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Aus: Ausgabe vom 16.11.2021, Seite 7 / Ausland
Jemen

Kriegskoalition auf Rückzug

Jemen: »Regierungstruppen« ziehen aus Hodeida ab. Übernahme Maribs durch Ansarollah immer wahrscheinlicher
Von Wiebke Diehl
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Auf dem Vormarsch: Ein Ansarollah-Kämpfer im Bezirk Al-Dschuba in der Provinz Marib (2.11.2021)

In der südjemenitischen Stadt Hodeida am Roten Meer ist es am Samstag abend zu Zusammenstößen zwischen Kämpfern der Ansarollah (»Huthis«) und Streitkräften der seit über sechs Jahren nicht mehr demokratisch legitimierten »Regierung« von Abed Rabbo Mansur Hadi sowie der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gekommen. Auch Kampfflugzeuge der von Saudi-Arabien angeführten Kriegskoalition griffen die Al-Fasa-Region im Süden der bedeutenden Hafenstadt an, wo die Kämpfe nach Angaben von Augenzeugen bis Mitternacht anhielten.

Die Zusammenstöße hatten nach einer überraschenden Ankündigung der »Regierungstruppen« und der VAE, sich aus der umkämpften Stadt zurückzuziehen, begonnen. Die UN-Beobachtungsmission in der Stadt erklärte, über den Rückzug nicht vorab informiert worden zu sein. Sie war im Rahmen des Stockholm-Abkommens von 2018, in dem sich die Kriegsparteien auf einen Gefangenenaustausch und auch auf einen Waffenstillstand in Hodeida geeinigt hatten, eingesetzt worden. Trotz des Abkommens ist es in den vergangenen Jahren regelmäßig zu Kämpfen bei Hodeida gekommen. Die Kriegskoalition bombardierte auch immer wieder die Stadt selbst, obwohl diese im Rahmen des Abkommens von den Vereinten Nationen zur »neutralen Zone« erklärt worden war. Dabei wurden auch Produktionsfirmen für Lebensmittel, Wohnquartiere für dort beschäftigte Arbeiter sowie Getreidelager getroffen. Aufgrund der in den vergangenen Monaten wieder intensivierten Kämpfe um Hodeida sind nach Angaben der UNO mehr als 6.000 Menschen vertrieben worden.

Für die Ansarollah ist die Stadt von besonderer Bedeutung, weil über den Hafen bereits vor dem Krieg 70 Prozent der jemenitischen Lebensmittel eingeführt wurden. Wegen der durch Saudi-Arabien verhängten Blockade und des daraus resultierenden Treibstoffmangels ist die Einfuhr von Gütern, darunter auch Medikamente und medizinisches Gerät, allerdings ex­trem erschwert worden.

Zu den Zusammenstößen vom Samstag abend kam es nach Aussagen von »Regierungsmilitärs« gegenüber AFP, nachdem die Ansarollah versucht hätten, Stellungen in weiterhin von der »Regierung« kontrolliertem Gebiet einzunehmen. Die Ansarollah, die seit Monaten auch in der strategischen öl- und gasreichen Stadt Marib und der angrenzenden, ebenfalls rohstoffreichen Provinz Schabwa auf dem Vormarsch sind, hatten zuvor die von der »Regierung« und den VAE verlassenen Positionen im Süden Hodeidas eingenommen.

Zudem hat die Kriegskoalition offensichtlich einen als »Truppenverlegung« bezeichneten Rückzug von einer der bedeutendsten Militärbasen in Aden angetreten. In einem am Samstag von France 24 TV ausgestrahlten Interview legte der saudische Außenminister Prinz Faisal bin Farhan Al Saud aber Wert darauf zu betonen, die Unterstützung des Königshauses und seiner Truppen für die jemenitische »Regierung« und die Koalitionskräfte bleibe weiter stabil.

Beobachter sind sich hingegen einig, dass Riad einen Ausweg aus dem selbstverschuldeten Jemen-Debakel sucht. Der sich abzeichnende Verlust der Stadt Marib und der gleichnamigen Provinz sowie möglicherweise auch der Provinz Schabwa wäre gleichbedeutend mit einer endgültigen Niederlage im seit über sechs Jahren anhaltenden Krieg, von dem der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman im März 2015 behauptet hatte, er werde nur wenige Wochen andauern. Die Vereinten Nationen hatten die Kriegsfolgen für den Jemen seitdem als die größte humanitäre Krise unserer Zeit bezeichnet. Marib ist im Ansarollah-kontrollierten Norden die letzte Hochburg der »Regierung«. Es wäre ein perfekter Ausgangspunkt für Eroberungszüge im Süden des Landes bis hin zur Hafenstadt Aden, dem derzeitigen Sitz der »Regierung« Hadis und des von den VAE unterstützten separatistischen Südübergangsrats. In Marib haben von der Kriegskoalition aus der Luft unterstützte, aber auch mit Terrorbanden wie Al-Qaida kooperierende »Regierungstruppen« zuletzt bedeutende Landverluste erlitten. Die Übernahme der Stadt durch die Ansarollah scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

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