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Aus: Ausgabe vom 16.11.2021, Seite 5 / Inland
Union-Busting

Unruhe unerwünscht

Leipzig: Pizzafahrer wehren sich gegen Geschäftsleitung von Domino’s. Druck auf Mitglieder gewerkschaftlicher Betriebsgruppe
Von Benjamin Kirchhoff
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Lassen sich nicht ausbremsen: Domino’s-Fahrer organisieren sich erfolgreich gegen schlechte Arbeitsbedingungen in der Lieferbranche

Direkt gegenüber der Leipziger DGB-Zentrale toben gewerkschaftliche Kämpfe in einer Filiale des größten Pizzaunternehmens der Welt. Die Basisgewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) hat hier über Monate die Betriebsgruppe »Dominoeffekt« aufgebaut. Die Mitglieder organisieren sich erfolgreich gegen schlechte Arbeitsbedingungen in der Lieferbranche. Nach zähen Auseinandersetzungen mit dem Management konnten sie zum Beispiel für alle Beschäftigten den Anspruch auf bezahlten Urlaub durchsetzen. »Deswegen sind wir der Geschäftsleitung auch ein sehr großer Dorn im Auge, und diesen würde sie gerne loswerden«, so der Fahrer Aaron Schmidt (Name geändert) am Montag im jW-Gespräch.

Zusammen mit seinen Kollegen wirft er den Geschäftsführern der Effekt GmbH, der lokalen Franchisenehmerin von Domino’s, systematische Verstöße gegen das Arbeitsrecht vor: »Dieses Unternehmen unterschreitet bewusst gesetzliche Mindeststandards und beschneidet die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer«, kritisierte Schmidt. »Minijobbenden wird dort beispielsweise die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall verwehrt, obwohl sie darauf einen Anspruch haben.«

Die Chefs, Peter Plaschke und Josephine Willing, würden die Beschäftigten bewusst und vorsätzlich einschüchtern, sollten die auf ihren Urlaubsanspruch und die Mindestarbeitszeit bestehen, so der Teilzeit-Rider Frank Lehmann (Name ebenfalls geändert). Er wurde Anfang Oktober selbst unter dem Deckmantel einer Abmahnung von der Filiale Leipzig Süd in eine andere versetzt. Begründung der Chefin: Er bringe durch seine vermutete gewerkschaftliche Aktivität Unruhe in den Laden.

Auch Schmidt wurde im Juli wegen der Forderung nach Coronaschnelltests aus dieser Filiale mit renitenten Beschäftigten an eine Arbeitsstätte an den Stadtrand versetzt. Dort sperrte die Storemanagerin ihm anfangs gleich den Zugang zum Arbeitschat, um ihn von den anderen Mitarbeitern zu isolieren. Bei einem Feierabendbier mit seinen neuen Kollegen gelang es ihm aber, die Kämpfe der Betriebsgruppe vorzustellen. Davon hatte Willing erfahren und reagierte umgehend mit einer Reduzierung seiner Arbeitszeit und damit seines Lebensunterhalts.

Die Geschäftsführerin des größten Franchiseablegers von Domino’s Deutschland und Herrin über mehr als dreihundert Beschäftigte begründete ihre gewerkschaftsfeindliche Entscheidung ganz freimütig per E-Mail. In dieser heißt es: »Aufgrund deiner Gedanken, dass wir dich einschüchtern oder ausbeuten würden, werden wir deine Stunden reduzieren. Wir wollen nicht, dass Mitarbeiter mit solchen Gefühlen durch die Gegend rennen und andere Leute aufhetzen. Wir werden dich befreien und deine Stunden Stück für Stück reduzieren. Wir sind nicht verpflichtet, deine Stunden zu halten. Du bist Minijobber.« Diese unrechtmäßige Stundenreduktion wurde erst nach einem Widerspruch des organisierten Gewerkschafters wieder zurückgenommen.

Die FAU-Betriebsgruppe unterstützt die Kollegen bei diesen individuellen Auseinandersetzungen mit der Geschäftsführung und macht auf die vielen Probleme in den neun Domino’s-Stores in Leipzig aufmerksam. So konnte sie beispielsweise durchsetzen, dass die Arbeitskleidung der Pizzaboten regelmäßig gereinigt wird. Allerdings »werden die besonders dicken Roller- und Fahrradjacken bis jetzt nicht gewaschen, und so riechen die auch«, betonte der professionelle Rollerfahrer Schmidt. Die Bosse der Effekt GmbH verweigerten nach einer jW-Anfrage die Stellungnahme zu den Vorwürfen ihrer Fahrer.

Auch gemeinsame öffentliche Aktionen organisierten die Betriebsaktivisten. Erst am 7. November hatten sich 150 Kollegen und Unterstützer zu einer Kundgebung vor dem Laden nahe dem gewerkschaftlichen »Volkshaus« versammelt, um gegen die Schikanen der Geschäftsführung zu protestieren. Sie forderten von Domino’s Deutschland und den Geschäftsführern der Effekt GmbH ein ernsthaftes Gespräch, um das Union-Busting, Mobbing, Arbeitsrechtsverstöße, pauschale Lohnabzüge und die Überwachung der Mitarbeiter zu beenden. »Wenn die Forderungen nicht erfüllt werden, sind wir gezwungen, weiter öffentlichen Druck zu machen«, betonte Schmidt kämpferisch. Dies sei auch ein erster Schritt, um zusammen mit den Kunden und Kollegen die Arbeitsbedingungen in der gesamten wachsenden Lieferbranche langfristig zu verbessern, so der Beschäftigtenvertreter.

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  • Leserbrief von Hans-Werner Stein aus Niederkruechten (16. November 2021 um 18:43 Uhr)
    So lange hier durch die Konsumenten diese Ausbeutung der Beschäftigten gefördert wird, so lange wird sich an deren Situation nichts ändern. Dieser Arbeitgeber muss boykottiert werden!

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