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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 12 / Thema
DDR-Literatur

Weder reich noch gleich

In der Komödie »Der Geldgott« zeigt Peter Hacks Zumutungen und Zwänge des Kapitalismus
Von Jürgen Pelzer
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»Geld verdient sich selber. Nicht der Mensch arbeitet, sondern das Geld arbeitet«, lehrt der Geldgott. Dass die glorreiche Marktwirtschaft die Arbeitenden arm hält und die Reichen nur noch reicher macht, verschweigt er – Einführung der D-Mark in Erfurt (1.7.1990)

Wir dokumentieren im folgenden den Vortrag über Peter Hacks’ Stück »Der Geldgott«, den der Literaturwissenschaftler Jürgen Pelzer am 13. November 2021 bei der 14. Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft in Berlin gehalten hat. (jW)

Im Nachlass von Peter Hacks findet sich eine aufschlussreiche Notiz, die vermutlich Mitte der 1970er Jahre niedergeschrieben wurde. Hacks versucht die oppositionelle Haltung mancher DDR-Schriftstellerinnen und -Schriftsteller in diesen Jahren zu erklären: »Diese Leute haben nicht im Kapitalismus gelebt. Der Mensch, insbesondere der Schriftsteller, hat nur, was er erlebt, erhandelt hat. Das ist nicht durch Studium ersetzbar.«¹ Ältere Schriftsteller verfügen über diese Erfahrung. Hacks selbst hat bis 1955 in der Bundesrepublik gelebt. Bei den Jüngeren fehlt diese Erfahrung, und die Kritik an Fehlentwicklungen im eigenen Lager lässt oft außer acht, dass der Hauptwiderspruch nicht im Sozialismus selbst, sondern zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu finden ist. Wer den Kapitalismus »nur aus Büchern kennt, hat nicht den genügenden Gesamt-Abscheu (…), der nötig ist, um das Missfallen an Unrichtigkeiten hier diesem Abscheu emotional unterzuordnen«.²

Orientierung an Ulbricht

Oppositionshaltungen dieser Art zeugen für Hacks von »Ahnungslosigkeit« hinsichtlich einer marxistisch ausgerichteten politischen Ökonomie. Deren grundsätzliche Positionen – die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Konzeption kommunistischer Gleichheit oder die historische Mission der Arbeiterklasse – werden von Hacks selbst an der Praxis überprüft und zum Teil modifiziert. Dies betrifft vor allem die Frage des Übergangs vom Sozialismus zum Kommunismus oder die Rolle der Arbeiterklasse. Hacks folgt hier Walter Ulbricht, der schon früh erkannt hat, dass man in der Systemkonkurrenz mit der BRD nur durch Effizienz in der materiellen Produktion bestehen kann. Diese sei durch die Förderung, ja Machtbeteiligung der wissenschaftlich-technischen Intelligenz zu erreichen.

Hacks folgt Ulbricht auch darin, im Sozialismus eine »relativ selbständige sozialökonomische Formation« zu sehen. Kommunismus kann nur als Fernziel gelten, als Ideal. Zu meistern sind in der Gegenwart die Probleme des existierenden Sozialismus. Hacks hat dies in einem Akademiegespräch 1978 recht launig zum Ausdruck gebracht: »Der Kommunismus interessiert mich wenig. (… ) Ich bin herzlich zufrieden damit, dass ich die Gegenwartsprobleme nicht lösen kann. Ich will mir nicht auch die Zukunftsprobleme aufladen, die ich nicht lösen kann.«³

Utopischen Konzepten einer allseitig entwickelten Persönlichkeit, wie sie etwa noch in der »Deutschen Ideologie« von Marx formuliert werden, erteilt Hacks eine Absage. Allein Arbeitsteilung, ist sie einmal befreit vom kapitalistischen Zwangssystem, lasse den unterschiedlichen Begabungen Raum und diese zur Entfaltung kommen. Um zu einer wahren Überflussgesellschaft zu gelangen und so in der Systemkonkurrenz zu bestehen, wird vor allem Leistung benötigt, was wiederum nur im Zusammenspiel von wissenschaftlich-technischer Intelligenz und effizient planendem Parteiapparat möglich erscheint. In diesem Sinn unterstützt Hacks Ulbrichts Neues Ökonomisches System (NÖS), in der Hoffnung, der Sozialismus werde so seine ökonomische Überlegenheit erweisen können.

