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Aus: Ausgabe vom 19.11.2021, Seite 15 / Feminismus
Marxfem

Eine Utopie für alle

Marxistisch-feministische Konferenz: Austausch zu theoretischer Weiterentwicklung und praktischen Kampffeldern
Von Carmela Negrete
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Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse: Frauengewerkschaftsdemo am 1. Mai 2020 in Paris

Die Idee einer internationalen marxistisch-feministischen Konferenz ist ursprünglich von der feministischen Sektion des Berliner Instituts für kritische Theorie (Inkrit) um die deutsche Soziologin und marxistische Philosophin Frigga Haug ins Leben gerufen worden. Nach drei Konferenzen in den Jahren 2015 (Berlin), 2016 (Wien) und 2018 (Lund/Schweden) wurde das diesjährige Zusammentreffen vom 11. bis 13. November von »Transform! Europe« und der Universität des Baskenlandes online veranstaltet mit Unterstützung unter anderem der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In den unterschiedlichen Foren und Plenen sprachen und diskutierten weltweit bekannte Feministinnen wie María do Mar Castro Varela, Tithi Bhattacharya, Dilar Dirik, Elsa Dorlin, Silvia Federici, Nancy Fraser und Frigga Haug selbst.

Das zentrale theoretische Plenum, das von der KPÖ-Frauensprecherin Heidemarie Ambrosch moderiert wurde, hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, an den von Haug 2015 erstmals vorgeschlagenen und im Anschluss weiterdiskutierten »dreizehn Thesen des Marxismus-Feminismus« weiterzuarbeiten. Die Philosophin betonte in ihrem Vortrag, dass eine Utopie für Frauen »eine Utopie für alle sein soll«: Das sei der kommunistische Charakter dieses Denkens. Der Marxismus-Feminismus geht ihrer Ansicht nach »über die lähmenden Versuche hinaus, häusliche und außerhäusliche Tätigkeiten entweder gänzlich in eins zu setzen oder sie umgekehrt ganz auseinander zu denken, und stellt sich der grundsätzlichen Herausforderung, den Begriff der Produktionsverhältnisse für feministische Fragen zu besetzen und weiterzuentwickeln«. Denn Geschlechterverhältnisse seien auch Produktionsverhältnisse.

Der Feminismus muss in den Marxismus hineingetragen werden, erklärte Haug, um »dabei beide zu verändern«. Dies fordere eine »kritische Sicht auf den traditionellen Marxismus, der sich allein auf die Arbeiterbewegung bezieht«. Die Beziehung zwischen Geschlecht und Produktion »erfordert neue Analysen«. In der von ihr zitierten These heißt es: »Der Abbau des westlichen Wohlfahrtsstaates in einer globalisierten Wirtschaft überlässt die Sorge um das Leben den Frauen in Form von unbezahlter Hausarbeit oder schlecht bezahlter Lohnarbeit.« Der fehlende Lohn für Hausarbeit könne als »Einfalltor für die Frauenbewegung dienen«. In diesem Sinne soll der Marxismus für Haug ein Werkzeug sein – mit der Fähigkeit zur Anpassung. Den italienischen marxistischen Philosophen Antonio Labriola möchte die 83jährige aus der Vergessenheit holen, da er ihrer Ansicht nach begriffen habe, wie wichtig eine »Philosophie der Praxis« ist, auf der Grundlage eines Arbeitsbegriffs, »der nicht auf Lohnarbeit begrenzt ist«. Für die Feministinnen und ihre Befreiung sei dies von großer Bedeutung.

Der Mann hätte wohl auch der politischen Philosophin Silvia Federici zugestimmt. Die feministische Aktivistin wuchs in einem kommunistischen Dorf in Italien auf, erzählte sie bei der Konferenz. Deshalb sei sie mit den Marx-Thesen sehr früh vertraut gewesen. »Marx’ Denken ist immer noch grundlegend, um zu verstehen, was schiefläuft in den kapitalistischen Gesellschaften«, sagt sie. »Gleichzeitig muss aber auch die soziale Reproduktion ins Zentrum gerückt werden.« Für sie sei in ihrer Arbeit immer wichtig gewesen, »den Fokus von der Produktion auf die gesamte Reproduktion zu legen«. Der Marxismus kann als eine Art roter Faden genutzt werden, sagt Federici. Allerdings ist sie der Auffassung, dass der Kapitalismus die Menschen in keinster Weise hin zu einem späteren Sozialismus führen kann. »Der Kapitalismus produziert einzig und allein Zerstörung«, sagte sie, »und führt zur Spaltung der Ausgebeuteten.« Deshalb finde sie die Befreiungskämpfe in den antikolonialen Bewegungen sowie die Aufstände und den Widerstand indigener Völker interessant.

Weitere Foren behandelten Themen wie feministische Streiks im Baskenland oder die Herausforderungen und die Analyse des zeitgenössischen Feminismus. Es ging aber beispielsweise auch um »Aufstände im Nahen Osten und in Nordafrika, die ›Metoo‹-Bewegung und ihre Herausforderungen für den marxistischen Feminismus«. In jedem Vortrag präsent waren die Beziehungen zwischen Kapitalismus und Patriarchat, die Krisen der reproduktiven Arbeit und die globale Krise. Aktivistinnen aus dem globalen Süden waren ebenfalls an der dreitägigen Veranstaltung beteiligt.

Dies ist nur ein kleiner Einblick in zwei volle Tage mit spannenden Workshops und Vorträgen. Videomitschnitte der Beiträge der bekanntesten Feministinnen können noch auf der Facebook-Seite der Veranstaltung unter »Marxfem Conference ’21« abgerufen werden. Die nächste internationale marxistisch-feministische Konferenz soll 2023 in Warschau stattfinden.

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