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Aus: Ausgabe vom 11.11.2021, Seite 16 / Sport
Springreiten

Die größte Krise

Der Moderne Fünfkampf ringt um seine Zukunft
Von Gabriel Kuhn
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Der Anfang vom Ende: Annika Schleu verzweifelt an Saint Boy (Tokio, 6.8.2021)

Aufruhr im Modernen Fünfkampf. Eine der traditionsreichsten olympischen Sportarten geht durch seine bisher größte Krise. Pierre de Coubertin (1863–1937), Gründervater der modernen Olympischen Spiele, entwarf den Modernen Fünfkampf für Olympia 1912 in Stockholm. Mehr als 100 Jahre lang bestand er aus Schwimmen, Fechten, Springreiten, Schießen und Laufen.

Am 4.11. gab der Weltverband UIPM bekannt, dass das Springreiten nach den Olympischen Spielen in Paris 2024 durch eine neue Disziplin ersetzt werden soll. Mehr als 650 gegenwärtige und ehemalige Athleten unterzeichneten daraufhin einen Protestbrief. Sie fordern unter anderem den Rücktritt von UIPM-Präsident Klaus Schormann. Der sieht in der Petition einen »Big Fake«, nur »eine Handvoll« Athleten protestiere wirklich.

Wenig überraschend zählt auch der beste Springreiter des Modernen Fünfkampfs der Herren bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 zu den Gegnern. Der Österreicher Gustav Gustenau erklärte gegenüber der Wiener Tageszeitung Der Standard (4. November): »Das ist ein massiver Eingriff in unsere Sportart. So ist es kein Moderner Fünfkampf mehr.« Als Gustenau das Interview gab, kursierte das Gerücht, dass das Springreiten durch ein Radrennen ersetzt werden solle. Gustenau zufolge ein »Triathlon plus«. Die UIPM erklärte jedoch, dass eine offizielle Entscheidung über die neue Disziplin noch nicht gefallen sei, Schormann schließt eine Raddisziplin aus, da sie mehr physische Belastung bedeutet.

Das Springreiten kam bei den Olympischen Spielen in Tokio in Verruf, nachdem im Wettbewerb der Damen die deutsche Goldmedaillenhoffnung Annika Schleu ihrem überforderten Pferd mit Sporen und Peitsche zusetzte. Die deutsche Bundestrainerin Kim Raisner verpasste dem Pferd einen Faustschlag und forderte Schleu auf, »mal richtig draufzuhauen«. Raisner wurde von den Spielen ausgeschlossen und später von der UIPM bestraft. Die Pferde, mit denen die Athleten im Modernen Fünfkampf an den Start gehen, werden ihnen zugelost.

Die UIPM behauptet, ihre Entscheidung hätte mit den Ereignissen von Tokio nichts zu tun. Das Springreiten sei schlicht zu aufwendig und kostspielig. Das ist bestenfalls eine Halbwahrheit. Der Moderne Fünfkampf kämpft seit langem mit einem undurchsichtigen Reglement und geringem Publikumsinteresse. Der Status als olympischer Sport steht zur Disposition.

Die UIPM gibt sich in vielerlei Hinsicht Mühe, den Wettbewerb neu zu gestalten. Schießen und Laufen werden bereits in Form eines biathlonähnlichen Rennens kombiniert. In Tokio wurden alle Disziplinen in ein- und demselben Stadion ausgetragen. In Paris soll der gesamte Wettkampf nach 90 Minuten beendet sein. Auch das gefällt nicht allen. Gustenau fragt sich: »Worum geht es dann? Wer sich schneller umzieht? Oder wer schneller am Klo war?«

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