Doch schon früh machen sich Tendenzen bemerkbar, die diese Zielrichtung untergraben, etwa in der Ideologie einer permanenten Revolution (wie beispielsweise in der westdeutschen außerparlamentarischen Opposition oder der illusionären Konzeption eines »dritten Weges« zwischen Kapitalismus und Sozialismus). Für Hacks sind solche Konzepte in der Konsequenz konterrevolutionär. In der DDR gerät Ulbricht Ende der 1960er Jahre in Bedrängnis, 1971 wird er – mit sowjetischer Unterstützung – gestürzt. Die Politik seines Nachfolgers Erich Honecker besteht darin – und hier folgt der Leonid Breschnew –, die Erhöhung des Lebensstandards durch ausländische Banken zu finanzieren, um so Versorgungsengpässe zu überwinden. Unterschätzt werden die Kosten und Gefahren der westlichen Entspannungspolitik, wie sie seit John F. Kennedy und Willy Brandt betrieben wird. Dass es sich dabei nur um eine taktische Variante, ein vorübergehendes »Kreidefressen«, handeln könnte, wird weitgehend verdrängt. An den Zielen, den eigenen Einflussbereich nach Osten auszuweiten, hat sich jedoch nicht viel geändert.

Doch es ist vor allem ein ökonomischer Faktor, der jetzt ins Gewicht fällt: Der Kapitalismus des Westens tritt nach 1973/1974 in eine neue Phase ein. Es ist der Beginn einer dritten industriellen Revolution, die durch neue Informationstechnologien, Marktradikalismus, neoliberale Wirtschaftspolitik sowie die Globalisierung der Finanzmärkte gekennzeichnet ist. Die Rekonstruktionsphase nach dem Zweiten Weltkrieg, die im Systemkonflikt auch gewisse Spielräume für sozialstaatliche Maßnahmen ließ, ist abgeschlossen. Die »goldene Ära« des Kapitalismus geht zu Ende. Statt dessen macht sich wieder die Tendenz zur Überakkumulation mit ihren diversen Auf- und Abschwüngen, den Phasen von Boom and Bust, bemerkbar.⁴

Koexistenz und Abhängigkeit

Solche Tendenzen werden in der DDR kaum reflektiert, obwohl sie spätestens in den 1980er Jahren offen zutage treten. Die SED-Führung hält statt dessen an der Illusion fest, der Kapitalismus habe sich selbst nachhaltig domestiziert. Oder aber: Sie weiß, dass dies eine Illusion ist, sieht aber keine Alternativen. In der DDR-Opposition grassieren auch noch 1989/1990 Konzeptionen eines »dritten Weges«. Hatte Honecker die Kritik am Westen eingestellt, von dem er ja Geld wollte, und dessen Bedingungen weitgehend erfüllte, so trifft dies auch auf jene Kreise zu, die sich noch nach dem Fall der Mauer vom westdeutschen Kapitalismus die Unterstützung eines reformierten DDR-Sozialismus erhofften.

Hacks hat all diese Irrwege und Illusionen frühzeitig erkannt und – soweit dies möglich war – bekämpft. Für ihn beginnt mit der Honecker-Ära die erste Etappe einer konterrevolutionären Entwicklung, die dafür verantwortlich ist, dass sich das Potential des Sozialismus nicht produktiv weiterentwickeln kann. Die DDR-Führung hat sich vom Westen ökonomisch abhängig gemacht und die eigene Politik nach den Erfordernissen einer trügerischen Koexistenzpolitik ausgerichtet. Irgendwelche Hoffnungen auf eine Erneuerung des Sozialismus im Sinne eines »dritten Weges« gibt es aber 1989/90 nicht – da ist sich Hacks mit seinem Freund und Mitstreiter André Müller einig. Dass Illusionen dieser Art schließlich von der Geschichte geradezu hinweggefegt werden, dafür sorgen Helmut Kohl und insbesondere Michail Gorbatschow, der – im eigenen Land bei einer versuchten, unzulänglichen Reform des Parteiapparats und ökonomischen Reformen gescheitert –, nicht im mindesten zögert, die DDR aufzugeben, um so selbst zu überleben.

