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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
»Gastarbeiter«

»Wir haben die Jahre dort nur mit Arbeiten verbracht«

60 Jahre Anwerbeabkommen zwischen BRD und Türkei: Gezeichnet von der Arbeitsmigration und der Sehnsucht nach den Kindern. Ein Gespräch mit Emine As
Von Yusuf As
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1975 bei der Firma Hutchinson in Mannheim (Emine vorn in der Mitte)

Wie war Deine Ankunft in Deutschland?

Ich bin 1968 in Bayreuth mit dem Zug angekommen. Ich stand allein am Bahnhof. Alle waren schon weg, ich saß auf meinem Gepäck an den Gleisen. Eine Stunde war schon vergangen, als ein Polizist auf mich zukam. Angst hatte ich nicht vor ihm. »In Deutschland brauchst du keine Angst vor der Polizei zu haben«, wurde mir gesagt. Nachdem ich vergeblich versucht hatte, mich zu verständigen, nahm ich meine Arbeitspapiere raus und überreichte sie dem Polizisten. Er las, nahm meine Hand, zeigte auf meinen Ehering und machte eine Bewegung mit der Hand, die zu verstehen gab: »Ich bringe dich zu deinem Mann.« Mitten auf dem Weg Richtung Werkswohnungen der Textilfirma »Mechanische Baumwollspinnerei Bayreuth« kam uns torkelnd mein Ehemann entgegen. Neben ihm eine Frau. Ich sah es ihnen an, dass sie nicht nur Freunde waren. Sie nahmen mich mit nach Hause. Angekommen an der Tür wurde ich, mit einem Schlüssel in der Hand, hochgeschickt, und mein Mann und seine Freundin sind weiter Richtung Kneipe.

Wie waren Deine ersten Tage in Deutschland?

Am nächsten Tag ging ich direkt zur Arbeit. Meine Gedanken waren bei meinen Kindern. Meine drei Söhne habe ich bei meinen Schwiegereltern zurückgelassen, das bereue ich heute noch. Ich bin im Dezember angekommen, es war Weihnachtszeit. Ich habe zum ersten Mal Schnee gesehen, Weihnachtsmänner und überall Weihnachtsbäume. Es war so schön. Vor allem die Einkaufszentren. Da gab es Rolltreppen, die sich von allein bewegten. Ich habe mich nicht draufgetraut. Immer bin ich die Treppen gelaufen, bis mein Mann mich eines Tages packte und mit auf die Rolltreppe nahm. Dann bin ich immer mit der Rolltreppe gefahren.

Was geschah mit Deinen Kindern?

Anfang 1969 habe ich meine drei Söhne, zwei, vier und fünf Jahre alt, aus der Türkei geholt. Kein halbes Jahr haben wir es geschafft zu arbeiten und auf die drei Kinder aufzupassen. Vor allem mein Mann hat Schwierigkeiten gehabt. Ich habe Zwei-Schicht und mein Mann Nachtschicht gearbeitet. Wir mussten die Kinder wieder zu meinen Schwiegereltern in die Heimat schicken.

Wie ging es weiter?

Ich habe immer gearbeitet. 1971 gingen wir zu Bekannten nach Frankfurt am Main. Sie hatten uns eine Arbeit bei der Brauerei »Henninger Bräu« besorgt. Da haben viele Türkeistämmige gearbeitet. Alle tranken Bier bis zum Umkippen. Ich trank das leckere Karamalz (alkoholfrei). Wir machten die Flaschen kaputt, damit es so aussah, als seien sie vom Fließband gefallen. Weder Bayreuth, noch Frankfurt habe ich wirklich sehen können. Wir haben die Jahre dort nur mit Arbeiten verbracht. Unsere Bereiche waren die schlimmsten. Die Arbeiter fast alle migrantisch und die Vorgesetzten alle Deutsche.

1973 zogen wir nach Mannheim, zu dem Bruder meines Mannes. Am nächsten Tag gingen wir auch direkt wieder arbeiten, erst kurz bei einem Feinkosthersteller, danach zur Firma Hutchinson, wo Kautschuk zur industriellen Verarbeitung hergestellt wurde. Viele Jahre später haben sie auch unsere drei Söhne dort eingestellt. Wir haben mit der ganzen Familie dort gearbeitet. Es gab kaum eine Arbeitssicherheit. Zahlreiche Arbeiter sind im nachhinein erkrankt. Es soll nichts mit den Arbeitsbedingungen zu tun haben. Vor allem hat es diejenigen, die an den Hochöfen gearbeitet haben, getroffen.

Wann kamen denn Deine Kinder wieder?

Erst sechs Jahre später hatten wir unsere Kinder wieder bei uns. 1975 habe ich meine Tochter zur Welt gebracht. Sie war ein liebes Kind. Mit vier Jahren hat sie mehrere Stunden allein zu Hause verbracht. Vor der Frühschicht stand sie mit mir auf. Sie saß auf dem Sofa, ich legte ihr Brot und Wasser auf den Tisch und sagte, dass sie nicht von ihrem Platz weggehen soll. Da wartete sie dann, bis ihre Brüder von der Schule kamen. Bei vielen Familien war es ähnlich.

Wann bist Du zurück in die Türkei gegangen?

Von der Regierung hieß es, dass jeder Rückkehrer in die Türkei seine sozialen Abgaben an den Staat zurückbekommen kann. Das war für meinen Mann sehr verlockend. Er entschied sich dafür. Ich wollte eigentlich nicht. Ich bereue es heute noch. Wieder sollte ich meine Söhne zurücklassen. Trotzdem entschieden wir uns 1984 zurückzukehren. Zwei Monate nachdem ich ein Enkelkind bekommen hatte.

Nach einigen Monaten kehrte ich zurück, um das mit den Sozialabgaben zu regeln. Kurz vor meiner Abreise sagten mein Sohn und seine Frau, dass sie mit dem Kind nicht arbeiten können. Sie mussten beide arbeiten, weil sie wegen ihrer Hochzeit verschuldet waren. Sie waren damals beide 19 Jahre alt, noch selbst Kinder. Ich nahm meinen Enkel zu mir in die Türkei, wo er, bis er sechs wurde, bei mir blieb. Solche Kinder nennt man wohl heute »Kofferkinder«.

Was geht Dir durch den Kopf, wenn Du zurückschaust?

Wir wollten nur arbeiten und ein menschenwürdiges Leben führen. Mich plagt heute noch vieles, und wir haben viele Fehler gemacht. Aber besser wussten wir es nicht, und keiner hat uns den Weg gezeigt. Ich lebe wieder in der Heimat und bin gezeichnet von der Arbeitsmigration und der Sehnsucht nach meinen Söhnen. So wie viele Arbeiterinnen auch.

Emine As wurde 1948 in Adana, Türkei, geboren und arbeitete von 1968 und 1984 in der BRD

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