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Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 5 / Inland
Finanzskandal

Milliarden versickert?

Fall Wirecard: Laut Berichten sollen fehlende 1,9 Milliarden Euro in Steuerparadiese weltweit abgeflossen sein
Von Bernd Müller
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Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Wirecard, Markus Braun, im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages (19.11.2020)

Ein steiler Aufstieg – und vor etwa einem Jahr der jähe Fall: Das ist die Geschichte von ­Wirecard, und deren juristische Aufarbeitung ist noch lang nicht abgeschlossen. Das Unternehmen meldete im vergangenen Jahr Insolvenz an, weil auf seinen Konten in Asien 1,9 Milliarden Euro fehlten. Gestritten wird noch immer, ob das Geld je existierte. NDR, WDR und die Süddeutsche Zeitung wollen nun Belege gefunden haben, dass das Geld in dubiosen Kanälen versickert ist.

Im Zentrum des größten deutschen Wirtschaftsskandals steht der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun. Ihm wird unter anderem bandenmäßiger Betrug an Investoren und Banken in Milliardenhöhe vorgeworfen. Die fehlenden 1,9 Milliarden Euro seien quasi erfunden worden, um den Kapitalmarkt zu täuschen. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine langjährige Haftstrafe.

Die Medienrecherchen weisen nun in eine andere Richtung. Demnach tauchen seit einigen Monaten immer mehr Belege für unbekannte und dubiose Zahlungsflüsse auf. Hunderte Millionen Euro seien aus Asien über die konzerneigene Bank zu Gesellschaften in der Karibik und in andere Steuerparadiese geflossen, unter anderem nach Dubai, auf die Britischen Jungferninseln und nach Antigua. Ähnlich argumentiert demnach auch Brauns Strafverteidiger, Alfred Dierlamm, der seinen Mandanten damit teilweise entlastet sieht.

Die Staatsanwaltschaft kennt die dubiosen Geschäfte, doch sie interpretiert sie offenbar als ein System zur Geldwäsche. Es wird vermutet, dass der flüchtige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek mit seinen Freunden Gelder von Mafiosi und Geheimdiensten wusch. Doch Belege gibt es dafür nicht, und die Staatsanwaltschaft wollte sich in dem Bericht nicht zum Stand der Dinge äußern. Sie bleibt bei dem Vorwurf, die Geschäfte in Asien seien ganz oder größtenteils eine Erfindung gewesen.

Welche Version auch korrekt sein sollte – die Wirtschaftsprüfer von EY hatten den Bilanzen von Wirecard immer wieder testiert, dass sie richtig sind. Für EY könnte das teuer werden: Anleger, Investoren und Gläubiger wollen vor Gericht Schadenersatz von den Wirtschaftsprüfern erstreiten. Einer von ihnen ist der Insolvenzverwalter von Wirecard, Michael Jaffé. Er vertritt die Interessen aller Gläubiger, deren Forderungen sich auf 12,4 Milliarden Euro summieren.

Wirecard war im Frühjahr auch Gegenstand in einem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags. Dieser hatte im März einen Bericht bei Martin Wambach, dem Vorsitzenden des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) in Auftrag gegeben. Vier Wochen lang untersuchte Wambach die Arbeit von EY. Sein 168 Seiten umfassender Bericht wurde als geheim eingestuft und blieb unter Verschluss – bis ihn das Handelsblatt veröffentlichte. Der Report listet viele Versäumnisse der Prüfer auf und gilt daher als brisant.

Gegen die Veröffentlichung gehen die Wirtschaftsprüfer von EY nun mit einer Strafanzeige vor. Ein EY-Sprecher hatte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Dienstagausgabe) gesagt, die Anzeige richte sich nicht gegen das Handelsblatt. Statt dessen stünden Personen im Fokus, die den Wambach-Bericht weitergegeben haben, obwohl dieser der Geheimhaltung unterlag.

Noch wird juristisch darüber gestritten, ob der Bericht überhaupt ungeschwärzt veröffentlicht werden darf. Im August hatte sich der Bundesgerichtshof (BGH) dagegen entschieden. Doch gegen diesen Beschluss läuft am dritten Strafsenat des BGH eine Beschwerde. Es wird davon ausgegangen, dass die Kammer noch im Dezember entscheiden wird.

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