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Aus: Ausgabe vom 16.11.2021, Seite 12 / Thema
Beschäftigung und Technik

Beratung 4.0

Während die Sozialarbeit selbst digitalisiert wird, soll sie sich gleichzeitig um die Folgen der Digitalisierung kümmern. Eine doppelte Zumutung
Von Christof Beckmann und Peter Schadt
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Sozialarbeiter bei der Onlineberatung? In der sozialen Arbeit hält die Digitalisierung Einzug (Aufnahme von der Gamescom in Köln, 22.8.2017)

In den letzten Jahren hat die Publikationsdichte zur Digitalisierung der Sozialen Arbeit enorm zugenommen. Dabei wird schnell deutlich, dass sich sowohl die Methoden als auch die Felder der Sozialen Arbeit ziemlich grundlegend verändern werden. In den Alten- und Krankenhäusern steht die »ePflege« an: Sie beginnt mit der Digitalisierung der Patientenakten und technischen Hilfsmittel und der Beschäftigung der invaliden Insassen bei gleichzeitig immer knapperer Kalkulation mit Pflege- und sonstigem Personal. Sie geht weiter mit Onlineberatungen, Podcasts als neuem Medium für die Bildung und den sozialen Medien als neuen Räumen der Kommunikation. Sie endet beim Einsatz von Robotern, die einen Teil der Arbeit und damit immer auch gleich einen Teil der Arbeitskräfte überflüssig machen sollen. Die Digitalisierung hält allerdings auch Einzug in der Kinder- und Jugendhilfe, im Jobcenter, im Bereich der Gesundheitsvorsorge, inner- wie außerhalb des Betriebs, in der offenen Hilfe – kurz: Alle Bereiche der Sozialen Arbeit stehen vor einschneidenden Veränderungen.

Von Jugendarbeit bis Jobcenter

Die meisten bisher veröffentlichten Arbeiten konzentrieren sich dabei auf die neuen Methoden und Felder der Sozialen Arbeit, die durch die digitalen Techniken zugänglich gemacht werden. Die politökonomische Entwicklung Deutschlands wird dabei als »Rahmen« betrachtet, der die »Handlungsspielräume« für die Soziale Arbeit definiert. Gemeinsam ist damit den meisten bisherigen Ansätzen in der Forschung, die Digitalisierung und die Soziale Arbeit so zusammen zu denken, dass die neuen digitalen Techniken als Mittel der Sozialen Arbeit betrachtet werden. Dabei wird differenziert zwischen neuen Feldern, welche das Mittel eröffnet, sowie alten Feldern, für die es neue Zugänge gibt. Diese Ansätze umfassen verschiedenste Bereiche: Von der Nutzbarmachung der Plattformökonomie über digitale Angebote im Jobcenter und die Anwendung digitaler Technik in den Kommunen liegen hier bereits diverse Artikel vor. Damit ist aber nur eine Seite der Veränderungen erfasst, welche die Soziale Arbeit gerade erlebt. Es folgt ein systematischer Blick auf das, was wir die »doppelte Digitalisierung« der Sozialen Arbeit nennen.

Der Schwerpunkt der meisten Artikel und Aufsätze, die sich mit der Digitalisierung der Sozialen Arbeit beschäftigen, liegt auf den neuen Möglichkeiten, Feldern und Herausforderungen der Sozialen Arbeit, »von digitalen Beteiligungschancen bis Gewalt im Netz«.¹ Die Soziale Arbeit wird hier als aktiver Part verstanden, der sowohl die neuen digitalen Techniken auf klassische Felder der sozialen Arbeit anwendet wie auch neue digitale Felder zu bearbeiten und zu erschließen hat. Eine dritte Perspektive, die sich unmittelbar mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Soziale Arbeit bezieht, sind Aufsätze, die sich mit den sich verändernden Anforderungen und Arbeitsbedingungen der Sozialarbeiter beschäftigen.