Die meisten Notate, die Hacks dem Geschehen des »finalen Niedergangs« widmet, befassen sich mit den möglichen Hintergründen dieser rasant fortschreitenden Entwicklung. Im Briefwechsel mit André Müller kann man nachlesen, wie alarmiert letzterer Ende 1989 ist, so dass er Hacks rät, zu ihm in die Eifel ins Exil zu gehen, um sich vor einer möglichen Eskalation antikommunistischer Gewalt zu schützen. Hacks selbst beginnt mit ausgedehnten Analysen der Niederlage. Dabei spielt die Situation der Arbeiterklasse eine Rolle, ohne die – davon ist er überzeugt – auch in Zukunft keine Revolution und kein Sozialismus möglich sein werden. Hacks hütet sich, wie schon zuvor, vor einer Idealisierung der Arbeiterklasse, der nach wie vor die notwendigen intellektuellen Fähigkeiten fehlten, um eine führende Rolle zu spielen. Doch er hütet sich auch vor ihrer vorschnellen Verurteilung, sie habe den Verlockungen der kapitalistischen Warenangebote nicht widerstehen können.

Kein Verrat

So haben seiner Ansicht nach Arbeiterinnen und Arbeiter im März 1990 CDU gewählt, weil sie glaubten, die »werde die industrielle Produktion und das Warenangebot verbessern. (…) Sie kauften sich Autos und Gruppenreisen ans Mittelmeer. Nichts hieran war falsch. Nichts hieran war Verrat, es war alles praktisch.«⁵ Freilich merkten sie dann »blitzschnell«, woran sie nicht gedacht hatten: »Arbeitslosigkeit für die meisten, verdoppelte Arbeitsmenge für die, die die Arbeit behielten. Enteignung von allem, was sie besaßen: vor allem des Volkseigentums, Enteignung ihrer Partei, Enteignung der Hälfte ihres Ersparten, Enteignung ihrer Häuser, Grundstücke und Datschen, Entrechtung ihrer Frauen und (bildungsbedürftigen) Kinder.«⁶

Hacks glaubt nicht, dass die Arbeiterklasse vom Sozialismus abgefallen ist. Vielmehr sei sie politisch isoliert gewesen und habe von sich aus keine Führungsrolle spielen können. Obendrein sei sie gespalten gewesen, in jene, die die für eine sozialistische Gesellschaft erforderliche Leistung erbringen wollten, und in jene, die eher angenehme Arbeiten vorzogen und ansonsten gleichmacherische Tendenzen bevorzugten. Aufzugeben seien die Arbeiterinnen und Arbeiter aber keineswegs: »Sie ertragen schweigend die Leiden des Daseins, so wie es die Klasse des Proletariats seit Jahrhunderten gewohnt ist, stehen aber, schweigend, für neue Unternehmungen des Klassenkampfs zur Verfügung.«⁷

In den Umkreis dieser und ähnlicher Überlegungen gehört auch die Aristophanes-Adaption, an der Hacks 1990 arbeitet, wobei er das alte Stück so umbaut, dass nicht nur der Enteignungsprozess in der untergehenden DDR, sondern auch Züge des modernen Kapitalismus beleuchtet werden. Das antike Stück – Titel: »Plutos« (Reichtum) – stammt aus dem Jahr 388 v. u. Z., eventuell gab es bereits eine frühere Fassung. Anders als in seinen vorherigen Stücken thematisiert Aristophanes nicht die direkten Auswirkungen des Peloponnesischen Krieges, der mit dem Sieg Spartas zu Ende gegangen ist. Auch werden zeitgenössische Politiker oder Intellektuelle nicht wie sonst auf offener Bühne verspottet. Im »Plutos« werden vor allem soziale Verhaltensweisen kritisch beleuchtet. Aristophanes nutzt erstmals die Möglichkeiten einer spannungsreichen, überaus witzigen Herr-Knecht-Beziehung. Auch diverse Götter erscheinen auf der Bühne. Sie werden ebenso behandelt wie andere Gegenspieler – gegebenenfalls droht man ihnen Prügel an, oder sie müssen wie Hermes erst einmal um die Gunst und Opferbereitschaft der Menschen betteln, um zu überleben.

»Plutos« beginnt mit einer Klage des Sklaven Klarion über Chremylos, seinen Herrn, der ihn nach Delphi geschleppt hat, um dort herauszufinden, ob sich die eigenen Söhne an der korrupten Oberschicht ausrichten oder ob sie sich – wie der Vater – mit harter Arbeit und wenig Geld abfinden sollen. Die historische Situation: Athen hat im Peloponnesischen Krieg zwar gelitten – vor allem die Bauern, deren Land periodisch verwüstet wurde –, aber mittlerweile hat sich Athen erholt, wobei aber nicht alle Schichten in gleicher Weise profitiert haben. Die ewig Reichen haben profitiert, ebenso jene Schichten und Bezirke, die mit dem Handel verbunden sind.

