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Aus: Ausgabe vom 10.11.2021, Seite 12 / Thema
Kunst und Politik

Marx für alle

Vorabdruck. Eine zeichnerische Einführung in Leben und Werk von Karl Marx. Ein Aufruf zur Subskription
Von Stefan Siegert
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Im Marx-Jahr 1983 erschien im damaligen Weltkreis-Verlag ein kleiner Comicband mit Zeichnungen und Texten von Stefan Siegert. Darin wurden vor allem mit Zitaten aus Briefen und anderen Zeitdokumenten der Alltag von Karl Marx und seiner Familie sowie seine wissenschaftlichen Leistungen geschildert. Hinzu kamen – dogmatisch, aber mit leichter Hand – die liebevollen Zeichnungen des Autors.

Im Dezember erscheint nun eine in vielen Teilen überarbeitete und ergänzte Fassung im Verlag 8. Mai. War damals der 100. Todestag von Karl Marx Anlass für die Publikation, so ist es heute der Rechtsstreit zwischen jungen Welt und Bundesregierung wie Bundesverfassungsschutz wegen der Nennung der Tageszeitung in den jährlichen Verfassungsschutzberichten. Wir meinen: Es kann gar nicht genug Marxistinnen und Marxisten geben. Wer die Welt verstehen und vor allem retten will, der sollte über die Funktionsweise des Kapitalismus Bescheid wissen. Wenn das Weltklima immer wärmer wird, die multiplen Krisen der marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft sich immer mehr zuspitzen, wenn die Jugend auf den Straßen »System change, not climate change« skandiert, dann braucht es ein leicht verständliches Büchlein, das jeder und jedem einen Zugang zum Marxismus ermöglicht. Das ist Stefan Siegert in Wort und Bild gelungen.

Der Band erscheint am 15. Dezember 2021, also noch rechtzeitig vor Weihnachten, und umfasst 184 Seiten. Das Buch gibt es als Paperback- und als Hardcover-Ausgabe. Letztere ist eine auf 100 Exemplare (plus 20 Archivexemplare) limitierte Subskriptionsauflage. Wer die Subskription zeichnet, erhält auch eine bisher unveröffentlichte, handsignierte und handgedruckte Zeichnung von Stefan Siegert. Auch diese wird lediglich in einer Auflage von 120 Blättern gedruckt. Bitte beachten Sie die Informationen im Abspann auf Seite 13. Im folgenden dokumentieren wir das Vorwort und zwei Zeichnungen aus dem Buch. (Andreas Hüllinghorst)

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der so oft totgesagt wurde wie der 1883 zweifelsfrei verstorbene Karl Marx. Das letzte Mal, dass seine mächtigen Feinde ihn endgültig vom Hals zu haben meinten, war nach der für viele unerwarteten Implosion des Realsozialismus 1990. Die hat alle, die Marx schätzen und seine Erkenntnisse und seine Forschungsmethode noch am Beginn des dritten Jahrtausends gut gebrauchen können, zutiefst niedergeschlagen. Sie war, zumindest fürs Gros der marxistischen Linken, ein für lange Zeit quälender Knockout.

Aber Marx hat uns nicht enttäuscht. Seine ungebremst anhaltende Wirksamkeit bis hin in die südlichen und fernöstlichen Sphären der Welt spricht für diesen großen Menschenfreund, auch wenn es in seinem Geburtsland, einem notorischen Nachzügler der Geschichte, wohl wieder etwas länger dauern wird. Er war ein philosophisch fundierter und politökonomisch genialer Wissenschaftler. Ihn unterschied von manch anderem Wissenschaftler allerdings die erklärte Absicht, die Welt nicht nur zu beschreiben, zu erkennen und zu interpretieren, er wünschte sie auch zu verändern. Er war sich für praktische Politik nicht zu schade.

