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Aus: Ausgabe vom 19.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Subkultur

»Mit dem Humor ist es in der Szene nicht weit her«

Über den Reiz des Rockerlebens, lesende Rechte, erfundene Religionen und gute Witze. Ein Gespräch mit Michael Ahlsdorf
Von Frank Willmann
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»Ironie musste ich oft für mich behalten«: Echte Rocker lachen nicht

Wo sind denn nur all die Rocker hin, die noch vor zehn Jahren mit ihren bunten Westchen grimmig durch Deutschland cruisten?

Corona hat uns alle in einen überlangen Winterschlaf geschickt. Der war für die Szene vielleicht auch ganz heilsam, um einige Überhitzungen der letzten Jahre abzukühlen.

Gehen wir recht in der Annahme: Der wahre Rocker putzt am Wochenende sein Motorrad, trinkt mit den Rockerkollegen ein Bier, streichelt daheim seinen Hund und lässt sich von Frau Rocker die Pantoffeln reichen?

Es ist eine von vielen Stufen der Erkenntnis, dass der andere auch nur ist, wie man selbst. In Hegels »Phänomenologie des Geistes« fällt das unter das Kapitel »Das Böse und seine Verzeihung«. Damit ist die Erkenntnis aber noch längst nicht abgeschlossen, wie dialektisch geschulte Menschen wissen. Die ganze Wahrheit ist immer noch ein bisschen mehr.

Was hat für Sie den Reiz des ­Rockerlebens ausgemacht?

Was den Reiz ausmachte, merke ich jetzt mit aller Deutlichkeit: In der Blase der Rockerszene blieb ich lange Jahre verschont vor all den Auswüchsen der politischen Korrektheit in der bürgerlichen Welt.

Als Chefredakteur des Magazins Bikers News, einer Art Hauspostille aller deutschen Rocker, mussten Sie Ihre Klientel bedienen?

Mit Kritik musste ich sehr vorsichtig sein, wenn die Gefahr bestand, dass ich anderen damit schade. Bedrohte Clubs kriegten zum Beispiel nur noch mehr Ärger, wenn ich ihre Bedrohung öffentlich machte.

Und stimmt, Ironie musste ich oft für mich behalten. Bei einem Hells Angel entdeckte ich im Sommer mehrfach verbrannte Waden, immer an derselben Stelle, innen links. Das zieht man sich zu, wenn man Harley fährt, weil an der Stelle die Auspuffkrümmer glühen. »Warum aus Fehlern lernen?« dachte ich angesichts der vielfachen Verbrennungen, aber das musste ich nun mal für mich behalten.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch über einen Besuch bei Dresdner Rockerbuben, alles Glatzen, rechte Gesinnung, mit einem konnten Sie immerhin über Ernst Jünger diskutieren. Wie können wir das einordnen?

Wenn Sie die Texte der Rechtsintellektuellen vor 1933 lesen, werden Sie feststellen, dass diese Texte sprachlich und inhaltlich viel lebendiger waren als die der Linken unter dem sich ausbildenden Stalinismus. Darüber war ich mir mit einer Dresdener Glatze einig. Der Mann war immerhin kein ganz Doofer.

Ich war damals selbst ein Linker, zehn Jahre vorher hatte ich im schwarzen Block der Westberliner Autonomen noch Steine geschmissen. Aber wir konnten in Dresden offen über unsere Meinungen diskutieren. Sobald man in der Rockerszene unterwegs ist, wird die Politik zu einem jenseitigen Paralleluniversum, über das man sich nicht streitet.

Auch die Modemarke Thor Steinar sei gerade in Kreisen jüngerer Rocker recht beliebt gewesen. Weil man als Berufsprovokateur sein Standing halten muss? Oder weil rechter Scheiß heißer Scheiß ist?

Als ein Migrant im Mongols MC an einem anderen ein Thor-Steinar-Label entdeckte, meinte er nur: »Geil, hab’ isch auch!« Das hat wohl echt was mit Berufsprovokation zu tun.

Spielten die Ihnen bekannten Rocker auch mit linken Codices?

