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Aus: Ausgabe vom 22.11.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Marxistische Diskussion

Dialektischer Begriff

Gute Einführung mit neuen Perspektiven: Rainer Bohns umfassende Darstellung der gesellschaftstheoretischen Positionen des Marxismus
Von Ulrich Peters
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»Subjekttypus mit tief verankerter Unersättlichkeit«: Kundenkonkurrenz in einem Elektronikmarkt (London, 28.11.2014)

Ein neues Buch über den Marxismus – braucht man das eigentlich noch, nachdem zuletzt anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx eine stattliche Zahl von Neuerscheinungen auf den Markt gekommen ist und die einschlägige Literatur ohnehin schon ganze Bibliotheken füllt? Wer sich in Rainer Bohns »Marxistisches Denken« ein bisschen vertieft, wird diese Frage umstandslos bejahen. Hier wird nicht nur ein skizzenhafter Überblick geboten, sondern die methodischen Herangehensweisen werden ebenso wie die geschichts- und gesellschaftstheoretischen Positionen des Marxismus in ihrer logischen Stringenz dargestellt.

Aufgrund der gut strukturierten und klaren Argumentation eignet sich das Werk bestens als Einführung. Nicht minder provoziert es aber auch das Nachdenken von Lesern, die im Stoff sind: Stets geht es darum, nicht einfach Altbekanntes aufzuwärmen, sondern auf den Prüfstand zu stellen, also etwa zu fragen, welche Prognosen der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus sich nicht bewahrheitet haben oder wie historisch jüngere Entwicklungen einzuordnen sind.

Auch schiefe Interpretationen der Arbeiten von Marx und Engels, die gleichwohl zu gedanklichen Selbstläufern wurden, sind ein wiederkehrendes Thema. Das betrifft zum Beispiel die tradierte Unterscheidung zwischen einer (proletarischen) Klasse »an sich« und »für sich«, die schon Generationen von Linken bewegt hat und immer wieder die ganz praktische Frage aufwirft, warum denn die Lohnabhängigen so oft ihren »eigentlichen Interessen« zuwiderhandeln, sich also nicht als klassenkämpferisches Subjekt bewegen. Bohn zeigt, dass die behauptete Existenz einer Klasse »an sich« einem deskriptiv-strukturellen Klassenbegriff entspringt, der zwar den Vorteil hat, soziale Großgruppen nach einem objektiven Kriterium (Eigentum an Produktionsmitteln) zu klassifizieren, aber das reale Handeln der Individuen nicht erfasst. Es gelte, einen dialektischen Klassenbegriff zu entwickeln, der sich aus den Schriften von Marx und Engels destillieren lässt (ohne dort bereits umfänglich ausgearbeitet worden zu sein).

Neue Perspektiven bietet vor allem jenes Kapitel, in dem sich Bohn den Subjekten zuwendet, der analytische Blick sich also nicht auf die großen Kollektive (Klassen, Institutionen, Staat) richtet, sondern auf die interagierenden einzelnen. Ausgehend von dem Marxschen Diktum, dass der Mensch ein »Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« ist, wird betont, dass es nicht darum gehen könne, nach irgendeiner »ursprünglichen« oder »eigentlichen« Natur des Menschen zu fahnden, sondern stets nach den realen Widersprüchen, die Individuen unter den obwaltenden gesellschaftlichen Bedingungen daran hindern, sich nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten optimal zu entfalten.

Bewegen sich die Menschen im bürgerlichen Zeitalter in dem Zwiespalt, einerseits ihre egoistischen Interessen verfolgen zu können, aber andererseits über zu wenige soziale Ressourcen hierfür zu verfügen und an der erforderlichen Selbstdisziplinierung zu scheitern, spitzt sich dieses Dilemma im Wohlstandskapitalismus noch weiter zu: Zwar ermöglichte die ungeheure Mehrung des Reichtums seit der Nachkriegszeit, dass viele Lohnabhängige sich nicht mehr um die elementare Existenzsicherung sorgen mussten, doch bildete sich dabei zugleich ein neuer »Subjekttypus mit tief verankerter Unersättlichkeit, der die notwendige Grenzenlosigkeit beschleunigter Kapitalverwertung in Gestalt einer tendenziell maßlosen Begehrlichkeit internalisiert hat«.

Wieso Menschen sich also auf die Jagd nach einer limitierten Sneaker-Kollektion machen oder kein Helene-Fischer-Konzert verpassen möchten, jedoch nie einen Zustand der Befriedigung oder Erfüllung erreichen – all dies ergründet Bohn mit scharfem Verstand und beeindruckender Präzision. Er kommt dabei ohne moralische Bewertungen aus und tappt auch nicht in die Falle, Verhalten als Resultat manipulativer Beeinflussung fehlzudeuten. Ein gewiss »kopfstehendes«, aber trotzdem jeweils eigenes Bewusstsein ist es, das die Menschen antreibt. Was Bohn hier zutage fördert, ist jedenfalls höchst spannend.

Mit über 700 Seiten ist das Buch ein dicker Schmöker, aber an keiner Stelle langatmig. Ein Manko ist der Preis. 58 Euro sind kein Pappenstiel. Da trifft es sich, dass Weihnachten vor der Tür steht – eine Gelegenheit für die Schwiegermutter, endlich mal das Karma aufzubessern. Den entsprechenden Wunsch zu äußern, erweist nicht das Subjekt mit verinnerlichter Unersättlichkeit, sondern den Wissensdurstigen mit absolut wachem Verstand.

Rainer Bohn: Marxistisches Denken. Philosophie – Gesellschaftsgeschichte – Ökonomie. Tectum, Baden-Baden 2021, 728 Seiten, 58 Euro

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