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1983 und heute

Was hat sich in den fast 40 Jahren seit dem Erscheinen dieses Buches nicht alles verändert? Die Welt wurde von analog auf digital umgekrempelt. Mit der Digitalisierung der Produktion entsteht eine nicht für möglich gehaltene Explosion der Rationalisierung von Arbeit. Durch Computer und Internet rücken die Länder der Welt noch stärker zusammen. Der Weltmarkt wurde zur beherrschenden Größe, kaum ein Produkt, das noch in einem einzigen Land hergestellt wird. Der sogenannte Neoliberalismus mit seinem Programm aggressiver Maximalausbeutung menschlicher Arbeitskraft, mit seinem Bestreben, öffentliches Eigentum wie etwa unsere Energie- und Verkehrsbetriebe, unsere Krankenhäuser und Bildungsstätten in privatwirtschaftliche Profitquellen zu verwandeln, scheint die Oberhand gewonnen zu haben.

Aber anders als von vielen Leuten beim Zerfall des sozialistischen Weltsystems gedacht, ist der Sozialismus seitdem nicht verschwunden, er lebt in China, Kuba und in Vietnam weiter. In der riesigen fernöstlichen Volksrepublik stellt sich dem neoliberalen Kapitalismus heute sogar ein Gegner in den Weg, der nicht nur, wie die Sowjetunion schon während des Kalten Krieges, eine Systemalternative bietet, sondern darüber hinaus den Beweis erbringt: Der Sozialismus ist dem Kapitalismus auch ökonomisch, kulturell und in der Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, weit überlegen.

Bundesregierung und Marxismus

So etwas darf man zwar in einem Büchlein wie diesem noch schreiben, wir leben, erzählen die Medien uns täglich, in einem freien Land. Gleichwohl wird eine kleine, erklärtermaßen an Marx orientierte Zeitung in diesem »freiheitlichen« Land, die junge Welt, vom sogenannten Verfassungsschutz überwacht und seit 1998 in jedem Jahresbericht der Bundesbehörde genannt. Diese faktische Kriminalisierung führt dazu, dass Geschäftspartner abspringen oder erst gar keine werden; potentielle Abonnentinnen und Abonnenten fühlen sich abgeschreckt. Seit dem 5. Mai 2021 – immerhin Marx’ Geburtstag – hat die junge Welt es schriftlich: In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage stuft die Bundesregierung sie verfassungsschutzkonform als »gesichert extremistisch« ein. In einer selten dümmlichen Begründung dieser Maßnahme wird dem Marxismus vorgeworfen, seine Einteilung der Menschen in Klassen widerspreche der »Garantie der Menschenwürde«. Eine wissenschaftlich belegte Feststellung macht sich da also angeblich der Unmenschlichkeit schuldig, während die von derselben Wissenschaft beschriebene, bis heute geltende Realität der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere außer Betracht bleibt. Karl Marx’ in diesem Buch entwickelte Gedanken sind für die Bürgerklasse offenbar immer noch viel zu brisant, als dass es die »freiheitliche Demokratie« wagen könnte, sich offen und fair mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber die junge Welt lässt sich nicht einschüchtern: Sie wehrt sich gegen diese regierungsamtliche Brandmarkung und hat im September 2021 eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland eingereicht.

Wie Kapitalisten zeichnen?

Nur die Zeichnungen sprechen noch immer die Sprache der Bilder von vor 40 Jahren. Als ich sie zu Beginn der 1980er Jahre anfertigte, gaben sich meine Kapitalisten durch Bowlerhüte und einen schwarzen Gehrock als solche zu erkennen. Kein Oetker, kein Krupp oder Flick sah in Wirklichkeit damals noch so aus. Wie allen Zeichnerkolleginnen und -kollegen, die in jenen Jahren überhaupt Kapitalisten zeichneten, kam es mir darauf an, sie als Vertreter ihrer Klasse zu zeigen. Denn äußerlich unterschieden sich die Herren (und wenigen Damen) schon zu dieser Zeit in nichts von ihren modisch bewussteren leitenden Angestellten oder Facharbeitern, also bitte Vergebung. Etwas altertümlich bin in diesem Fall nur ich, nicht Karl Marx.

Stefan Siegert: Karl Marx geht um. Eine Einführung in sein Leben und Werk mit vielen Zeichnungen des Autors. Verlag 8. Mai, 164 Seiten, Softcover: 19,90 Euro

Die Subskriptionsausgabe mit der beigelegten Zeichnung: 80 Euro inkl. Versand

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