Sowohl Beratungsgespräche als auch die pädagogische Betreuung von Jugendlichen sind klassische Felder der sozialen Arbeit. Unter der Digitalisierung der Sozialen Arbeit wird in diesem Zusammenhang von Onlineberatung in verschiedenen Kontexten sowie der Nutzung von digitalen Medien in der Kinder- und Jugendarbeit gesprochen.² Ebenfalls in diese Kategorie gehören Veränderungen in der Pflege, so zum Beispiel der mögliche Einsatz von Pflegerobotern³ oder die Möglichkeiten einer digitalen Verwaltung in den Kommunen.⁴

Oft in direktem Zusammenhang zu der Bearbeitung der klassischen Felder der Sozialen Arbeit mit den neuen Techniken wird darauf verwiesen, dass so auch ganz neue Felder entstehen. Zum Beispiel werden mit Podcasts ganz neue Formen der Bildungsarbeit erschlossen.⁵ Auch die oben bereits genannte Durchführung von Onlineberatungen hat jene Tendenz, selbst neue Felder zu eröffnen: Die sozialen Medien werden als sozialer Raum beschrieben, in dem »Cybermobbing« und »Hatespeech« die Aufmerksamkeit der Sozialen Arbeit erfordern.⁶ Allgemeiner geht es um die »digitalisierten Lebenswelten« von Kindern und Jugendlichen.⁷

Die Veränderung von Arbeitsbedingungen in der sozialen Dienstleistungsarbeit durch die digitale Technik ist ebenfalls Gegenstand der Untersuchungen. Hier werden sowohl die Substitution von Arbeitsplätzen durch Technik als auch Effekte für das Arbeitsvolumen, die Produktivität und den Lohn angesprochen.⁸ Im Klartext wird also die Soziale Arbeit gemäß dem Zeitgeist »digitalisiert«, was heißt: Auch hier stehen »Autonomisierung, Flexibilisierung und Individualisierung«⁹ im Vordergrund. Auch hier wird nach dem Vorbild der »freien Wirtschaft« versucht, die Arbeitskraft durch den Einsatz der Technik im Verhältnis zur geleisteten Arbeit billiger zu gestalten.¹⁰

Schneller und billiger

Auf diese Weise wird die digitale Technik also als Mittel in der Sozialen Arbeit eingesetzt, um »Kunden« und »Patientinnen« schneller, flexibler und damit vor allem kostengünstiger abzufertigen. Für die Sozialarbeiterinnen selbst stellt sich die Flexibilisierung ihrer Arbeit dar als die ständige Abrufbarkeit für den Arbeitgeber, umgekehrt »darf« der Sozialarbeiter genau dann »flexibel« früher nach Hause oder erst gar nicht zur Arbeit kommen, wenn es in den Dienst- und Personalplan passt. Für die Beschäftigten heißt Flexibilisierung der Arbeit: Wo das Personal flexibel eingesetzt wird, ist kein Wochenende oder Urlaubsplan mehr endgültig, sondern steht immer unter Vorbehalt. Pausen und Freizeit haben sich nach der Arbeit zu richten.

Insgesamt »ist auch in einer auf die Erzielung von Überschüssen ausgerichteten Sozialwirtschaft die wesentliche Funktion digitaler Technologie darauf ausgerichtet, die Arbeitsabläufe zu optimieren und die Arbeitsprozesse zu beschleunigen und insgesamt effektiver zu gestalten. Mittels Digitalisierung sollen auch hier Rationalisierungseffekte erzeugt werden, die angesichts der Bedeutung des Faktors Personalkosten in der Sozialwirtschaft fortlaufend optimiert und gesenkt werden sollen.«¹¹ Durch den Einsatz der digitalen Techniken erweitern sich sowohl die Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit, wie auch die Arbeitsintensität gesteigert wird. Erinnert sei hier daran, dass es sich dabei keineswegs um eine Folge der Technik an sich handelt, sondern um ihre ökonomische Zwecksetzung: Wo »die Digitalisierung« für Verschlechterungen in der Sozialen Arbeit verantwortlich gemacht wird, handelt es sich um die Bedienung eines Scheinsubjektes¹², denn die Technik ist nicht selbst Akteur, sondern Mittel: in diesem Fall für die Kostenreduktion der Sozialarbeit. Der Schluss, wonach »die Digitalisierung« weder Arbeitsplätze schafft noch Arbeiterinnen und Arbeiter entlässt, richtet den Blick auf die Akteure: Es ist noch immer das Privileg derjenigen Konzerne, von deren Wachstum in dieser Gesellschaft alles abhängig gemacht wird, über die Existenz und die Bedingungen von Arbeitsplätzen zu entscheiden. Die neue digitale Technik mag ihnen willkommenes Mittel sein, um ganze Belegschaften durch Roboter zu ersetzen, der Grund für diese Entlassungen ist allerdings in den ökonomischen Kalkulationen und nicht in den Bits und Bytes der Gerätschaften zu suchen. Wo die Soziale Arbeit Länder- oder Kommunensache ist, wird sich an dieser Sorte »Rationalisierung« orientiert, weil die Kosten für die Sozialarbeiterinnen Kosten für den Staat sind, die dieser mit Hilfe digitaler Technik reduzieren will.

