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Aus: Ausgabe vom 12.11.2021, Seite 16 / Sport
Cricket, lovely Cricket

Das Fenster zur Welt

Immer noch eines der besten Sportbücher aller Zeiten: »Beyond a Boundary«, das Cricketbuch von C. L. R. James und die globale Cricketgegenwart
Von Gabriel Kuhn
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West Indies Cricketteam 1957 – »Cricket, was ist es? Reines Entertainment oder Kunstform?« (C. L. R. James)

Seit dem 17. Oktober läuft die T20-Cricketweltmeisterschaft der Herren. Wenige Wochen vor Turnierbeginn veröffentlichte der Dietz-Verlag eine Neuauflage der klassischen Studie »Die schwarzen Jakobiner: Toussaint Louverture und die Haitianische Revolution«, verfasst von dem auf Trinidad geborenen Marxisten C. L. R. James. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nun, der 1989 verstorbene James schrieb 1963 auch ein legendäres Buch über Cricket: »Beyond a Boundary«. Der Titel bedeutet wörtlich übersetzt »Jenseits einer Grenze« und spielt auf die im Cricket als »Boundary« bezeichnete Spielfeldbegrenzung an.

Es gab in den letzten Jahrzehnten Versuche, Cricket fernsehtauglicher zu machen. Sogenannte First-Class-Matches ziehen sich immer noch über mindestens drei Tage hin, doch Matches des One-Day-Cricket sind auf einen Tag beschränkt. Beim T20-Format beträgt die Spieldauer rund drei Stunden; Speedcricket gewissermaßen. Trotzdem: Während Fußball die Welt erobert hat, und Rugby vielerorts als trendige Nischensportart geschätzt wird, folgt Cricket außerhalb des britischen Commonwealth kaum jemand.

Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass »Beyond a Boundary« niemals ins Deutsche übersetzt wurde. Zudem war James der marxistischen Orthodoxie ein Dorn im Auge. Als Vertreter der (trotzkistischen) »Johnson-Forest Tendency« kritisierte er in den 1940er Jahren die Sowjetunion als »staatskapitalistisch«. Die Strömung war nach James selbst benannt, der für viele der diesbezüglichen Texte das Pseudonym »J. R. Johnson« verwendet hatte. Hinter dem Namen »Freddie Forest« verbarg sich die marxistische Theoretikerin (und zwischenzeitliche Trotzki-Sekretärin) Raya Dunajewskaja.

Es gibt Intellektuelle, die Sportbücher schreiben, um sich volksnah zu geben. Nicht so C. L. R. James. Während seiner Jugend auf Trinidad spielte er selbst Cricket. Später verdiente er sich einen Teil seines Lebensunterhalts als Cricketjournalist. 1933 half er der westindischen Cricketlegende Learie Constantine, das Buch »Cricket and I« zu verfassen. Dass James sich in sportpolitische Debatten einmischte, ist naheliegend. Ende der 1950er Jahre plädierte er vehement dafür, Frank Worrell als ersten afrokaribischen Spieler zum Kapitän der westindischen Cricketauswahl zu ernennen. Die Kampagne hatte Erfolg.

»Beyond a Boundary« ist keine leichte Kost. Die Lektüre setzt nicht nur Grundwissen über Cricket voraus, sondern auch solches über die Geschichte, Kultur und Politik Westindiens. Es gibt Ausflüge in die Antike, das viktorianische England und die Welt der Kunst. James› Stil pendelt zwischen poetischer Abstraktion und akademischer Trockenheit. Doch die Einzigartigkeit des Werkes fasziniert. Der britische Journalist Nicholas Lezard schrieb 2011 im Guardian: »Zu behaupten, dies sei das beste Buch, das jemals über Cricket geschrieben wurde, ist eine Untertreibung.« Sechs Jahre zuvor wurde »Beyond a Boundary« von Lesern des Observer zum drittbesten Sportbuch aller Zeiten gewählt.

An politischer Bedeutung fehlte es Cricket nie. Die berühmteste Zeile aus James‹ Buch stammt aus dem Vorwort: »Was für eine Ahnung haben Menschen von Cricket, wenn sie nur von Cricket eine Ahnung haben?«

James diente Cricket vor allem dazu, die britische Kolonialgeschichte nachzuzeichnen. Seit der Veröffentlichung des Buches ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. An Beispielen für die enge Verbindung zwischen Cricket und Politik mangelt es auch seither nicht. Antiapartheidaktivisten in Großbritannien gelang es 1970, eine Tour des südafrikanischen Cricketteams zu verhindern. 1981 führte ein regelkonformer, aber unsportlicher Wurf eines australischen Spielers gegen das neuseeländische Team zu einer diplomatischen Krise zwischen den beiden Ländern. Bei der Cricket-WM 2003 liefen Henry Olonga und Andy Flower für Simbabwe mit schwarzen Armbändern auf, um das »Ende der Demokratie« im Land zu beklagen – was das Ende ihrer Karrieren im Nationalteam zur Folge hatte. In Indien attackieren Hindu-Nationalisten immer wieder muslimische Spieler, auch bei der diesjährigen T20-WM, als Mohammed Shami für die Niederlage gegen Pakistan verantwortlich gemacht wurde. In Pakistan bekleidet derweil mit Imran Khan ein früherer Kapitän des Cricketteams den Posten des Premierministers.

Das Finale der diesjährigen T20-WM steigt am 14. November. Ins Halbfinale kamen die Teams aus England, Neuseeland, Australien und Pakistan. Indien schied in der Zwischenrunde aus – wenigstens nicht vor heimischem Publikum. Aufgrund der Coronapandemie verlegte der Weltcricketverband das Turnier von Indien in den Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort leben Millionen cricketbegeisterter Arbeiter aus Südasien.

Auch das westindische Team verabschiedete sich in der Zwischenrunde. Man kann sich damit trösten, dass bisher kein anderes Team den Titel der seit 2007 ausgetragenen T20-WM der Herren zweimal gewinnen konnte. Die von C. L. R. James so sorgfältig beleuchtete Crickettradition lebt.

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