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Aus: Ausgabe vom 17.11.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Hinter den Holzlatten

Die Künstlerin Teresa Mazuela Sequeira lotet die Namensherkunft der Linienstraße in Berlin-Mitte aus
Von Markus von Schwerin
Palisades_2021_Teresa_Mazuela_Sequeira.jpg
Eine Art Kompensation für all die Barrieren: (Stadt-)Natur bei Teresa Mazuela Sequeira

In diesem Jahr feiert die offizielle Benennung der Berliner Linienstraße ihr 200. Jubiläum. Velophilen ist sie als eine der ersten Berliner Fahrradstraßen bekannt, Kunstinteressierten als Galeriemeile zwischen August- und Torstraße. Dass der Straßenname aber auf eine wortwörtliche Linie, genauer gesagt: eine Verteidigungslinie, zurückzuführen ist, dürfte nicht allen radelnden und flanierenden Kulturfreunden bewusst sein. Eine um 1705 errichtete und aus bis zu vier Meter hohen Palisaden bestehende Befestigung also, eine Art Vorstufe zur steinernen Berliner Zollmauer, die bis 1821 nur als »Linie« bezeichnet wurde.

Wenn die in der Linienstraße 160 gelegene Galerie Berlin-Weekly derzeit Teresa Mazuela Sequeiras Ausstellung »Palisades 2021. Tracing the line« (»Palisaden 2021. Die Linie nachzeichen«) zeigt, wird sie ihrem Selbstverständnis, »ortsspezifische« Arbeiten präsentieren zu wollen, einmal mehr gerecht. Hat doch die unweit der Linienstraße wohnende bildende Künstlerin, die in Madrid Malerei und Fotografie studierte und an der UdK Berlin Meisterschülerin von Marwan Kassab-Bachi war, die Mehrdeutigkeit der englischen Vokabel »to trace« (die sich auch mit »durchpausen« und »nachspüren« übersetzen ließe) auch auf ihr Exklusivwerk im Galerieschaufenster angewandt.

In der dreiteiligen Leuchtkasteninstallation zeichnet sie die ursprüngliche, von dichtem Wald umgebene Linie nach, indem sie einen historischen Stich der Rosenthaler Vorstadt mit palisadenartigen Balken übermalt. Wo früher ein hölzernes Bollwerk Arbeiter und Kleinbürger vor drohenden Gefahren bewahren sollte, scheint es dort heute für Menschen mit niedrigem Einkommen kaum mehr Schutzräume zu geben.

Auch auf den im hinteren Galerieraum zu sehenden zwei großflächigen, in kräftigen Blautönen gehaltenen Ölbildern lassen sich abweisende Zäune erkennen, wohingegen die an der gegenüberliegenden Wand gezeigten Bleistiftzeichnungen mit ihren Pflanzenmotiven für das Ungebändigte und zugleich Ruhespendende stehen. Die für jeden Passanten noch zugängliche (Stadt-)Natur als eine Art Kompensation für all die Barrieren, die sich rund um die Linienstraße nur noch mit pekuniären Mitteln umgehen lassen? Wer sich auf Teresa Mazuela Sequeiras vielschichtige Kunst einlässt, wird jedenfalls Gedankenanstöße bekommen, die über die Grenzen des Gentrifizierungsthemas hinausreichen.

»Palisades 2021 – Tracing the line«: Galerie Berlin-Weekly, Linienstraße 160, bis 12.12. (donnerstags von 17 bis 19 Uhr)

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