Auch wenn die meisten Aufsätze sich hauptsächlich auf das beziehen, was wir die Digitalisierung der Sozialen Arbeit erster Ordnung genannt haben, wird diese meistens eingebettet in eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Digitalisierung: »Seit Anfang des 21. Jahrhunderts stehen disruptive Technologien und innovative Geschäftsmodelle sowie Autonomisierung, Flexibilisierung und Individualisierung in der Digitalisierung im Vordergrund.«¹³ Der Konnex zwischen dieser Digitalisierung erster Ordnung und den oben skizzierten gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen wird in den vorliegenden Arbeiten zum Thema oft nur angedeutet, beides wird in der Regel nicht systematisch aufeinander bezogen. Dabei hat es Soziale Arbeit mit einer Ökonomie zu tun, in der einiges an »Disruptionen« bevorsteht, und im Sinne einer dauerhaft durch sie zu leistenden »aktiven Proletarisierung«¹⁴ kommen so eine Reihe neuer, bzw. alter Aufgaben auf sie zu.

Plattformökonomie

Der Soziologe Philipp Staab konstatiert eine neue Qualität des »digitalen Kapitalismus«: »Der Unterschied macht sich vor allem daran fest, dass wir es im klassischen Kapitalismus, jedenfalls im Prinzip, mit einem System neutraler Märkte zu tun haben, die unterschiedlich vermachtet sind. Im digitalen Kapitalismus haben wir es mit einem System proprietärer Märkte zu tun; mit Märkten in Privatbesitz.«¹⁵ Damit ist der Kern des Begriffs »Plattformökonomie« benannt: Private Firmen wie Amazon werden für den Verkauf von Waren so wichtig, dass kein produzierendes Kapital mehr an diesen digitalen Handelskapitalisten vorbeikommt. So wurden die entsprechenden Kapitale im letzten Jahrzehnt zu den größten der Welt. Auch die Freie Wohlfahrtspflege ist von dieser Plattformökonomie betroffen. Das Verhältnis von Sozialer Arbeit zu diesen neuen Plattformen wird dabei zumeist aus der Sicht der direkten Digitalisierung beschrieben: »Damit stellt sich einerseits die Frage, wie nutzerorientierte Plattformlösungen für die Angebote der Wohlfahrtsverbände aussehen könnten und müssten, um den Anspruch ›nah am Nächsten‹ zu sein, auch in der digitalen Welt einlösen zu können.«¹⁶

Es werden also Schlüsse gezogen, wie die freie Wohlfahrtspflege in der Plattformökonomie sich selbst positionieren und sie für sich anwenden kann. Mit dem Blick auf die doppelte Digitalisierung verändert sich das Bild. Wenn kapitalintensive Unternehmen wie Airbnb durch ihre Plattformen immer mehr Wohnraum in den Innenstädten dem Wohnungsmarkt entziehen, dann wirkt sich das direkt auf Projekte aus, die sozialen Wohnraum schaffen wollen und nun einen übermächtigen Konkurrenten um das knappe Gut haben. Steigende Wohnungsnot und Obdachlosigkeit als mögliche Folge der Zweckentfremdung von Wohnraum als Feriendomizile sind nur eine mögliche Auswirkung.

Der Ansatz der doppelten Digitalisierung kann helfen, um neben den Überlegungen der strategischen Nutzung der Plattformökonomie auch Reflexionen auf die politökonomische Auswirkungen auf Soziale Arbeit zu wenden. Und die sind enorm.

Dass durch die Digitalisierung eine ganze Menge bezahlter Lohnarbeit überflüssig gemacht wird, ist der öffentlichen Debatte schon seit ihrem Beginn zu entnehmen. Dass diese Reduzierung der Arbeit gerade für die Beschäftigten unter die Rubrik »Risiko« fällt, ist dabei selbstverständlich. Selbstverständlich deswegen, weil Arbeit in dieser Gesellschaft nicht einfach der Aufwand ist, den man betreiben muss, um ein paar nützliche Dinge herzustellen, sondern die Quelle für das Einkommen der allermeisten Bürger.