Politik ist ein jenseitiges Paralleluniversum. Wir selbst hatten in der Bikers News in den späten Neunzigern die Initiative »Biker gegen rechts« ins Leben gerufen. Sie fand nicht viel Anklang.

Dass man wiederum Emblematiken aus der rechten Ecke bevorzugt, hat eher was mit dem Vorbild der US-amerikanischen Szene zu tun, die ja heiß auf alles mit SS-Runen ist. Auch das hat eher was mit Berufsprovokation zu tun, in den USA aber sicher auch mit politischer Gesinnung. Die deutschen Rocker sind da etwas reflektierter, einen echten Nazi werden Sie unter deutschen Rockern so schnell nicht finden.

Wieso schossen in den 2000er Jahren plötzlich migrantische Rockervereine aus dem Boden?

Die deutschen Rocker waren alt geworden, oft nicht mehr in der Lage, sich zu prügeln. In der deutschen Jugend war kaum Nachwuchs zu finden, man macht ja nicht das, was die Väter machen. Die Migranten dagegen hatten eine Affinität zum Kult um Männlichkeit und Bruderschaften. Da fanden sich zwei Szenen, die vorher aneinander vorbeigelebt hatten.

Rocker schwören gern auf heilige Farben, Freundschaft bis in den Tod, keine Macht den Drogen. Haben diese Schwüre irgend etwas mit der Wirklichkeit zu tun?

Schwüre sind ein Vorsatz. Die Jungen Pioniere gelobten, stets unerschrocken für den Sieg des Sozialismus in unserem Lande einzutreten. Grundsätzlich finde ich den Gedanken, dass etwas heilig und eines Schwures würdig sein kann, nicht schlecht. Auch aus dem Grund liebte ich die Rockerszene.

Es ist obendrein ein ziemlich nietzscheanischer Gedanke, sich seine Religion selbst zu erfinden. Ein Rockerclub ist eine selbst erfundene Religion. Manchmal funktioniert das für ein ganzes Leben, manchmal funkt die Wirklichkeit dazwischen, und nach Nietzsche muss man sich dann eine neue Religion erfinden.

Sie werfen in Ihrem Buch diversen Medien vor, den reißerischen Begriff »Rockerkrieg« für ein paar kleine Morde unter Freunden erfunden zu haben, benutzen ihn aber für Ihre Erinnerungen selbst?

Richtig. Ich hätte mir für mein Buch auch einen anderen Titel gewünscht. Aber hätten Sie es dann gekauft? Das ist die Dialektik des Marktes, Genosse! Und wie der sogenannte Rockerkrieg wirklich war, ob er überhaupt ein Rockerkrieg war, das lesen Sie nun in meinem Buch.

Gehören für Sie Tote zum Rockerleben wie die unbefleckte Empfängnis zum Christentum?

Wenn man sich auf ein Leben unter eigenen Gesetzen einlässt, dann gehört womöglich der Tod dazu. Auch auf dem Motorrad ist man dem Tod näher, und man weiß das. Deshalb fährt man ja Motorrad. Der Tod eines professionellen Rennfahrers wird in der Öffentlichkeit wie ein Staatsakt gefeiert, dabei kommt er doch nicht überraschend.

Was ist Ihr liebster Rockerwitz?

Das ist die beste Frage, und ich muss gestehen, ich kenne bis heute keinen guten Witz, der spezifisch in der Rockerszene spielt. Wir hatten es ja schon, mit dem Humor ist es in der Szene nicht weit her, und insofern fand ich die Szene des Hells Angels mit den verbrannten Waden für sich selbst ganz witzig.

Der Witz von dem Motorradfahrer, der Fliegen zwischen den Zähnen hat, weil ihm bei 160 Sachen ein Witz eingefallen ist, spielt leider in der übergeordneten Szene der Motorradfahrer und nicht ausschließlich unter Rockern. Man hat ihn sich aber auch unter Rockern gerne erzählt!

Michael Ahlsdorf war von 1999 bis 2015 Chefredakteur der Zeitschrift Bikers News. Mit »Auf heißem Stuhl im Rockerkrieg« (Hannibal-Verlag, 2021) hat er eine Art Memoir vorgelegt

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