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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Der Lauf der Dinge

Logenplatz am Fenster: Courtney Barnetts neues Album »Things Take Time, Take Time«
Von Hannes Klug
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»In the morning I’m slow« – Courtney Barnett (Berlin, 2019)

Courtney Barnetts natürlicher Zustand scheint irgendwo zwischen Wachen und Schlafen zu liegen. Vielen der situativen Beschreibungen in ihren Songs haftet ein enormes Phlegma an – das ist auch auf ihrem neuen Album nicht anders. »Things Take Time, Take Time«, heißt es, und die Wiederholung im Titel deutet schon an, dass Mühe und Geduld nicht unbedingt zu einem Ergebnis führen, sondern dass eine zweite Runde nötig ist, die aus noch mehr Mühe und Geduld besteht, bevor etwas fertig wird. Damit greift die australische Singer-Songwriterin eine Befindlichkeit wieder auf, die auch schon auf ihrem ersten Album »Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit«, mit dem sie 2015 bekannt wurde, tonangebend war. Es ist, als würde das Leben mit Kommas werfen, die einen stolpern lassen. Es braucht eine gehörige Willensanstrengung, der Melancholie und der Schwerkraft zu entkommen und etwas auf die Beine zu stellen, und sei es nur sich selbst.

Grenze zum Banalen

»In the morning I’m slow / I drag a chair over to the window / And I watch what’s going on«, lauten die ersten Zeilen des Stückes »Rae Street«, dem Auftakt der neuen Platte, das den langsamen Beginn eines Tages beschreibt. Wieder sitzt Courtney Barnett also, diesmal am Fenster, beobachtet, was dort draußen so vor sich geht, sieht interessiert der Müllabfuhr und den Passanten zu, die ihre Hunde ausführen. Sie zündet eine Kerze für all die Leidenden dieser Welt an und fordert, dass sich die Dinge ändern müssten. Doch alles Hoffen und Beten nütze nichts, »unless we see some change / I might change my sheets today«. Vielleicht wird sie den Tag dazu nutzen, ihre Bettwäsche zu wechseln, vielleicht aber auch nicht. Mit dem Nachdenken darüber ist ihre Energie dann aber auch erschöpft. Carpe diem. Sie verliert sich in Kindheitserinnerungen und wartet schon morgens darauf, dass es Nacht wird, um dann im Dunkeln herauszufinden, was sie wirklich vom Leben will.

Courtney Barnett hat mit ihrer Mischung aus Empfindsamkeit und Verzweiflung einen Nerv getroffen. Als letzte Waffen bleiben eine scharfe Beobachtungsgabe, sarkastischer Humor und eine Konzentration aufs Alltägliche und Persönliche, die letzten Endes doch immer wichtiger erscheinen als das große Ganze. Die Gefahr, dabei die Grenze zum Banalen zu überschreiten, umkurvt sie auf ihrem neuen Album nicht immer so souverän wie früher. Dass sie dazu wie in den letzten beiden Minuten von »Turning Green« in ihre verzerrte Gitarre haut, mag als Paradox erscheinen, ist aber ein funktionaler musikalischer Ausweg. Auch in diesem Stück hilft es allerdings wenig, dass es jenseits des Fensters Frühling wird und die Bäume endlich grünen: Statt Aufbruchstimmung verbreitet der Wechsel der Jahreszeiten doch nur »Springtime lethargy«. Von der Winterdepression in die Frühjahrsmüdigkeit.

Therapeutische Maßnahme

Was also bleibt zu tun? »Sit beside me, watch the world burn«, heißt es in »Write a List of Things to Look Forward To« in direktem Bezug auf die verheerenden Brände, unter denen Australien Anfang 2020 litt. Der Stuhl am Fenster wird so zum Sinnbild der Haltung, den Lauf der Dinge resigniert zu kommentieren, als wäre man hundert Jahre alt, stecke aber leider in einem jungen Körper, dessen Ohnmacht dadurch nicht geringer wird. Aufschreiben, worauf man sich freut, ist eine therapeutische Maßnahme, die eine Freundin der Sängerin mitten in der Depression empfahl, um der Gegenwart zu entrinnen, die man schon verloren gegeben hat. »Things Take Time, Take Time« klingt bei aller Schwere unmittelbar, ehrlich, zerbrechlich, manchmal sogar verzagt optimistisch. Nur manchmal hat man inmitten all der schmeichelhaften Dissonanzen das Gefühl, alles sei doch schon egal. Auch die Nacht löst ihr Versprechen nicht ein: »Oh the night goes so slowly / Anytime I get low / And I don’t really need reminding / I know it’s only in my mind.« Wenn mit dem Abflauen der Pandemie die Konzertsäle wieder öffnen, wird Courtney Barnett ihren Platz am Fenster hoffentlich verlassen.

Courtney Barnett: »Things Take Time, Take Time« (Marathon Artists/Rough Trade)

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