Wenn die flächendeckende Aussortierung von Arbeitern und Angestellten durch die Digitalisierung allerdings als »Risiko« besprochen wird, das »wir alle« möglichst »vermeiden« sollten, dann wird die Pointe verfehlt: Die technische Reduzierbarkeit der bezahlten Arbeit ist kein unerwünschter Nebeneffekt, sondern gerade der ökonomische Zweck, warum die Technik überhaupt eingesetzt wird. Die Unternehmen drücken so ihre Kosten, indem sie sich von den Löhnen befreien, welche die Lebensgrundlage ihrer bisherigen Belegschaft waren.

Rationalisierung und Jobabbau

Wie sich das auf die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in Deutschland auswirkt, ist umstritten und zerfällt in zwei Positionen: Die einen rechnen – mehr oder weniger plausibel – aus, welche bisherigen Tätigkeiten in den nächsten Jahren durch cyber-physische Systeme übernommen werden können oder bereits übernommen wurden. Die nun verrechnen sie mit den verschiedenen Tätigkeiten, die zur Wartung, Pflege und Kontrolle dieser Techniken neu entstehen. Die so veröffentlichten Prognosen bewegen sich irgendwo zwischen einigen hunderttausend Jobs bis hin zu jedem zweiten Arbeitsplatz, der in den nächsten Jahren abgebaut wird. Die andere Prognoseseite geht von der Erhöhung der »Wettbewerbsfähigkeit« der deutschen Arbeit durch die Industrie 4.0 aus und hofft so auf mehr Export und damit mehr Arbeit, trotz Rationalisierungswelle. In beiden Fällen wird also von einer starken Reduzierung der Arbeitsplätze ausgegangen, nur in unterschiedlichen Ländern.

Unumstritten ist, dass die Unternehmen ihren ökonomischen Erfolg gerade darin haben, das Verhältnis von bezahlter Arbeit zu produzierter Ware zu drücken und damit die Lohnstückkosten zu senken. Umstritten allerdings ist, ob ihnen ausreichend gelingt, derart viele deutsche Produkte ins Ausland zu exportieren, dass am Ende sogar mehr Leute an den neuen Maschinen in der BRD arbeiten: »Pro Jahr fünf Prozent mehr Output bei gleicher Personalstärke oder eben gleiche Leistung mit fünf Prozent weniger Mitarbeitern.« So ist die Existenz als Lohnarbeiter nach beiden Seiten hin negativ bestimmt: »Wettbewerbsfähig« ist die Arbeit gerade dann, wenn sie konkurrenzlos billig ist, und damit gerade als Lebensmittel für ihren Träger nur sehr bedingt taugt. Wo sie diese »Qualität« vermissen lässt, ist sie prekär und ständiger Prüfung durch das Unternehmertum ausgesetzt, ob sie sich überhaupt noch lohnt und nicht andernorts billiger zu haben ist.

Mit dem unter anderem von dem britischen Journalisten Paul Mason als »Ende der Arbeit« angekündigten Zustand, nämlich dass immer weniger Arbeitsplätze geschaffen werden und die Arbeit irgendwann überflüssig wird, ist das alles nicht zu verwechseln. Diese These verdankt sich einmal mehr der Ignoranz gegenüber den Akteuren, die »Digitalisierung« immer nur dort einsetzen, wo es sich lohnt. Noch für die simpelsten und stupidesten Tätigkeiten werden auch im Jahr 2021 noch Menschen statt Maschinen eingesetzt, insofern sie sich als kostengünstiger erweisen. So hat die Erfindung der mechanischen Webstühle im 18. Jahrhundert bis heute den Beruf der Näherin in Bangladesch nicht überflüssig gemacht, weil die konkurrenzlos billiger ist als entsprechende Maschinenparks. An dieser Front ist kein Ende der Arbeit in Sicht; zumindest nicht, solange die Digitalisierung nichts als ein Mittel des Kapitals zur Profitsteigerung ist.

