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Aus: Ausgabe vom 17.11.2021, Seite 10 / Feuilleton

Ritter, Adam

Von Jegor Jublimov
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Profilierte Charakterdarstellerin: Gudrun Ritter (in »Boxhagener Platz«, 2010)

»Sentimentalität zu zeigen, Gefühle loszupulvern – mag ich nicht. Weder persönlich noch beim Spielen«, stellte Gudrun Ritter mal im Filmspiegel fest und hat damit das Geheimnis ihres intensiven Spiels benannt, das man von ihr seit über 60 Jahren kennt. Kaum hatte die ehemalige Puppenspielerin aus dem Erzgebirge 1959 die Leipziger Theaterhochschule absolviert, holte sie Intendant Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater Berlin, wo sie für fünf Jahrzehnte auftrat – zuletzt als geschätzter Gast. Damals stand sie auch erstmals vor der Kamera. Für den DFF gab sie die Luise in »Kabale und Liebe« neben dem 2021 verstorbenen Hansdieter Neumann als Ferdinand. Bei der Defa war sie gleichzeitig für eine Hauptrolle in »Verwirrung der Liebe« im Gespräch, aber Regisseur Slatan Dudow erschien sie nicht lieblich genug: »Schauspielerisch tadellos. Aber leider sehen Sie nicht aus. Warten Sie ab – Ihre Zeit kommt noch.« Tatsächlich entwickelte sich die Ritter im Laufe der Jahre zu einer exzellenten Charakterschauspielerin, und heute, obwohl sie am Dienstag schon 85 wurde, zählt sie zu den eindrucksvollsten Darstellerinnen älterer Damen. Eine junge Bäuerin in »Tiefe Furchen« war 1965 an Erwin Geschonnecks Seite ihre erste Hauptrolle im Film, aber sie übernahm auch immer wieder markante Nebenrollen, nicht selten Lehrerinnen, etwa in »Erscheinen Pflicht« (1984), »Coming Out« (1989) und »Verbotene Liebe« (1990). Eine ihrer schönsten Aufgaben war 1989 neben Kurt Böwe die spröde Arztwitwe in dem historischen Zweiteiler »Späte Ankunft«, eine weitere 1990 die krebskranke Maria in Siegfried Kühns »Heute sterben immer nur die anderen«. Matti Geschonneck stellte sie 2010 als Oma Otti in den Mittelpunkt der Romanadaption »Boxhagener Platz«.

Einige Male stand Gudrun Ritter auch in Szenerien, die Dieter Adam entworfen hatte, beispielsweise 1998 in der »Tatort«-Folge »Der zweite Mann«. Adam, der am Freitag vor 90 Jahren in Worms geboren wurde, arbeitete nach einem Architekturstudium in Berlin ab 1955 als Szenograph und Filmarchitekt für die Defa. Die Ausstattung von Filmen über Themen der jüngsten deutschen Geschichte wurde seine Spezialität, etwa die der beiden Liebknecht-Filme »Solange Leben in mir ist« (1965) und »Trotz alledem!« (1971/72) oder von »Die Fahne von Kriwoj Rog« (1967), »KLK an PTX – Die Rote Kapelle« (1971) und »Die Verlobte« (1980). Doch auch die realistische Gestaltung von Gegenwartsfilmen lag ihm am Herzen, damit sich Zuschauer wiedererkennen konnten. In den Filmen »Karla« (1965/89), »Liebe mit 16« (1974) und »Bürgschaft für ein Jahr« (1981) war er Regisseur Herrmann Zschoche ein unentbehrlicher Partner. Zusammen entwarfen sie ein soziales Profil der jeweiligen Helden, um herauszuarbeiten, wie jemand zu dem wird, was er darstellt. Mit Zschoche gestaltete Adam auch 1984/85 einen seiner schönsten Kostümfilme: »Hälfte des Lebens« mit Ulrich Mühe als Hölderlin.

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