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Aus: Ausgabe vom 11.11.2021, Seite 5 / Inland
Boomende Branche

Stundenlohn statt Bonussystem

Gegen Unterbezahlung: NGG mobilisiert Lieferando-Fahrer
Von Bernd Müller
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Gefährliches System: Lieferando-Fahrer gehen Risiken im Verkehr ein, um schneller zu liefern und so Bonuszahlungen zu erhalten

Die Restaurants sind wieder für Gäste geöffnet, doch viele lassen sich ihr Essen weiterhin in die eigenen vier Wände liefern. Goldene Zeiten für Unternehmen wie Lieferando, die das Bestellte von der Gaststätte zum Kunden bringen lassen – von Fahrern, die zu Niedriglöhnen arbeiten müssen. In Nürnberg wollen sich die Rider nicht mehr damit abspeisen lassen und fordern einen Tarifvertrag und einen Stundenlohn von 15 Euro. Am Dienstag gingen sie dafür auf die Straße.

In der Lebkuchenstadt berät nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) derzeit die Tarifkommission über das weitere Vorgehen. »Es wird Zeit, dass auch die Fahrerinnen und Fahrer für ihre harte Arbeit einen vernünftigen Urlaubsanspruch, Zuschläge bei Arbeit in den Abendstunden, an Sonntagen und Feiertagen sowie ein 13. Monatsgehalt und einen verlässlichen Stundenlohn erhalten«, erklärte Christoph Schink, NGG-Referatsleiter für das Gastgewerbe, gegenüber dpa. Aktuell bekämen die Fahrer einen Stundenlohn von zehn Euro, »der durch ein völlig intransparentes, gefährliches und diskriminierendes Bonussystem ergänzt wird«.

Lieferando wehrte sich gegen diese Vorwürfe. Mit den Boni liege der Stundenlohn im Schnitt bei 13 Euro. Das sei »mehr, als die Angestellten in vergleichbaren Servicebereichen« erhielten, teilte das Unternehmen mit. Außerdem hätten die Beschäftigten einen »üblichen Urlaubsanspruch«, bekämen »Überstunden bezahlt« und seien durch eine reguläre Anstellung abgesichert mit Lohnfortzahlung und Versicherungen. Zudem profitierten rund 95 Prozent der Fahrer von dem »bundesweit einheitlichen« Bonussystem; und in wenigen Tagen hätten sie »in der Regel« die nötigen Lieferungen für die Monatsboni zusammen.

Das sieht die NGG anders. Zumindest wer in Teilzeit bei Lieferando beschäftigt sei, könne die geforderte Anzahl von Lieferungen aufgrund der Arbeitszeit nicht erreichen, heißt es bei der Gewerkschaft. Außerdem sei nicht durchschaubar, wer wieviel Bonus erhalte. Zudem gebe die App, über die die Fahrer die Aufträge erhalten, Anreiz, »durch waghalsige Manöver schneller ins Restaurant, schneller zum Kunden« zu kommen, sagte Christin Schuldt von der NGG München gegenüber der Abendzeitung (Dienstagausgabe). Das gefährde die Verkehrssicherheit der Rider.

Immer wieder steht in der Kritik, dass die Fahrer ihr privates Handy und ihr Datenvolumen nutzen müssen. Schuldt moniert außerdem, dass die finanzielle Entschädigung für Wartung und Reparatur der privaten Räder der Kuriere zu gering sei. Je gefahrenen Kilometer erhielten sie eine Verschleißpauschale von 14 Cent. Als Alternative gebe es mitunter auch einen steuerfreien Amazon-Gutschein im Wert von 44 Euro; aber beides entspräche nicht dem tatsächlichen Verschleiß, der aufkomme, wenn viele Kilometer im Monat gefahren werde.

Die Gewerkschaft NGG und die Beschäftigten von Lieferando pochen auf höhere Löhne, weil sie zwar vor allem in Großstädten arbeiten, aber sich mit ihren Gehältern dort kaum noch eine Wohnung leisten können. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die der Immobilienmakler Homeday veröffentlicht hat.

In der Studie hat Homeday die regionale Mietbelastungsquote unter anderem für Fahrer der Kurierdienste ausgerechnet. Das heißt, es wurde berechnet, in welchen Stadtteilen der Anteil der Mieten an den monatlichen Einkommen 30 Prozent übersteigt. In Großstädten ist das Wohnen für die Rider kaum noch möglich.

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