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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Rettung der Reaktion

Kapitalismus, Arbeiterbewegung und Krieg: Ende 1886 untersuchte Friedrich Engels, wem ein allgemeiner Krieg in Europa nützt
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Französische Soldaten 1916 auf dem Weg zur Front in Verdun

Die französischen Patrioten, die seit sechzehn Jahren (seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871, jW) von Revanche träumen, glauben, dass nichts natürlicher sei, als die sich ihnen vielleicht bietende Gelegenheit zu ergreifen. Für unsere Partei ist indes die Frage nicht so einfach, und ebensowenig ist sie es für die Herren Chauvinisten. Ein mit Hilfe Russlands und unter seiner Ägide unternommener Revanchekrieg könnte entweder eine Revolution oder eine Konterrevolution in Frankreich zur Folge haben. Im Falle einer Revolution, die die Sozialisten an die Macht brächte, würde die russische Allianz in Stücke zerfallen. Zunächst würden die Russen sogleich mit Bismarck Frieden schließen, um sich mit den Deutschen auf das revolutionäre Frankreich zu stürzen. Sodann würden die Sozialisten, in Frankreich an die Macht gelangt, es nicht darauf ankommen lassen, durch einen Krieg die Revolution in Russland zu verhindern. Dieser Fall aber wird kaum eintreten, wahrscheinlicher ist die monarchistische Konterrevolution. (…) Ist die französische Republik tot, wird man einen neuen Wiener Kongress abhalten, auf dem man vielleicht die republikanischen und sozialistischen Sünden Frankreichs zum Vorwand nehmen wird, um ihm Elsass-Lothringen ganz oder teilweise zu verweigern. Und die Fürsten werden sich über die Republikaner lustig machen, die naiv genug waren, an die Möglichkeit einer aufrichtigen Allianz zwischen dem Zarismus und der Republik zu glauben.

Ist es übrigens wahr, was General (Georges) Boulanger (1837–1891, seit Januar 1886 französischer Kriegsminister, jW) jedem sagt, der es hören will: »Es ist ein Krieg nötig, um die soziale Revolution zu verhindern«? Wenn es wahr ist, so diene dies der sozialistischen Partei als Warnung. Der gute Boulanger hat großsprecherische Allüren, die man einem Militär verzeihen kann, die aber ein recht kümmerliches Bild von seinem politischen Scharfsinn geben. Er wird die Republik jedenfalls nicht retten. Zwischen Sozialisten und Orleanisten gestellt, wird er sich möglicherweise mit letzteren einigen, sofern sie ihm die russische Allianz zusichern. In jedem Fall befinden sich die Bourgeoisrepublikaner Frankreichs in derselben Lage wie der Zar; sie sehen vor sich das Gespenst der sozialen Revolution und kennen nur ein Mittel zur Rettung: den Krieg.

In Frankreich, Russland und Deutschland wenden sich die Ereignisse so sehr zu unseren Gunsten, dass wir uns für den Augenblick nur die Fortsetzung des Status quo wünschen können. Wenn die Revolution in Russland ausbricht, so würde sie ein Zusammenwirken von äußerst günstigen Bedingungen hervorrufen. Dagegen würde uns ein allgemeiner Krieg in den Bereich des Unvorhergesehenen zurückwerfen. Die Revolution in Russland und Frankreich würde verzögert, unsere Partei in Deutschland das Schicksal der Kommune von 1871 erleiden. Ohne Zweifel werden sich die Ereignisse schließlich zu unseren Gunsten gestalten, aber wieviel Zeitverlust, wieviel Opfer und wieviel neue Hindernisse wären zu überwinden!

Die in Europa zu einem Kriege drängende Kraft ist groß. Das überall übernommene preußische Militärsystem erfordert zu seiner vollständigen Entwicklung zwölf bis sechzehn Jahre; nach Ablauf dieser Zeit bestehen die Kader der Reserven aus Männern, die im Gebrauch der Waffen geübt sind. Diese zwölf bis sechzehn Jahre sind überall abgelaufen; überall hat man zwölf bis sechzehn Jahrgänge, die gedient haben. Man ist also überall bereit, und die Deutschen haben in dieser Hinsicht keinen besonderen Vorteil. Das heißt, dass der uns drohende Krieg zehn Millionen Soldaten auf das Schlachtfeld werfen würde. Sodann wird der alte Wilhelm wahrscheinlich sterben. Bismarck wird seine Stellung mehr oder weniger erschüttert sehen und vielleicht zum Kriege drängen, um sich zu halten. In der Tat glaubt die Börse überall an Krieg, sobald der Alte seine Augen geschlossen haben wird.

Gibt es Krieg, so wird er nur zu dem Zweck geführt, die Revolution zu verhüten: in Russland, um der gemeinsamen Aktion aller Unzufriedenen, Slawophilen, Konstitutionellen, Nihilisten und Bauern, zuvorzukommen; in Deutschland, um Bismarck zu halten; in Frankreich, um die siegreiche Bewegung der Sozialisten zurückzudrängen und die Monarchie wiederherzustellen.

Zwischen den französischen und deutschen Sozialisten gibt es keine elsässische Frage. Die deutschen Sozialisten wissen nur zu gut, dass die Annexionen von 1871, gegen die sie stets protestiert haben, der Angelpunkt der reaktionären Politik Bismarcks sowohl nach innen wie nach außen gewesen sind. Die Sozialisten beider Länder sind gleichermaßen an der Erhaltung des Friedens interessiert, weil sie es wären, die sämtliche Kriegskosten zu bezahlen hätten.

Friedrich Engels: Die politische Lage Europas. Als Brief an Paul Lafargue am 25. Oktober 1886 verfasst. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 21. Dietz-Verlag, Berlin 1969, Seiten 310–318

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