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Aus: Ausgabe vom 24.11.2021, Seite 4 / Inland
Gegner der Coronamaßnahmen

Erst grün, dann rechts

Soziologische Milieustudie zur »Querdenker«-Szene in Baden-Württemberg vorgelegt
Von Selina Böttcher, Stuttgart
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Jung, alt und häufig »alternativ«: Teilnehmende einer »Querdenken«-Demonstration auf dem Stuttgarter Marienplatz (3.4.2021)

Die »Querdenken«-Bewegung, die während der Coronapandemie entstanden ist, hat ihren Ursprung in Baden-Württemberg. Doch warum gerade dort? Die Soziologin Nadine Frei und der Soziologe Oliver Nachtwey sind dieser Frage in einer Studie im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung nachgegangen. Frei ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Basel, Nachtwey lehrt dort als Professor für Sozialstrukturanalyse. Unter anderem suchten die beiden nach historischen Zusammenhängen und gingen der Frage nach, in welchen Milieus die Anhänger dieser Szene beheimatet sind.

»Die letzten Wochen haben uns gezeigt, dass die Bewegung nicht vorbei ist«, sagte Nachtwey am Montag bei der Vorstellung der Studie. Als die beiden vor sechs Monaten mit ihren Forschungen begonnen hatten, rechneten sie laut Nachtwey noch damit, dass dieses Thema bei der Präsentation der Ergebnisse bereits der Vergangenheit angehören würde. Das Resultat sei vorläufig, betonte Nachtwey. Um eine möglichst große Zahl an »Querdenkern« zu erreichen, kontaktierten die Wissenschaftler Anhänger der Bewegung über mehrere Telegram-Kanäle, die diese für den Austausch untereinander nutzen. Außerdem führten Frei und Nachtwey einige Interviews mit »Querdenkern« sowie mit sogenannten Feldexperten, Lehrkräften von Waldorfschulen und Stuttgart-21-Demonstranten. Ins Feld wagten sich die Wissenschaftler selbst auch und besuchten »Querdenken«-Demonstrationen, unter anderem in Stuttgart, Konstanz und Berlin. Repräsentativ ist die Studie wohl nicht. Schließlich ist davon auszugehen, dass der harte Kern der Szene sich der Teilnahme an einer Umfrage verweigert hatte. Wer teilnahm, konnten die Autoren letztlich nicht kontrollieren.

Die wichtigste Erkenntnis der Studie besteht wohl darin, dass die Maßnahmengegner nicht hauptsächlich aus dem rechten Milieu stammen. Zumindest nicht ursprünglich. Vielmehr scheint es sich um ehemalige Grünen-Wähler zu handeln, die sich nun nach rechts bewegen. Nachtwey bezeichnete die »Querdenken«-Bewegung deshalb als »Resultat des Entfremdungsprozesses von den Grünen«. Auch rekrutiert sich die Bewegung im »Ländle« offenbar hauptsächlich aus dem anthroposophischen und alternativen Milieu. Frei und Nachtwey stellten bei den Demonstrationen ein hohes »Sozial- und Bildungskapital« fest. Es scheint sich um Menschen zu handeln, die zuvor nicht auf den Staat angewiesen und gewohnt waren, eigenverantwortlich zu handeln. Für sie stelle die Pandemie die erste Situation dar, in der der Staat einschränkend wirkt. Daraus entstehe ein generelles Staatsmisstrauen.

Die Maßnahmengegner sind im Rahmen der Bewegung also größtenteils erstmals überhaupt politisch aktiv geworden. Rund 50 Prozent hatten zuvor noch nie an einer Demonstration teilgenommen, wie die Soziologen festhalten. Die institutionelle Einbettung der Anthroposophie sei in Baden-Württemberg besonders stark, so Frei. Dies sei zum Beispiel in Waldorfschulen zu bemerken. Die staatliche Intervention in die eigene Lebensweise werde als ungewohnt empfunden, da sie mit einem libertären Freiheitsverständnis kollidiere. Die »freiheitlichen Werte«, auf die sich die »Querdenker« berufen, gelten für sie auch in der Pandemie. Der Schutz von Mitmenschen müsse hintanstehen. Es gelte die Devise: Individualität vor Solidarität.

Diese Form von »antiautoritärem Gestus« überrascht den Soziologen Nachtwey. Auch unterscheide sie sich von Motiven in Ostdeutschland. Dort würde sich die »Querdenken«-Bewegung hauptsächlich aus dem rechten Milieu rekrutieren. In Baden-Württemberg hingegen wählte der Großteil früher Grün. Inzwischen stellten sich die meisten Menschen bei Umfragen als Nicht- oder AfD-Wähler heraus. Außerdem scheinen sie sich kaum noch gegen die extreme Rechte abzugrenzen. Bei den Demonstrationen heiße es: »Wir laufen nicht mit Nazis mit, die Nazis laufen mit uns mit.«

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  • Leserbrief von Uwe-Jens Kluge (25. November 2021 um 11:49 Uhr)
    Der Befund der Studie von N. Frei und O. Nachtwey zur »Querdenker«-Szene und deren Verankerung im anthroposophischen und alternativen Milieu in Südwestdeutschland überrascht nicht wirklich. Die Nähe des Weltbildes von Rudolph Steiner, einem der »Urväter« der Walldorfbewegung, zur NS-Ideologie wurde vielfach nachgewiesen. Auch die ideologischen Schnittmengen zwischen Teilen der sogenannten Reformbewegungen und von NS-Positionen zur Agrarpolitik sind nachweisbar und stellen insofern eine historische Kontinuität dar. In ihrem Buch »Grüne Braune« (das hier sehr empfohlen sei) weist Jutta Dittfurth auf die Zusammenhänge hin. Die historische Kontinuität einer verbreiteten rechtsradikalen Ideologie zeigte sich auch immer wieder in den Wahlergebnissen in Baden-Württemberg, schon vor der AfD. NPD und insbesondere die sogenannten Republikaner erzielten im Südwesten der alten BRD hohe Stimmenanteile. Insofern mag die »Devise: Individualität vor Solidarität« zwar ein wesentlicher Aspekt der Erklärung bei der Verankerung der »Querdenken«-Bewegung im Südwesten sein, ein hinreichender Erklärungsansatz ist es mitnichten.