Reichtum für alle

Chremylos, der endlich seinen Anteil am allgemeinen Reichtum will, hat Glück mit seiner verzweifelt-kühnen Selbsthelferidee: Er trifft auf dem Rückweg von Delphi Plutos, den Gott des Reichtums selbst, der von Zeus geblendet wurde und deshalb – wie er sagt – immer wieder die Falschen mit seinen Gaben beglückt, den Reichtum also nicht gerecht verteilt hat. Chremylos sorgt nun dafür, dass Plutos im Asklepiostempel von seiner Blindheit geheilt wird. Chremylos’ Reichtum – und er bezieht die Nachbarn seines Dorfes mit ein – steht nun nichts mehr im Weg. Zwar meldet sich warnend die Göttin der Armut zu Wort, die den zivilisatorischen Wert der Arbeit betont, ohne die es weder Berufe noch Waren gäbe. Doch dies ist eben ausdrücklich mit Armut verbunden und deshalb letztlich wenig überzeugend. Chremylos und sein Dorf wollen endlich volle Vorratskammern, Luxus, wenig oder gar keine Arbeit. Sie wollen sich nicht mit einer Gesellschaft abfinden, in der die Reichen von alters her reich und zudem korrupt sind und die Armen und Besitzlosen trotz Arbeit darben.

Was Aristophanes komödiantisch in Szene setzt, ist also ein Wunschbild: die Sehnsucht der unteren Schichten nach Überfluss, nach der Überwindung des Mangels. Mit dem sehenden Plutos ist endlich ein Gott gefunden, dem man nicht umsonst opfert. Er wird im Triumphzug in die Schatzkammer Athenes (auf der Akropolis) geleitet, ein üppiges, ausgelassenes Fest beschließt – wie üblich bei Aristophanes – das Ganze. Die Utopie hängt freilich in der Luft: Eine politische Revolution bleibt außerhalb des Horizonts, denn die sozialen Schichten bleiben in ihrem Status unangetastet, die demokratische Verfassung Athens sorgt weiterhin für einen Ausgleich von Besitzenden und Besitzlosen, und die Arbeit wird zu einem erheblichen Teil von Sklaven geleistet. Aristophanes belässt es also bei einem moralischen Appell. Angesichts der handfesten Komödiantik kann man »herzhaft lachen«, wie der Altphilologe Niklas Holzberg meint⁸, aber man sollte nicht unterschlagen, dass es auch um die Artikulation eines legitimen Wunschtraums geht, also darum, Reichtum und Überfluss für alle zu realisieren.

Bei der Bearbeitung der antiken Vorlage sieht sich Hacks zwangsläufig zu einem radikalen Umbau genötigt. Sein Ziel kann weder in einem moralischen Appell zu einer gerechten Verteilung des Reichtums noch in einem utopischen Ausblick bestehen. Das Ziel besteht vielmehr darin, zu zeigen, was aus dem Wunschbild des Reichtums in einer kapitalistischen Ökonomie wird. Der sehend gewordene Pluto steht dabei für die Wiedereinführung eines Kapitalismus, der allerdings nicht mehr der alte ist, sondern Züge des seit Anfang der 1970er Jahre gewandelten, aggressiver und global agierenden Kapitalismus trägt.

Hacks ändert das Personal und dessen soziale Stellung: Chremylos ist jetzt ein Töpfer, der über die Sklavin Fifine verfügt, mit der er auch ein Liebesverhältnis hat. Aus dem Chor, der bei Aristophanes die Handlung kommentiert, wird ein Herr »Kohr«, ein westdeutscher Betriebsrat, der allein im Publikum sitzt und unterhalten werden will – ein Seitenhieb auf die kulturelle Depravation im Kapitalismus. Chremylos wünscht sich vom Gott des Reichtums Handfestes: mehr Lebens- und Liebesgenuss, vor allem aber – eine Menge Geld. Reichtum soll – wie bei Aristophanes – nur bei den »Fleißigen« einkehren. Doch der sehend gewordene Pluto, jetzt ohne die blaue Brille, die ihm Zeus verpasst hat, tritt als »neuer Mensch« auf. Angeblich will er sich nun nicht länger mit Schurken gemein machen, Chremylos erkennt er gar nicht – er hat ihn ja auch nie wirklich »gesehen«. Der Geldgott denkt auch nicht daran, sich für die Behandlung zu bedanken, die Chremylos finanziert hat. Statt dessen orientiert er sich an den reichen »Schmarotzern« Lüsterblick und Beutelrock, zwei neu eingeführten Figuren, die die finanzielle Notlage des Chremylos ausnutzen wollen. Für den Geldgott sind sie »verständige Leute, verlässliche Leute«, die es verdient haben, dass »sich das Geld zu ihnen hinsammelt«.⁹

