalten. Nachdem sie deshalb protestiert hatten, sei ihnen »über den Mund gefahren« worden.

Was erwarten Sie von dieser juristischen Auseinandersetzung?

Wir wollen alles zurückweisen, was der Kriminalisierung unseres Protestes dient. Zu unseren Aktionen mögen Regelverletzungen im kleinen Rahmen gehören, aber wir sind nicht bereit, uns wie Verbrecher behandeln zu lassen und obendrein hinzunehmen, dass die Polizei ihre eigenen Regeln bricht.

Hans Christoph Stoodt ist Mitglied beim Aktionsorchester »Lebenslaute«

Zeitung gegen Profitlogik

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

Mehr aus: Inland