Die beiden Transformationen

Unser Ansatz der »doppelte Digitalisierung« ist nicht zu verwechseln mit der Idee der »beiden Transformationen«, die von Friedrich Krotz in seinem Aufsatz »Mediatisierung als Konzept für eine Analyse von Sozialer Arbeit im Wandel der Medien« vorgestellt wird: »Genau genommen geht es dabei einerseits um eine technische und organisatorische Transformation der Medien und der darüber realisierten Mediendienste, die durch den zunehmenden Einsatz von Computern bewirkt wird, und andererseits um eine Transformation von – kurz gesagt – Alltag, Kultur und Gesellschaft, die dadurch zustande kommt, dass die Menschen diese neuen kommunikativen Formen individuell und kollektiv nutzen.«¹⁷

Krotz betont dabei, dass für ihn kein unmittelbarer Zusammenhang besteht zwischen den technischen Änderungen – der ersten Transformation – und ihren politökonomischen und kulturellen Auswirkungen – der zweiten Transformation. Krotz stellt hier richtig fest, dass aus der Technik selbst keine Konsequenzen für die Arbeit abzuleiten sind. Ob die Steigerung der Produktivität eingesetzt wird, um alle weniger oder einige mehr und andere gar nicht mehr arbeiten zu lassen, ist keine technische, sondern eine ökonomische Frage. Ebenso, wie gesammelte Daten verwendet werden, ob mit Robotern die Pflege für die zu Pflegenden angenehmer gemacht wird oder so Pflegepersonal eingespart und in Heimen ab jetzt nur noch über Bildschirme kommuniziert wird etc. pp.

Dass die »Mediatisierung« bzw. »Digitalisierung« gleichzeitig nicht ergebnisoffen ist, wird von Krotz ebenso angemerkt. Er setzt daher das »menschenfreundliche« Potential der neuen Technik gleich in den Konjunktiv und verweist auf ökonomische Zwecke und Notwendigkeiten: »Die Technik selbst könnte auch menschenfreundlich organisiert und eingesetzt werden, was allerdings dann den Interessen ihrer Betreiber nicht mehr so ausschließlich entgegenkäme.«¹⁸ Insgesamt betont er allerdings deren Gestaltbarkeit: »Mediatisierungsprozesse geschehen nicht naturwüchsig und autonom, sondern finden unter konkreten politischen und ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen statt. Sie sind also reflektierbar und beeinflussbar, und es sind unterschiedliche Entwicklungspfade möglich.«¹⁹

Weil also aus der digitalen Technik selbst keine Notwendigkeiten folgen, sollte man die Konsequenzen der neuen digitalen Technik nicht gleich als prinzipiell gestaltbar betrachten. Immerhin gibt es einerseits Akteure, die sehr entscheidend die neuen digitalen Techniken entwickeln und dabei ihre eigenen, ökonomischen und politischen Interessen verfolgen, und andere, die als Beschäftigte sehr entschieden digitalisiert werden, ohne als Subjekte an diesem »Mediatisierungs-« oder »Digitalisierungsprozess« beteiligt zu sein. Verschiedene Entwicklungspfade mag es also durchaus geben, und die Technik ist auch »beeinflussbar«. Die Subjekte, die hier allerdings in Konkurrenz zueinander darum kämpfen, welche Technik wie eingesetzt wird, sind nicht Sozialarbeiterinnen und Kommunen. Es gibt vielmehr eine weltweite Konkurrenz der IT-Konzerne wie Apple und Microsoft sowie die Konkurrenz der Nationen zwischen Chinas »Programm der zwei Kreisläufe«, Amerikas »Industrial Internet« und dem deutschen Programm der »Industrie 4.0«.²⁰ Dass die neue Technik dabei nützlich zu sein hat für diese politökonomischen Akteure, ist immer schon gesetzt, ebenso wie die Rolle der Lohnarbeiter als Mittel für diese Programme. Der hier vorgestellte Ansatz unterscheidet sich daher nicht nur methodisch von dem Konzept von Krotz, sondern auch in seinen politischen Schlussfolgerungen.