»Geld verdient sich selber«

Neu eingeführt hat Hacks auch eine Fortuna-Figur, sie ist die Mutter des Geldgotts wie der Armut (Paupertas). Bei Hacks ist es Fortuna, also die Glücksgöttin, die die Armut preist: »Geben ist Genuss, nicht Nehmen« (HW 7, 84). Bevor Pluto erneut auf die (Welt-)Reise geht – Zeus hat ihn wegen seiner Rückverwandlung wieder verbannt –, will Chremylos wenigstens herausfinden, wie er zu Reichtum kommen kann. Der Geldgott macht ihm klar, dass er Geld brauche, um neues Geld, viel Geld, zu bekommen. Arbeit sei nicht das richtige Mittel: »Durch Arbeit verliert man das Geld ja nur.« Vielmehr gilt: »Geld verdient sich selber. Nicht der Mensch arbeitet, sondern das Geld arbeitet« (HW 7, 86). Erklären kann der Geldgott diesen wundersamen Transformationsprozess zwar nicht, sein Vorschlag lautet aber: verkaufen, verkaufen. Auch da, wo nichts ist, oder aber: sich selbst und seine Freundin verkaufen. Chremylos erklärt Fifine, die nicht verkauft werden will, solche Transaktionen seien »göttliche und mithin sehr hohe Dinge«, die sie als ungebildete Frau nicht nachvollziehen könne. Aber Chremylos meint, der Verzicht sei nur für kurz – »sobald das Geld das Geld verdient hat, kaufe ich uns beide wieder« (HW 7, 88).

Die Parallele zur Übernahme der DDR durch den Westen liegt auf der Hand: Ein Land wird enteignet, verliert Fabriken und Arbeitsplätze, um sich dem reichen Westen anzuschließen. Den neuen kapitalistischen Mechanismen unterworfen, können seine Bewohnerinnen und Bewohner dann, mit Glück, die Stellen, die sie erst einmal verloren haben, wiedererlangen.

Chremylos verkauft nicht nur Fifine, sondern auch seine Werkstatt. Dafür bekommt er nicht etwa einen Sack voller Geld, sondern einen Sack voller Kredite. Damit ist er nominell »reich«, ohne etwas zu produzieren. Von der großen Industrie der Gegenwart hat er gelernt, dass nicht der Gebrauchswert entscheidet, sondern Verpackung und Vermarktung. »Den Umweg über die Ware macht die moderne Wirtschaft nicht mehr. Was verpackt ist, verkauft sich, was sich verkauft, bringt den Gewinn, und an dem, was von vornherein für nichts zu brauchen ist, kann der heikelste Kunde die Lust nicht verlieren« (HW 7, 91). Was Chremylos nun eigentlich produziert, kann er nicht sagen. Er will, angeblich reich geworden, ein Fest organisieren, um den neuen Reichtum zu feiern – doch das Fest erweist sich als höchst armselig. Vor allem die Beziehung zwischen Chremlyos und Fifine ist weitgehend zerstört – beide haben sich als Sexobjekte verkauft bzw. verkaufen lassen und jetzt den Gefallen aneinander verloren. Geld für den Freikauf gibt es nicht. Die Sklaverei, auf die sie sich eingelassen haben, ist der absehbare Dauerzustand. Die Beglückung durch den Geldgott, der wie eine Inkarnation des neuen finanzialisierten Kapitalismus wirkt, erweist sich als fatal.

