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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 16 / Sport
Schach

»Turnier meines Lebens«

»Maskottchen« war gestern: Elisabeth Pähtz hat als erste deutsche Schachspielerin den Großmeistertitel errungen
Von Andreas Müller
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Keine Lust nachzulesen: Schachgroßmeister(in) Elisabeth Pähtz hat ihre Partien im Kopf

An der Gendersprache muss man im Schachsport noch arbeiten. Als erste Frau aus Deutschland darf sich Elisabeth Pähtz seit dem Wochenende »Großmeister« nennen, nachdem die 36jährige in Riga die dritte Norm für diesen Titel erfüllte, den weltweit nur 40 Frauen führen. Ein historischer Triumph ebenfalls für den Vater und langjährigen Trainer der gebürtigen Erfurterin. »Sie hat das Zeug zur Weltmeisterin«, hatte Schachgroßmeister Thomas Pähtz schon im März 1995 vorausgesehen, als seine damals gerade einmal zehnjährige Tochter bereits für das Bundesligateam von Stade nördlich von Hamburg in der Bundesliga spielte.

Ein Dutzend Pokale in ihrem Kinderzimmer kündeten bereits damals von der ungewöhnlichen Begabung, die das Mädchens mit der pinkfarbenen Brille am Brett zeigt. Ein sechster Rang bei der Kindereuropameisterschaft und eine Bronzemedaille bei der Schnellschach-EM ließen sie früh herausragen. Dabei hatte ihr Vater sie bis zu ihrem vierten Lebensjahr für den Schachsport verloren geglaubt. »Sie ist am Anfang nur als eine Art Maskottchen zu den Turnieren mitgefahren und hat dabei ihrem Bruder zugeschaut. So hat sie gelernt.« Entscheidendes Erlebnis: Das Mädchen wohnte zufällig einem theoretischen Disput am Rande einer Partie bei – und vermochte dessen Erkenntnisse bei einem Blitzturnier ein paar Tage darauf haargenau auf die 64 Felder des Schachbrettes zu übertragen. »Ich hab’ dich noch nie mit einem Schachbuch im Bett gesehen«, wunderte sich der Vater und bekam von seiner Tochter die schlagende Antwort: »Weil ich keine Lust habe, das alles nachzulesen.«

Von da an wusste man in der Familie Pähtz: Elisabeth kann sich phänomenal einprägen, wie die Figuren bei jeder Partie Zug um Zug ihre Positionen verändern. Dieses großartige visuelle Gedächtnis, gepaart mit sportlichem Ehrgeiz und behutsamer kindlicher Entwicklung, bildeten das Fundament für den sportlichen Erfolg von Elisabeth Pähtz, die inzwischen in Berlin lebt und als Fremdsprachendolmetscherin arbeitet. Gern auch simultan, genau wie es zu ihrem Denksport passt.

Als »Wunderkind« hat der Vater, der 1988 bei der Schacholympiade in Thessaloniki/Griechenland der DDR-Mannschaft angehörte, die nunmehr erste deutsche Großmeisterin nie betrachtet. Denselben Titel errang Elisabeth Pähtz in der »Unterkategorie feminin« übrigens schon als 16jährige. Anders als der berühmte Ungar Laszlo Polgar, der seine drei Töchter aus der Schule nahm und statt dessen tagtäglich zu Hause stundenlang mit Dame, König, Läufern, Springern, Türmen und Bauern triezte, wurde in Erfurt ein anderer, altersgerechter Weg gewählt. Mit zunächst nur zehn Stunden Training pro Woche, den dazugehörigen Disputen daheim, einigen Bundesligaeinsätzen und maximal sieben Turnieren pro Jahr. Später besuchte die Juniorenweltmeisterin von 2005 das Sportgymnasium in Dresden und gehörte sogar eine Zeitlang der Sportfördergruppe der Bundeswehr an, durchlief also Förderstationen wie üblicherweise Athletinnen und Athletinnen in den olympischen Sportarten.

Noch scheint diese große Schachreise lange nicht zu Ende. Nach ihrem zweiten Platz am Wochenende beim WM-Vorausscheid in Riga sprach Elisabeth Pähtz vom »Turnier meines Lebens«. Wo immer sie antritt, kann sie es fortan als »Schachgroßmeister« tun. Den Titel darf sie nun lebenslang führen.

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