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Aus: Ausgabe vom 19.11.2021, Seite 2 / Inland
Antideutsche Strukturen

»Der Antrag auf Auflösung wurde zunächst vertagt«

Im Studierendenrat der Universität Halle wird über den Arbeitskreis Antifaschismus gestritten. Ein Gespräch mit Amelie Winock
Interview: Nico Popp
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Audimax der Universität Halle (17.11.2020)

An der Universität Halle betreiben derzeit drei Hochschulgruppen mit linkem Selbstverständnis – die Jusos, die Grüne Hochschulgruppe und die Offene Linke Liste – die Auflösung des beim Studierendenrat angesiedelten Arbeitskreises Antifaschismus. Was ist da los?

Den Arbeitskreis gibt es seit 27 Jahren. Er veranstaltet Vorträge, Diskussionen, Seminare, Filmvorführungen usw. und ist mit antifaschistischen Aktiven eng vernetzt. Er hat einen Haushalt, den der Studierendenrat bewilligt, und kann Räumlichkeiten an der Uni mietfrei nutzen. Mitte September hatte der Arbeitskreis einen Vortrag organisiert, bei dem die Referentin und der Referent einen kritischen Blick auf die Gendertheorie von Judith Butler und einige Tendenzen in den damit zusammenhängenden Debatten geworfen haben. Schon einige Tage vorher war absehbar, dass das auf Widerstand stoßen würde. Der Vortrag fand auf dem Hof eines linken Hausprojekts in Halle statt. Davor gab es dann eine Kundgebung. Auch im Publikum saßen einige Leute, denen es nicht passte, dass der Vortrag überhaupt stattfand. Das war ein sehr angespannter Abend mit unschönen Szenen bis hin zu Gewaltandrohungen. Es wurde da schon gefordert, den Arbeitskreis aufzulösen.

Wie wurde das inhaltlich begründet?

Uns wurde und wird Transfeindlichkeit und Sexismus vorgeworfen, was völliger Humbug ist. Es gab bedauerlicherweise von Anfang an keine richtige Diskussion. Um eine solche anzustoßen und um deutlich zu machen, dass wir uns nicht einfach das Wort verbieten lassen, haben wir dann Mitte Oktober einen weiteren Vortrag veranstaltet. Dabei wurden homophobe und frauenfeindliche Tendenzen innerhalb der queerfeministischen Szene thematisiert. An diesem Abend gab es eine kontroverse, durchaus interessante Debatte. Aber dann kam dieser Auflösungsantrag.

Wie wird darin argumentiert?

Viele Argumente gibt es da gar nicht. Uns wird mehr oder weniger offen vorgeworfen, dass wir nur Theoriearbeit machen und keine Demonstrationen organisieren. Und es kommen die schon genannten Anschuldigungen mit Blick auf die Vorträge. Es heißt, wir würden marginalisierte Personengruppen bewusst herabwürdigen – was einfach nicht stimmt – und unser »Fehlverhalten« nicht einsehen.

Nicht in dem Auflösungsantrag, aber in der Debatte drumherum wird ein weiterer Aspekt thematisiert: Bei Veranstaltungen des Arbeitskreises Antifaschismus würden seit Jahren fast ausschließlich Positionen einer antideutschen Strömung artikuliert, die sich auf eine weithin entpolitisierte Ideologiekritik und eben auch auf Feminismuskritik verlegt hat. Prügeln hier also schlicht Reste der in Halle noch lebendigen antideutschen Szene und Freunde der Gendertheorie aufeinander ein? Und der Antifaschismus ist ein zufälliger, im Grunde austauschbarer Rauchvorhang?

Dass wir uns aus der Politik verabschiedet hätten, sehe ich nicht so. In einem der genannten Vorträge wurden etwa Elemente der Gendertheorie als Vorschein des Neoliberalismus analysiert. Es wäre wohl gar nicht zu dieser Auseinandersetzung gekommen, wenn wir nicht die gendertheoretische Spielwiese der Antragsteller betreten hätten.

Das bestätigt ja den Eindruck, dass der Arbeitskreis Antifaschismus zwar der institutionelle Streitgegenstand ist, es hier aber nicht um einen greifbaren Dissens der beteiligten Parteien beim Thema Antifaschismus, sondern beiderseits um andere Dinge geht. Welche Aussichten hat der Auflösungsantrag?

Leider sehr gute, aber wir haben noch die Hoffnung auf einen versöhnlichen Ausgang. Die drei Gruppen haben die Mehrheit im Studierendenrat. Am Montag wurde der Antrag zunächst vertagt. Eine bislang unbeteiligte Hochschulgruppe hat eine Mediation vorgeschlagen.

Wie schätzen Sie den politischen Inhalt dieser Auseinandersetzung ein?

Ohne Zweifel kann man eine Tendenz hin zu einem Genderaktivismus feststellen, der zur Ideologie erstarrt und sich offensiv gegen jegliche Art von Kritik abschließt. Es gibt einen Feminismus, der sich auf Gendertheorien stützt. Es gibt aber auch einen genderkritischen Feminismus. Wenn dieser im Rahmen einer linken Debatte nicht mehr vertreten werden darf, ist das ein ernstes Problem. Zumal dann, wenn versucht wird, die Strukturen, die man als Gegner ausgemacht hat, einzuschüchtern und zu zerstören.

Amelie Winock ist Sprecherin der Antifaschistischen Liste an der Universität Halle und aktiv im Arbeitskreis Antifaschismus des Studierendenrats

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