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Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 5 / Inland
Folgen von Kürzungspolitik

Studieren im Container

Wohnungsnot in Hochschulstädten hat sich durch Corona weiter zugespitzt. Verbände fordern Investitionsoffensive
Von Ralf Wurzbacher
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Wer kann sich das noch leisten? In München kostet ein WG-Zimmer im Schnitt satte 554 Euro

Alle Jahre wieder. Das Wintersemester hat längst begonnen, und trotzdem stehen Studierende noch zu Tausenden ohne feste Bleibe da. Auch in den speziellen Zeiten einer Pandemie bleibt die Wohnungsnot unter Deutschlands Hochschülern ein Problem ohne Verfallsdatum. Und auf noch etwas ist Verlass: Allen Warnungen vor einer sich weiter verschärfenden Lage zum Trotz verharrt die Politik in weitestgehender Tatenlosigkeit. Seit Jahren fordert das Deutsche Studentenwerk (DSW) eine Investitionsoffensive, um die Zahl der Wohnheimplätze in öffentlicher Hand deutlich auszuweiten. Derzeit können die 57 Studenten- und Studierendenwerke bundesweit rund 194.000 Zimmer in der Größe zwischen 18 und 25 Quadratmetern offerieren. Laut DSW bräuchte es mindestens 25.000 zusätzliche Einheiten, »um überhaupt ansatzweise die Nachfrage bedienen zu können«.

Zwar gab es punktuell durchaus Bewegung, etwa in Hessen, Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen. Allerdings genügt das bei weitem nicht, das in Jahrzehnten öffentlicher Kürzungspolitik Versäumte aufzuholen. Beispiel Köln: Dort kommen auf über 100.000 Studierende höchstens 7.000 Wohnheimplätze in öffentlicher, kirchlicher oder privater Trägerschaft. Die allermeisten müssen ihr Glück auf dem freien Immobilienmarkt versuchen, der so überhitzt ist wie in praktisch allen Groß- und Universitätsstädten. Nach dem Ende September vorgelegten Studentenwohnreport des Finanzdienstleisters MLP werden für eine »studentische Musterwohnung« mit 30 Quadratmetern in der Domstadt im Schnitt 663 Euro fällig, für ein WG-Zimmer 398 Euro.

Überall teuer

Ähnlich teuer ist es in Berlin, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt (Main) oder Hamburg, selbst in Freiburg kostet ein WG-Zimmer im Mittel 364 Euro. Übertroffen wird das alles nur von München, wo man laut MLP-Studie für eine »Musterwohnung« 802 Euro und eine »Muster-WG« 554 Euro hinlegen muss. Eine vergleichbare Erhebung des Moses-Mendelssohn-Instituts (MMI) hatte für 2020 die bundesweiten Durchschnittskosten für ein WG-Zimmer mit 400 Euro beziffert, im Fall der bayerischen Landeshauptstadt sogar mit 650 Euro. Selbst im ersten Jahr der Pandemie kannte die Preisentwicklung nach den MMI-Befunden nur eine Richtung: nach oben. Dabei hatten viele Studierende aus Geldnöten infolge massenhaft weggebrochener Studentenjobs ihre Wohnungen aufgeben und in ihr Elternhaus zurückziehen müssen. Für Entspannung sorgte das offenbar trotzdem nicht.

Im Gegenteil: In München stehen nach einer aktuellen DSW-Statistik noch über 15.000 Bewerber auf den Wartelisten für die rund 11.000 Wohnheimzimmer und Studentenapartments. In Berlin sind es 3.600, in der Frankfurter Bankenmetropole 2.270, in Hannover knapp 2.000, in Heidelberg fast 1.600 sowie in Erlangen und Nürnberg zusammen 3.115. Und abermals hausen die Zukurzgekommenen in von den örtlichen Studentenwerken gestellten Notunterkünften, Containern und Zelten oder haben fürs erste bei Kommilitonen Unterschlupf gefunden. Zu allem Übel hat Corona den Druck sogar noch erhöht. Weil die Hochschulen nach drei Semestern Distanzlehre wieder in weiten Teilen in den Präsenzbetrieb zurückgekehrt sind, buhlen auf einen Schlag noch einmal mehr Studierende als sonst um den knappen und überteuerten Wohnraum.

Schlechter Start

Wie der studentische Dachverband FZS zuletzt zu bedenken gab, hätten viele Studienneulinge ihre ersten Semester bei Homeschooling im Elternhaus verbracht. So suchten plötzlich »Studierende mehrerer Studienjahrgänge gleichzeitig nach bezahlbarem Wohnraum«. Diese Situation zehre »auch psychisch an den Betroffenen und ermöglicht keinen richtigen Start ins Studium«, beklagte FZS-Vorstandsmitglied Lone Grotheer. Der Verband verlangte einmal mehr von den politisch Verantwortlichen, die »katastrophale Situation« dringend anzugehen. Mit Magdeburg gebe es nur einen von 30 in der MLP-Studie untersuchten Standorten, wo die Wohnkostenpauschale nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) ausreicht, um sich eine eigene Wohnung mit Küche und Bad leisten zu können. Der entsprechende Zuschuss beträgt derzeit 325 Euro, unabhängig davon, ob man in Greifswald oder in Düsseldorf wohnt.

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