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Aus: Ausgabe vom 16.11.2021, Seite 8 / Ansichten

Schilda und Pandemie

Chaos im Gesundheitswesen
Von Arnold Schölzel
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Demonstration von Pflegekräften in Hannover (10.11.2021)

Schilda liegt laut Eigenwerbung der früher selbständigen Stadt Schildau in Sachsen. Parallel zu deren Herabstufung zum Ortsteil vollzog sich der Aufstieg Schildas zum Staatssyndrom. Ein Beispiel: Regnete es dort einst in Häuser ohne Dach hinein, gründeten die Bürger ein Komitee, das die Ursachen erforschen sollte. Aufs vergangene Jahrzehnt einschließlich Pandemie übertragen: Das Offensichtliche ist im Imperialismus selbstverständlich das Fernliegendste, das keiner vom politischen Personal der Finanz- und anderen Monopole aussprechen darf. Der Vorschlag, vom Kapital, dessen Macht und von deren Einschränkung oder gar Überwindung zu reden, hat hierzulande ungefähr die Wirkung wie in Schilda der, das Dachdecken einzuführen.
Dabei kam im ersten Chaos der Pandemie Anfang 2020 selbst in liberalen Blättern hierzulande die Ahnung auf, die sogenannte Coronakrise habe damit etwas zu tun, dass das Gesundheitswesen unterm Profitdiktat gegen die Wand gefahren worden war. Was sind ein paar geldgierige Maskenhändler im Vergleich zu Asklepios, Helios, zu Fallpauschale und systematischer Unterbezahlung von Pflegekräften? Die einen greifen höchstens ein paar Millionen Euro ab, bei den anderen geht es um Milliarden. Es ist wie beim Verhältnis vom Drogendealer zum staatlich betreuten Einschleusen von Kokain. Den einen beißen die Polizeihunde, die anderen sind High Society und haben Macht. Acht Milliardäre besitzen soviel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Nach den Ursachen des offensichtlichen Verbrechens, das mit Waffen, Gewalt und Krieg herrscht, wird angeblich geforscht.

Also setzte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Montag im Berliner Schloss Bellevue dafür ein, »vorsichtig mit dem Krisenbegriff« umzugehen »und nicht ständig die Rede vom Staatsversagen« zu pflegen. Der Mann hat recht. Dem kapitalbedingten Versagen des Gesundheitswesens entspricht der Machtzuwachs des Repressionsapparates. Dort wird das Anschauungsmaterial, das durchs Verordnungschaos der Pandemiebekämpfung frei Haus geliefert wird, eingehend studiert: Die weit überwiegende Mehrheit der Bundesbürger hält Ruhe für die erste Pflicht. Die Gegner der Verordnungen sind derart wirr oder so weit nach rechts gedriftet, dass Mord zur Nebensache und ein 20jähriger wegen Aufforderung zum Maskentragen erschossen wird. Den Teufel spürt das Völkchen nie, selbst wenn er es am Kragen hätte. Es verwechselt eine Ausnahmesituation, in der geimpft wird, mit einem Ausnahmezustand, in dem von Staats wegen geschossen wird. Schilda hat die Regierung, die es verdient.
Daher: Kraft und Ausdauer allen, die für höhere Einkommen in der Pflege und für gute Personalschlüssel streiken. Die Forderung nach Vergesellschaftung im Gesundheitswesen und der Pharmaindustrie fügt sich nahtlos an.

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