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Aus: Ausgabe vom 15.11.2021, Seite 2 / Ausland
Klimawandel

Chance wieder vertan

»COP26«-Gipfel: »Klimapakt« unkonkret. Hilfe für arme Staaten unzulänglich
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Protestaktion in Glasgow (13.11.2021)

Bei Klimaaktivisten fällt die Kritik an den Beschlüssen der Weltklimakonferenz in Glasgow harsch aus. Greta Thunberg bekräftige ihren Vorwurf, die zweiwöchigen Verhandlungen seien lediglich »Blabla«. »Die wirkliche Arbeit geht außerhalb dieser Hallen weiter«, schrieb sie auf Twitter. »Diese Abschlusserklärung ist ein Betrug«, erklärte die Aktivistin Luisa Neubauer am Sonntag, nachdem sich bei dem Treffen rund 200 Staaten auf einen »Klimapakt« geeinigt hatten. Sie verrate alle, die schon heute vor »unerträglichen Klimafolgen« stünden. »Und es ist ein Betrug an allen jungen Menschen auf dieser Welt, die darauf setzen, dass sich Regierungen um ihre Zukunft kümmern.« FDP-Chef Christian Lindner hingegen bewertet das Ergebnis von »COP26« eher positiv: »Glasgow ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, aber nicht das Ziel«, sagte er gegenüber der Süddeutschen (Montagausgabe).

Die Mammutkonferenz mit 40.000 registrierten Teilnehmern sollte schon am Freitag enden, wurde aber bis in die späten Stunden des Samstags verlängert. Schließlich einigte man sich darauf, offiziell den Abschied von der Kohleverbrennung einzuläuten. Der am Sonnabend gebilligte »Klimapakt von Glasgow« enthält zudem die Forderung, »ineffiziente« Subventionen für Öl, Gas und Kohle zu streichen. Die Formulierung wurde allerdings in letzter Minute abgeschwächt. Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) lobte den Deal dennoch: »Das fossile Zeitalter geht zu Ende, die Energiewende wird weltweit zum Leitbild.« In der Abschlusserklärung bekennen sich die Länder gemeinsam zu dem Ziel, die Erderwärmung bei 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu stoppen. Der Ausstoß von Treibhausgasen soll zudem weltweit in diesem Jahrzehnt um 45 Prozent sinken.

Erstmals wird auch die jahrelange Forderung armer Staaten aufgegriffen, einen Geldtopf für Hilfen bei Schäden und Verlusten einzurichten. Gemeint sind etwa Zerstörungen oder erzwungene Umsiedlungen nach Dürren, Sturmfluten oder Wirbelstürmen. Konkrete Summen dafür werden aber nicht genannt. Es soll nur »technische Unterstützung« nach Schadensereignissen bereitstehen, aber nicht der komplette Schaden beglichen werden. (dpa/AFP/jW)

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  • Leserbrief von Ulrich Guhl aus Strausberg (15. November 2021 um 16:22 Uhr)
    Christian Lindner hat aus seiner Sicht völlig recht: Die Konferenz bewegte sich genau in die Richtung, die Leuten wie ihm vorschwebt. Hier sind genau die »Profis« zugange, die uns langsam, aber sicher in die Katastrohe reiten. Wir müssen uns wirklich von der Illusion verabschieden, dass sich bei solchen Konferenzen Personen treffen, die tatsächlich etwas gegen den Klimakollaps unternehmen wollen. Es treffen sich dort aber Menschen, die erkennen mussten, dass sie das Thema »Klimaschutz« nicht mehr ignorieren können, weil es zu sehr in das öffentliche Bewusstsein eingedrungen ist. Also müssen diejenigen, deren Sinnen und Trachten einzig dem Schutz der Profitmaschinerie Kapitalismus gilt, ab und zu so tun, als würden sie sich dieses Themas annehmen. Derartige Konferenzen sind schlicht und einfach Placebos zur Beruhigung der Volksseele, ausgerichtet von denen, deren Aufgabe der Schutz des Kapitalismus ist, dem wir die Klimakatastrophe zu verdanken haben. Wenn sich politische Fossilien treffen, um einem fossilen Gesellschaftssystem einen scheingrünen Tarnanstrich zu verleihen, damit weiter fossile Technologien betrieben werden können, kann und soll nur »Blabla« bei rauskommen. Wenn ein geistiges Fossil wie Lindner eine Klimakonferenz lobt, kann man sicher sein, dass sie für den Klimaschutz gescheitert ist. So gesehen, ist die Tatsache, dass die Präsidenten Chinas und Russlands gar nicht erst nach Glasgow reisten, nicht ein Indiz von deren Klimawandelignoranz, sondern ein Beleg dafür, dass man dort das Thema für zu ernst hält, um wertvolle Zeit mit »Blabla« zu verschwenden. Es geht schlicht um Scheinklimaschutz, um Irreführung und eigentlich um Betrug. Betrogen wird die junge Generation um ihre Zukunft und um die Chance, den Klimawandel in noch beherrschbare Bahnen lenken zu können. Diese Generation muss den Kampf um ihre Zukunft auf die Straße tragen, und sie muss Klima, Kapitalismus, Krieg und Frieden als verschiedene Facetten ein und derselben Medaille miteinander verknüpfen und die Systemfrage stellen.

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