»Problemfälle« 4.0

So kann die Digitalisierung der anderen Lebensbereiche derartige Verwerfungen in der Ökonomie mit sich bringen, dass von der Sozialen Arbeit noch in einem ganz anderen Sinne von »Digitalisierung« gesprochen werden kann: Wenn die Jobcenter mit den so überflüssig gemachten ehemaligen Lohnarbeitern gefüllt werden und in den Betrieben der gestiegene Stress durch immer neue »Work-Life-Balance«-Workshops zur Bewältigung an die Freizeit der Beschäftigten weitergegeben wird, dann zeigt sich die andere Seite der »doppelten Digitalisierung« der Sozialen Arbeit: Sie besteht nicht darin, dass Sozialarbeiterinnen mit immer neuer Technik ihren alten Aufgaben nachgehen, sondern dass sie gleich noch eine zusätzliche Aufgabe bekommen: Die Folgen der Digitalisierung für Beschäftigte so zu gestalten, dass dabei nicht der »soziale Friede« gefährdet wird und überhaupt die Gesellschaft in ihrer jetzigen Form weiterläuft. Für dijenigen, die durch Digitalisierung an den Rand gedrängt oder die gleich ganz aus dem Produktionsprozess ausgeschlossen werden, steht so ein Heer an Sozialarbeiterinnen bereit, die ihrer Aufgabe dann ebenfalls digitalisiert nachkommen müssen.

Anmerkungen

1 Gerd Stüwe; Nicole Ermel: Lehrbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung, Weinheim/Basel 2019, S. 128

2 Ebd., S. 98

3 Ragnar Hoenig; Peter Kuleßa: Mehr als Algorithmen. Digitalisierung in Gesellschaft und Sozialer Arbeit. In: TUB Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Mehr als Algorithmen. Digitalisierung in Gesellschaft und Sozialer Arbeit. Sonderband, 2018, S. 5

4 Willi Kaczorowski: Kommunen gestalten die Digitalisierung. In: ebd., S. 57

5 Ebd., S. 59

6 Vgl. Stüwe/Ermel, a. a. O., S. 154

7 Guido Bröckling: Digitalisierte Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. Kommunikationsbedürfnis und Orientierungssuche als Gegenstand der Jugend- und Sozialarbeit. In: Hoenig/Kuleßa, a. a. O., S. 84

8 Michaela Evans: Wozu Digitalisierung in der sozialen Dienstleistungsarbeit? Suchfelder für die digitale Dividende und Handlungsfelder betrieblicher Gestaltung. In: ebd., S. 68 sowie Marc Witzel: Haltung bewahren – Anforderungen an Fachkräfte im Kontext von Digitalisierung. In: ebd., S. 88

9 Stüwe/Ermel, a. a. O., S. 9

10 Vgl. Hans-Uwe Otto; Norbert Wohlfahrt; Holger Ziegler: Digitalisierung und Soziale Arbeit im Kapitalismus. Anmerkungen zu einigen gesellschaftlichen Implikationen technologischer Innovationen. In: Hans-Uwe Otto (Hg.): Soziale Arbeit im Kapitalismus, 2019, S. 204–220

11 Ebd., S. 212

12 Siehe hierzu Peter Schadt: Scheinsubjekt Digitalisierung. In: junge Welt, 11.6.2020

13 Vgl. Stüwe/Ermel, a. a. O., S. 9

14 Gero Lenhardt; Claus Offe: Staatstheorie und Sozialpolitik. Politisch-soziologische Erklärungsansätze für Funktionen und Innovationsansätze der Sozialpolitik. In: Christian v. Ferber u. Franz Xaver Kaufmann (Hg.): Soziologie und Sozialpolitik, SH 19 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1977, S. 101

15 Philipp Staab: Unsichere Arbeit. In: Hoenig/Kuleßa, a. a. O., S. 32

16 Eva M. Welskop-Deffaa: Freie Wohlfahrtspflege in der Plattformökonomie: Seismografin, Solidaritätsstifterin, strategische Herausforderungen. In: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit (2019), Nr. 2, S. 28

17 Friedrich Krotz: Mediatisierung als Konzept für eine Analyse von Sozialer Arbeit im Wandel der Medien. In: Nadia Kutscher; Thomas Ley u. a. (Hg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung, Weinheim/Basel 2020, S. 30

18 Ebd., S. 31

19 Ebd., S. 34

20 Siehe dazu Peter Schadt: Kampfansagen. In: junge Welt, 4.8.2020

Christof Beckmann ist Professor für Soziale Arbeit an der evangelischen Hochschule in Hamburg.

Peter Schadt ist Sozialwissenschaftler und Gewerkschaftssekretär in Stuttgart.

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