Hacks hat somit gleich zweierlei gezeigt: zum einen die ökonomischen Bedingungen bei der Übernahme (oder Selbstaufgabe) der DDR im Frühjahr und Sommer 1990, die zur Enteignung und einer ungewissen und zudem vom Westen abhängigen Zukunft führte. Und zugleich werden die Mechanismen des modernen Kapitalismus verdeutlicht. Dabei erscheint die Übernahme der DDR als eine Art Probelauf für den neoliberal verschlankten und global agierenden Kapitalismus, der mit neuartigen Finanzstrategien immer weitere Bereiche der Lebenswelt unter seine Kontrolle nimmt und durch die Ausdehnung seines Geltungsbereichs an zusätzlicher Dynamik gewinnt.

Unstillbares Verlangen

Hacks belässt es jedoch nicht bei diesem ernüchternden Fazit. In der Schlussszene beginnt sich das überdimensionale Füllhorn zu regen, das Fortuna auf der Bühne hinterlassen hat. Zuerst fallen allerlei unnütze Waren aus ihm heraus, doch in dessen hintersten Windungen entdeckt Fifine die faszinierende Vision eines Glücks, die sie nicht weiter beschreiben kann. Doch sie steckt fest in diesem Füllhorn und versperrt Chremylos den Weg. Er muss durch sie hindurch, wie es heißt. Das groteske Bild einer solchen »Klemme« lässt sich als Ausdruck eines unkontrollierbaren Verlangens nach einem Glück der Zukunft deuten, das nicht durch kapitalistischen »Reichtum« zu erreichen ist. Und es schwingt auch die Hoffnung mit, dass die Menschen angesichts eines Kapitalismus, dessen enthumanisierende Züge deutlich zutage treten, in Zukunft möglicherweise zur Besinnung kommen.

Anmerkungen

1 Heinz Hamm (Hg.): Peter Hacks. Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955–2003. Berlin 2018, S. 13. Im folgenden: MH

2 Ebd.

3 Thomas Keck/Jens Mehrle (Hg.): Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Arbeitsgruppen. Band 3: Ästhetik. Berlin 2010, S. 228

4 Vgl. Georg Fülberth: G Strich. Kleine Geschichte des Kapitalismus, 7. Auflage. Köln 2021, S. 277 ff.

5 MH, 458

6 Ebd., S. 458 f.

7 Ebd., S. 459

8 Niklas Holzberg: Aristophanes. Sex und Spott und Politik, München 2010, S. 220

9 Peter Hacks: Werke, Band 7. Berlin 2003, S. 79. Im Folgenden: HW

Nähere Informationen zur Peter-Hacks-Tagung finden sich unter: www.peter-hacks-gesellschaft.de

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. Oktober 2021 über Heinrich Bölls Roman »Gruppenbild mit Dame«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thilo S. (30. November 2021 um 06:39 Uhr)
    Das klingt ja alles ausserordentlich interessant. Bleibt die Frage, bringt man das derzeit irgendwo auf die Bühne? Und versteht das geneigte Publikum den Inhalt überhaupt?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Siegfried K. aus Zwenkau (28. November 2021 um 21:34 Uhr)
    Was hat die Ideologie (richtiger: Theorie) der permanenten Revolution mit der APO der BRD bzw. mit der Konzeption eines »dritten Weges« zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu tun? Die Theorie der permanenten Revolution spiegelt die objektive Notwendigkeit wider, dass die Arbeiterklasse im Kampf um die Macht national und international nicht auf halben Wege stehenbleiben kann. Sich auf die Erfahrung in der russischen Revolution von 1905 stützend, hat Leo Trotzki diese Erkenntnis in der Theorie der permanenten Revolution verallgemeinert. Sie hat somit nichts, aber auch gar nichts mit einem »dritten Weg« zu tun. Sie hat sich aber glänzend in der revolutionären Praxis bestätigt, auch wenn die Akteure Trotzki nicht nennen. Zwei Beispiele: So geschehen in den Aprilthesen Lenins als Orientierung für den Kampf der Bolschewiki auf den Weg von der Februar- zur Oktoberrevolution 1917. Oder die Entwicklung der DDR, wo dann 1952 die Schaffung der Grundlagen des Sozialismus als objektives Erfordernis beschlossen werden musste, weil es eben keinen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gibt. Die Theorie der permanenten Revolution in einen sie diskreditierenden Kontext zu stellen, wie im Artikel geschehen, ist genauso schädlich, wie sie als unmarxistische, trotzkistische Theorie zu brandmarken, wie es Stalin getan hat. In beiden Fällen berauben wir uns eines wichtigen Bausteins revolutionären marxistischen Denkens und Handelns für die Zukunft.

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